Zauberhaft und orientalisch: Musik von Frangis Ali-Sade

Die zurückliegenden Sommermonate waren voll von Uraufführungen neuer Werke der aserbaidschanischen Komponistin. Am 20. Juni 2004 kam in Bern-Muri „Schüschtar“ für 14 Streicher mit der Camerata Bern unter Leitung von Christine Busch zur Uraufführung. „Bei diesem Werk handelt es sich um einen großen Variationenzyklus im Mugam-Modus ‚Schüschtar’, dem wendigsten und geschmeidigsten Mugam, in dem sich zarte lyrische Stimmungen der Liebe mit höchster Dramatik und tiefer Trauer verbinden“, erklärt Ali-Sade. Das Werk existiert ebenfalls in einer seinerseits von Ivan Monighetti in Auftrag gegebenen Version für acht Celli und in seiner Ursprungsgestalt für 12 Celli, die einst on den 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker in Auftrag gegeben worden war.

Nur sieben Tage später, am 27. Juni 2004, brachte das „Atlas“-Ensemble Ali-Sades Werk „Zikr“ in Amsterdam zur Uraufführung. Die Komponistin: „Zikr bedeutet in der Übersetzung aus dem Farsischen: Gedenken, Erinnerung. Im Ritual der Sufis (islamische Mystiker) wurden zu Musikbegleitung einige Strophen aus Gedichten oder aus dem Koran wie heilige Beschwörungsformeln gesungen, durch deren Wiederholungen die Sufis bei allergrößter Konzentration ihrer Emotionen und Gedanken zur geheimen und göttlichen Wahrheit gelangten. In dem Stück für das „Atlas“-Ensemble wird ein Text des mittelalterlichen Sufi-Dichters Imadeddin Nasimi (1360-1417) verwendet. In diesem Text bringt der Dichter die Überlegenheit der Intuition und der inneren Erleuchtung gegenüber der rationalen Vernunft zum Ausdruck.“

Im irischen Bantry House erklang am 29. Juni zur ersten Mal Ali-Sades Klaviertrio „Impromptus“, ein Zyklus von sieben Sätzen, wobei den Hauptkern drei in ihrem Wesen unterschiedliche Sätze bilden, die für die vollständige Trio-Besetzung geschrieben sind. Die originellen Ecksätze Prélude und Postlude sind für präpariertes Klavier geschrieben. Es handelt sich um aserbaidschanische Tänze in gebrochenen Rhythmen, die dadurch gleichsam an infernalische Tänze erinnern. Zwischen den drei Impromptus befinden sich zwei virtuose Kadenzen für Violine und Violoncello. Diese beiden Sätze haben jeweils eine Überleitungsfunktion für die emotional unterschiedlichen Impromptus. Die Gesamtheit der Grundtöne der sieben Sätze entspricht den Stufen eines Mugam-Modus.

Bevorstehende Uraufführungen für das kommende Jahr sind u.a. ein Streichquartett (Minguet-Quartett), am 19. Mai 2005 in Amsterdam und ein Werk für Klavierquintett und Violoncello, das die Bayerische Staatsoper München bei Frangis Ali-Sade in Auftrag gegeben hat. Die Uraufführung findet in der Pinakothek der Moderne in München statt.