Repertoiresuche

Suche nach Nachnamen

Detailsuche

BORIS GODUNOW. Oper in 4 Akten und einem
Prolog (10 Bilder)

Komponist: Mussorgski, Modest
Untertitel: Neufassung von Eberhard Kloke
Bearbeiter: Kloke, Eberhard
Textdichter: Mussorgski, Modest (Libretto)
Spieldauer: 180:00
Opus/Jahr: (18769/72/2015)
Gattung: Oper
Besetzung: 21 Sgst, gem. Chor, Orch. (29 St), BM (3 St.)

Inhalt:

Modest Mussorgski

Boris Godunow. Oper in vier Aufzgen und einem Prolog
Neufassungvon Eberhard Kloke (op. 56)

Libretto von Modest Mussorgski nach Alexander Puschkins Komdie vom Zaren Boris und Grischka Otrepjew
deutsche bersetzung von Max Hube, revidiert fr die vorliegende Edition von Andreas Prohaskaund Eberhard Kloke

Kurzfassung des Arbeitsberichtes zur Neuedition von Boris Godunow, Szenarium und Personaggio

Wenn man den einschlgigen Untersuchungen und Beschreibungen der Entstehungsgeschichte von Boris Godunov folgt (Lamm, Lloyd-Jones, Neef, Schreiber, Holland, Richard Taruskin), gelangt man schnell zu der Erkenntnis, dass Mussorgski im Wechselbad von der Ablehnung des Werkes bis hin zu den Planungen zur Urauffhrung (27.01.1874) am Mariinski Theater Petersburg mehrere Schritte der Umgestaltung vollzog. Daraus lsst sich keine nachvollziehbar einheitliche und endgltige Werkgestalt verifizieren, zumal Auffhrungsvorbereitungen und Herstellung von Klavierauszug zum Teil parallel erfolgten und nachweislich zu unterschiedlichen Ergebnissen gefhrt haben. Dass die allgegenwrtige Zensur zustzlich erschwerend den Werkprozess beeinflusste (siehe vor allem die Pimen- und Revolutionsszene, erlutert von Lloyd-Jones in D. Holland Boris Godunow, Texte-Materialien-Kommentare S. 166/67 und 180/81), kann nicht oft genug betont werden. So tuschen die Begriffe Ur-Boris und Original-Boris augenscheinlich darber hinweg, dass eben nur vordergrndig ein authentischer Werkzusammenhang vorliegt. Bestenfalls liee sich von den jeweiligen Fassungen von 1869, 1872 und 1874 sprechen. Gerade aber, wenn man die Gesamtdramaturgie in Betrachtung aller vorliegenden Materialteile bedenkt, sollte die Gewichtung der Protagonisten eine wesentliche Rolle spielen. Folglich muss der Werkzusammenhang einer erneuten dramaturgisch-konzeptionellen Betrachtung unterzogen werden. Bei allen editorischen Vorzgen der Lamm-Fassung (Moskau 1931) als dem Versuch, alle von Mussorgski instrumentierten Boris-Teile der sog. Urfassung und der Originalfassung einschlielich diverser nderungen vor, whrend der Vorbereitungszeit und nach der Urauffhrung herauszugeben, bleibt offen, wie nun eine dramaturgisch sinnvolle Boris-Oper auszusehen htte. Die Aufteilung von Szenen in Urfassung und Grundredaktion ergibt nur ein unklares Bild ber den Verlauf und die betreffende Auswahl der Szenen. Der sogenannte Ur-Boris kann selbstverstndlich so, wie er von Mussorgski notiert wurde, als eigenstndiges Werk (Aufstieg und Fall des Zaren Boris) aufgefhrt werden. Offensichtlich scheint das Pendel in der wechselvollenRezeptionsgeschichte von Boris Godunow zwischen Urfassung, Originalfassung, Rimsky-Fassung und Schostakowitsch-Fassung hin- und her zu schlagen. Obwohl Boris Godunow in letzter Zeit hufiger in der Urfassung aufgefhrt wurde mit der originalen Mussorgskischen Instrumentation , erschien diese Variante zunehmend unbefriedigend, da der Polen-Akt fehlt und somit der dramaturgische Zusammenhalt mit der Figur des Gregorij/des falschenDmitri. Gerade weil die Figur Boris sich im Verlauf des Werkes mehr und mehr auflst denn entwickelt, ist die kaleidoskopische, immer in Bewegung gesetzte personaggio um Boris die treibende dramatische Kraft im Werk.

Die Rolle des Grigori der falsche Dmitri ist sicher eine Schlsselfigur, da sich der Bogen spannt von seinem Traum (in Pimens Zelle, demAusgangspunkt der tragischen Story: der Geschichtsschreiber schafft die Fakten), ber seine Flucht (er muss ja nach Polen fliehen, um von dort als Sieger auf den Zarenthron heimzukehren und dann im Polenakt in der sog. falschen Liebesszene Statur zu bekommen) bis hin zum Cromy-Bild (Revolutionsbild), in welchem er sich quasi per Akklamation vom Volk besttigen lsst! (Dietmar Holland, S. 17: ... der mit voller Absicht durchgefhrte Versuch, die Entwicklung der Grigori-Handlung szenisch-musikalisch sinnfllig zu machen und negativ zu bewerten.) Der dramatische Kern und das treibende dramatische Motiv fr die Handlung besteht also darin, dass sich Grigori fr den authentischen Thronfolger ausgibt, den Boris angeblich ermordet haben soll.
Vor allem in der Urfassung existieren einige, oftmals etwas unbeholfen wirkende Instrumentationsdefizite (wie Schostakowitsch schon in den 1940ger Jahren lapidar bemerkte: ihm fehlte handwerkliche Sicherheit), die der Gesamtanlage des Ur-Boris eine oft zu karge und uneinheitliche, eben manchmal auch unfertig wirkende Klangbasis geben. Trotzdem ist gerade die erste Szene des Prologs in ihrer satztechnischen Aussparung (oft werden Drei- und Vierklanggebilde trotz tonaler Gesamtanlage verweigert zugunsten einfacher Intervallik) charakteristisch fr ein offensichtlich bewusst gesetztes Klangbild.Wichtig fr den dramaturgischen Zusammenhang einer erweiterten Fassung sind vorallem die gegenstzlichen, aber dramatisch-inhaltlich ineinandergreifenden Szenen Klosterzelle des Tschudow-Klosters (der alte Mnch Pimen und Grigori) sowie Schloss des Wojwoden Mnischek (Marina und spter Grigori als der falsche Dmitri). Gerade mit dem Gegenspieler von Boris in der Gestalt des Grigori-Dmitri ergibt sich eine ausgewogene dramatische Gewichtung, die mit dem Tod des jungen (echten) Thronfolgers Dmitri eigentlich gar nichts zu tun hat.Auf der einen Seite steht der Bericht des als Historienschreiber legitimierten Pimen ber den angeblich von Boris Godunow verursachten/befohlenen Mord am Thronfolger Dmitri. Dem gegenber setzt Puschkin nicht Mussorgski das Bekenntnis Grigoris ber seine wahre Herkunft zugleich verliert er vor Marina damit die Legitimation fr Thron und Ehebett und gewinnt nur beides zurck mit einem doppelten Etikettenschwindel: eine berzeugende Rolle zu spielen als Thronprdendent (Usurpator) Grigori Otrepjew sowie als angeblich ermordeter Zarewitsch Dmitri! Wie aus unten stehender Tabelle der Szenenfolge zu entnehmen ist, spielen jedoch gerade auch Szenen aus der Urfassung eine wesentliche Rolle: so das erste Bild des Prologs (Im Hof des Nowodiewitschi-Klosters) und das erste Bild des IV. Aktes (Basilius-Kathedrale mit dem Gottesnarren). Nicht zuletzt diese Szenen verleihen der Oper Boris Godunowvisionre Kraft. Die Auffhrungsdevise kann also nur lauten, alles von Mussorgsky komponierte Material zu bercksichtigen, und zwar in einer zumindest ideell authentischen Form. Ulrich Schreiber in Die Kunst der Oper, Geschichte des Musiktheaters,Band II, S. 722