Alles andere als ein unbeschriebenes Blatt

„Wenn die Musik eindeutig wäre“, befindet der Biograph und Journalist Bernd Feuchtner im Vorwort seines Schostakowitsch-Buches, „hätte sie ihre Faszination längst verloren. Nur sie ist es, die uns die komplizierte Wahrheit über ihren Urheber mitteilen kann. Dass sie darüber hinaus auch die Wahrheit über eine ganze Geschichtsepoche mitteilt, macht sie umso wertvoller. Nicht die Buchstaben gelehrter Werke über ihn oder offizieller Reden von ihm, sondern die Noten dieser Musikstücke sind die einzige verlässliche Quelle für die Schostakowitsch-Forschung.“ Sprichts und schreibt ein weiteres gelehrtes Werk über den Komponisten, das sich stilistisch dennoch von seinen Vorgängern unterscheidet.

Elegant formuliert und detailreich recherchiert erweitert sich seine Biographie immer wieder zu einer Darstellung der Zeit- und Kulturgeschichte, die Schostakowitschs Leben begleitet hat und der er so ambivalent gegenüberstand. Feuchtner hat durch seine jahrelange Beschäftigung mit Schostakowitschs Schaffen – er ist Redakteur der Zeitschrift „Opernwelt“ – gewiss ein anderes Verhältnis zu Schostakowitsch als Krzysztof Meyer, der den Komponist noch persönlich kannte und die vielen Falsch-Interpretationen seiner oft missverständlichen Äußerungen in seinem bei Lübbe erschienenen Buch „Schostakowitsch“ ins rechte Licht zu rücken versuchte.

Bernd Feuchtner sagt nicht viel Neues über den Komponisten, so dass sich vergleichsweise die dokumentarische Reihe der Schostakowitsch-Studien des Berliner Kuhn-Verlages für den anspruchsvolleren Leser empfehlenswerter darstellt. Gut gearbeitet und hochinformativ ist dagegen der umfangreiche Anhang mit ergänzenden Erklärungen. Das beigefügte Werkverzeichnis, das die Werke mit ihrem jeweils deutschen Titel ausweist, nicht aber die üblichen transliterierten und vor allem auf CDs meist verwendeten Bezeichnungen enthält, ordnet Feuchtner unter die Schlagworte Frühwerk, Stalinismus, Tauwetter und Spätwerk. Eine grobe Einteilung, die sicher mit den beiden zentral gewählten politischen Begriffen nicht ganz unproblematisch ist.

Bibliographische Angaben:

Bernd Feuchtner: Dimitri Schostakowitsch – „Und Kunst geknebelt von der großen Macht“. – Bärenreiter Metzler, 2002

ISBN 3-7618-2027-5