Andrey Boreyko und die Hamburger Symphoniker gedachten Schostakowitschs 100. Geburtstag

Die Hamburger Symphoniker haben am 9. Oktober 2006 ein eindrucksvolles Gedenkkonzert aus Anlass des 100. Geburtstagsjubiläums von Dmitri Schostakowitsch (25.9.2006) in der Hamburger Laeiszhalle gegeben. Die Tageszeitung DIE WELT kommentiert das Ereignis in ihrer Ausgabe vom 10. Oktober (Hamburg Feuilleton) mit folgenden Worten:

„Was man selbst an einem Komponisten bewundert, ist nicht unbedingt deckungsgleich mit dem, was andere an seiner Musik favorisieren. Jeder hat sein eigenes Bild. Auch Andrey Boreyko, Chefdirigent der Hamburger Symphoniker und Landsmann von Dmitri Schostakowitsch, dem er am Sonntag anlässlich seines 100. Geburtstages eine eindrucksvolle Hommage in der Laeiszhalle widmete. ‚Seinen’ Schostakowitsch wolle er dem Publikum an diesem Abend vorstellen, kündigte Boreyko als Moderator und Dirigent in Personalunion an. Am gleichen Konservatorium wie Schostakowitsch habe er studiert und die geistige Gegenwart eines der ‚größten Komponisten des 20. Jahrhunderts’ später noch unentwegt in den Gängen der St. Petersburger Institution gespürt. Dass bei Schostakowitsch ausgelassenste Freude, beißender Spott, tiefste Verzweiflung und Anklage unmittelbar präsent sind, spiegelte sich exemplarisch in Boreykos Programm wider. Unter dem Titel „Elf Tage eines Lebens 1934-1935“ hatte er seine ganz persönliche Suite aus populären Ballettmusikausschnitten und fünf, wie er sagt, „enigmatischen“ Fragmenten des Komponisten zusammengestellt. Es sind Werke eines einzigen Schaffensjahrs, deren Ausdrucksbreite von knallig-effektvoller Zirkushaftigkeit bis zu tief in sich gebrochener, ungeformter Gedankenverlorenheit reicht. Erstickte Klagegesänge, scharfe Trommelakzente, an Gustav Mahlers Trauermärsche erinnernde Phrasen verbinden sich mit trunkener Tanzseligkeit, stürmischen Galopps und harten Xylophon-Soli. (...)

So recht auf der Höhe zeigten sich die Symphoniker bei Schostakowitschs aufwühlender 13. Symphonie „Babi Jar“. Eigentlich ist das Spätwerk mehr eine Kantate, ja der Versuch, thematisch nur teilweise miteinander korrespondierende Gedichte des Autors Jewgeni Jewtuschenko in einem symphonischen Zyklus zusammenzufassen. Für die Ausführung hatten die Symphoniker extra den Männerchor des Tschechischen Rundfunkchores Prag nach Hamburg eingeladen, der in einen faszinierenden Dialog mit dem Solo-Bassisten Robert Holl trat. Mit gewaltigem Stimmvolumen und erstklassiger Deklamation formte der Wagner-Sänger die Textinhalte und gab ihnen – ähnlich wie Kurt Moll es in solchen Fällen zu tun pflegt – etwas Opernhaft-Darstellerisches. Krachende Gongs und wilde Paukenschläge malten dabei das Grauen der Ermordung abertausender russischer Juden im sowjetischen Babi Jar bei Kiew.

Die Symphoniker haben dem russischen Komponisten-Weltstar einen würdigen Glückwunsch überreicht. Am 4./5.11. werden sie dies für eine Komponistin der Schostakowitsch-Nachfolge gleich schon wieder tun. Zum 75. Geburtstag von Sofia Gubaidulina steht deren Klavierkonzert 'Introitus' auf dem Programm.“ (DIE WELT, 10.10.2006)