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„Musikalisch unsere Zeit erzählen und vermitteln“ Der estnische Komponist Jüri Reinvere wird 50

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Der estnische Komponist Jüri Reinvere, der auch schon als Moderator im finnischen und estnischen Rundfunk gearbeitet hat und sich von der Filmlegende Ingmar Bergman inspirieren ließ, begeht am 2. Dezember 2021 seinen 50. Geburtstag. „Ich schreibe gern für die Bühne“, erklärt Reinvere, „weil ich mit Ingmar Bergman viel über

die Entwicklung dramatischer Charaktere nachgedacht habe: über Psychologie, Motivationen, Konflikte.“ Drei Orchesterwerke von Reinvere wurden im Oktober/November 2021 in dichter Folge uraufgeführt: „Das innere Meer“ für großes Orchester (Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern unter Pietari Inkinen in Saarbrücken am 31.10.2021), „Zwei Armbänder von Klara“ für Kammerorchester (Tallinn Chamber Orchestra in Tallinn am 10.11.2021) und „Vom Sterben der Sterne“. Symphonische Notizen für Orchester (Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Pablo Heras-Casado in München am 12.11.2021).

Jüri Reinveres Musik verwendet oft eigene Dichtungen, in deren komplexer Sprache eigene Erfahrungen eines kosmopolitischen Lebens eingeflossen sind. Sein erster Lehrer in Komposition war Lepo Sumera. Die Klavierausbildung in Tallinn führte ihn bis zur Konzertreife. Von 1990 bis 1992 studierte Reinvere Komposition an der Fryderyk-Chopin-Musikakademie in Warschau. Ab 1994 begann er ein Kompositionsstudium an der Sibelius-Akademie in Helsinki, das er bei Veli-Matti Puumala und Tapio Nevanlinna 2004 abschloss. Reinvere selbst hält drei Dinge in seiner Herkunft für zentral: seine Kindheit und Jugend in Sowjetestland, seine Schulung in Finnland, seine langjährige schöpferische Freundschaft mit Käbi Laretei und Ingmar Bergman.

Reinveres Ästhetik kennt zwei Richtungen, eine entschiedene Modernität mit allen klanglichen Härten und zugleich einen ungebrochenen Mut zur Romantik, weshalb seine Musik sehr unterschiedlich klingen kann. Seine Großwerke, besonders die Opern und Orchesterstücke, vermitteln zwischen beiden Richtungen. Sie halten an einem psychologischen Verständnis von Dramatik fest, erweitern aber die Mittel der Darstellung über die bisherige Tradition hinaus. Seine symphonische Musik verschmilzt verschiedene Orchesterdialekte Europas, vor allem die eher koloristische Schule Frankreichs mit der eher symbolisch konnotierten Instrumentationstradition Deutschlands.

In seiner Kammermusik und den Ensemblewerken verbindet Reinvere avancierte Verfahren der Klangerzeugung mit klassischen Erzählstrukturen. Die strenge Durcharbeitung der Werkgestalt geht dabei einher mit einer inhaltlichen Öffnung für andere Künste, für Fragen der Theologie, der Politik, der allgemeinen Geschichte und der alltäglichen Lebenswelt. Jedoch liegt das Gewicht auf der unmittelbar sinnlichen Präsenz der Kunst.

Das aktuelle Interview mit dem Komponisten:

Inwieweit hat sich Ihr Stil in jüngeren Werken verändert?

Reinvere: Mein „Stil”, wenn ich so sagen darf, war ja ohnehin schon recht vielfältig. Wenn man mein Requiem gegen meine erste Oper „Fegefeuer” hält – beide fast gleichzeitig geschrieben – dann sind die Unterschiede der klanglichen Welten immens. Daran hat sich insofern nicht viel geändert, als ich meiner Überzeugung treu geblieben

bin, keiner Ideologie anzuhängen, keiner politischen, keiner künstlerischen, seien es Ideologien des Materials oder des Verfahrens. Aber jedes Material, jedes Verfahren kann Inspiration für mich sein. Ich hege da keinerlei Ressentiments. Was ich mir wünsche, ist, dass die Menschen beim Hören meiner Musik emotional berührt sind und etwas zu denken bekommen, überhaupt: dass ihnen etwas gegeben, nicht genommen wird und dass es Musik ist, zu der sie Zutrauen fassen können.

Tatsächlich ist es in den letzten Jahren so gewesen, dass der Anteil rein instrumentaler

Musik bei mir zugenommen hat. Ich hatte zuvor vielfach eigene Gedichte, oft über elektronische Zuspielung, in meine Stücke einbezogen. Zuletzt war es eher so, dass ich meine eigenen Texte – in den Liederzyklen „Bleicher Karneval“ und „Lieder bei schwindendem Licht“ wie auch in der Oper „Minona“ – zum Singen vertont habe. Daneben aber sind, fußend auf Gesprächen mit den Auftraggebern, zunehmend reine Instrumentalwerke, Orchester- wie Kammermusik, entstanden, ganz ohne Textbezug. 

Die Bühnenwerke sind dennoch ein zentraler Bestandteil Ihres Schaffens. Kann man so weit gehen, das musikdramatische Element auch als Wesensmerkmal Ihrer Instrumentalmusik zu bezeichnen?

Ich schreibe in der Tat gern für die Bühne, weil ich mit Ingmar Bergman viel über die Entwicklung dramatischer Charaktere nachgedacht habe: über Psychologie, Motivationen, Konflikte. Und ich bemühe mich darum, dass auch meine Instrumentalmusik erzählerische Qualitäten hat. Sie sollte dem Hörer ein sinnfälliges Formerlebnis ermöglichen. Das muss aber nicht den Konventionen klassischer Formen oder dem Ideal klassischer Schönheit folgen. Auch die Negation solcher Form- und Normerwartungen kann zu einer starken Sinnerfahrung werden. Die Fülle wie die Leere, das Schöne wie das Hässliche, das Feine wie das Grobe, das Zarte wie das Raue, sogar das Unvollendete können starke Gestalt und Ausdrucksqualitäten sein. Allerdings schreibe ich keine Programmmusik; meine Titel eröffnen nur Assoziationsräume. Für die Oper gilt das nicht. Die Oper braucht mehr als Assoziationsräume, sie braucht stringente Dramatik. Das Publikum geht ins Theater, um Geschichten erzählt zu bekommen. Meine große Sorge ist, dass im Gegenwartstheater das Erzählen mehr und mehr überwuchert wird vom Referieren und Kommentieren. George Steiner sprach von „Fußnotenkunst”, vom Verlust des Primären und dem Überhandnehmen des Sekundären. Damit macht man das Theater, Kunst schlechthin, überflüssig. Wir müssen unsere Zeit erzählen und vermitteln können, sonst schaffen wir uns ab.

Foto: Jüri Reinvere und Paavo Järvi © Archiv J. Reinvere

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