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Sofia Gubaidulina, der Grande Dame der Neuen Musik, zum 90. Geburtstag

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“Ich höre die Welt in mir klingen und möchte dies in eine musikalische Form bringen und in Tönen fixieren – wie ein Mensch des Altertums, der das, was er erlebt und gesehen hat, an der Wand seiner Höhle festhalten möchte.”

Sofia Gubaidulina musste sich nicht an bestimmten Richtungen des zeitgenössischen Komponierens orientieren, um zu ihrem Stil zu finden. Sie begab sich auch nicht zwanghaft auf die Suche nach einem bestimmten Ausdruck, sondern ließ ihre musikalische Sprache sich frei entwickeln. Infolgedessen gibt es auch keine bestimmten, klar voneinander zu trennenden Phasen in ihrem Schaffen, wie es bei vielen anderen Komponisten der Fall ist. Gubaidulinas Schaffen bewegt und entfaltet sich in einem ruhigen Fluss. Eins entwickelt sich aus dem anderen, und immer liegt den Werken ein klar formulierter inhaltlicher Gedanke oder eine strukturelle Gestaltungsidee zu Grunde, die die Komponistin mit formeller Klarheit konsequent ausarbeitet. Bei alldem sind sowohl die Philosophie, die Literatur als auch Gubaidulinas strenger, ja leidenschaftlicher christlicher Glaube nur Teile eines Ganzen. Neugier und Experimentierfreude spielen im Schaffen dieser Komponistin eine nicht minder große Rolle. Schon in ihren frühen Jahren hat sich Gubaidulina intensiv mit der Improvisation beschäftigt. Später entdeckte sie das außergewöhnliche Instrumentarium des Fernen Ostens. Oft reiste die Komponistin nach Asien oder Japan und sammelte dort Instrumente der jeweiligen Länder, deren Handhabung sie erlernte und die sie zum Teil in ihre Kompositionen einband. Wenn man von einem roten Faden in Sofia Gubaidulinas schöpferischer Tätigkeit sprechen möchte, dann ist es der Mensch und seine Beziehung zu Gott. Der christliche Glaube ist Quelle und Orientierung im Denken dieser Komponistin, die am 24. Oktober 2021 ihren 90. Geburtstag begeht. Gubaidulina benutzte zur Charakterisierung der Entstehung eines musikalischen Werkes einmal das Bild vom „Züchten“. Dabei sieht sie sich als eine Art Gärtnerin, weniger als konstruierende Architektin. Mit Hilfe eines mit jedem Werk neu entwickelten Klang- und Dramaturgiekonzepts bestimmt sie Form und Struktur und bemüht sich so, ihre Fantasie zu zügeln und in feste Bahnen zu lenken.

Seit den 1980er Jahren spielen für Gubaidulina Zahlenverhältnisse eine wichtige Rolle, mit deren Hilfe sie Tonhöhen, Rhythmen und Formverläufe strukturiert. In ihrem Bemühen, Intellektualität und Emotionalität miteinander zu verbinden, fühlt sie sich Johann Sebastian Bach wesensnah. Nicht selten entwickelt sie ihre Werke aus der Stille heraus. Als ihr Opus summum bezeichnet sie ihre Dilogie Johannes-Passion und Johannes-Ostern, in dem sie in einem kühnen theologischen Ansatz die Evangelistentexte mit Textpassagen aus der Apokalypse kontrapunktiert.

Im Umfeld ihres 85. Geburtstages schrieb sie ein weiteres großangelegtes Oratorium mit dem Titel „Über Liebe und Hass“, das eines der letzten Werke ihres Lebens sein soll und als eine Art Vermächtnis angesehen werden kann, als ihr inständiger und verzweifelter Appell an die Menschheit, Gottes Geboten zu folgen und einen dauerhaften Frieden herzustellen. Da dieses Thema die Komponistin in den letzten Jahren sehr beschäftigt hat, haben wir sie anlässlich ihres bevorstehenden 90. Geburtstags gefragt, wie ihre Musik ihrer Meinung nach in dieser in Unordnung geratenen Welt dazu beitragen kann, die Menschen zur Besinnung zu bringen und Frieden zu stiften. Sofia Gubaidulinas Antwort: 

„Um auf die Frage zu antworten, muss man die tiefere Ursache dieses bedrohlichen Szenarios verstehen. Im Wesentlichen ist das Problem mit den Begriffspaaren hoch/niedrig, ideell/materiell, gut/böse, endlich/unendlich zu erklären. Im Laufe der letzten zweieinhalbtausend Jahre verlor die Dimension des Erhabenen ihre vertikale Ausrichtung und bewegte sich in die Richtung einer Dimension der Flachheit. Gegenwärtig befinden sich diese zwei gegensätzlichen Dimensionen auf einer Linie, auf der Ebene einer ausschließlich materiellen, physischen Existenz. Zahlreiche Aspekte dieses Vorgangs kollidieren miteinander und schaffen ein Chaos. Der Sog dieser existentiellen Entwicklung hat einen Punkt erreicht, an dem diese in eine immer enger werdende Spirale überzugehen und auf eine Explosion zuzusteuern droht. Auch die Kunst der Musik ist, wie jede andere Kunstrichtung, von diesem existentiellen Gefühl tangiert. Warum? Weil gerade diese Kunstrichtung mit einer Materie zu tun hat, die das Endliche mit dem Unendlichen unmittelbar verbindet. In diesem Sinne verfügt gerade die Klangkunst über jenes Mittel, mit dessen Hilfe der Mensch in seinem rasanten Fall aufgehalten werden könnte.

Leider ist der Mensch, ungeachtet all seiner Vorzüge, im Vergleich zu den anderen Lebewesen unzulänglich und unreif. Und eher schrecklich schwach – und hoffnungs-

los zu spät. In diesem Sinne bin ich persönlich eher pessimistisch gestimmt. Und dennoch habe ich eine gewisse Hoffnung: Ich setze auf die Begeisterung unserer gegenwärtigen Generation, d.h. der Musiker des 20. und 21. Jahrhunderts. Sind wir denn nicht glückliche Menschen? Wir haben die Möglichkeit, mit jenen Meisterwerken in Berührung zu kommen, die uns bereits vollendet vorliegen. All meine Hoffnung ruht daher auf den Interpreten dieses reichhaltigen Schatzes. All meine Hoffnung ruht auf den Interpreten und Veranstaltern, die sich für diese schöne und erhabene Kunst engagieren, und auf deren Begeisterung, die reell existiert und tatsächlich wirksam ist. Und die ist unzerstörbar!“

Im Umfeld von Sofia Gubaidulinas 90. Geburtstag sind zahlreiche Veranstaltungen, Aufführungsprojekte und Festivals sowie Buch- und CD-Veröffentlichungen geplant. Das Gubaidulina-Zentrum Kasan hat zudem einen Film mit dem Titel „Sofia Gubaidulina – Dialog: Ich und Du“ produziert, der im Oktober 2021 beim dortigen Gubaidulina-Festival erstaufgeführt werden soll. 

Das Spätwerk
 

„Das Licht des Endes“ für großes Orchester (2003)

In diesem großbesetzten, etwa 25-minütigen Werk spielen die Blechbläser, in der  tiefen Lage verstärkt durch Tenor-Bassposaune und Kontrabassposaune, eine besondere Rolle. Die deutlich hörbare Unsauberkeit in den Hörnern zu Beginn ergibt sich aus der Tatsache, dass die Komponistin ihnen passagenweise vorschreibt, Naturtöne zu blasen, statt ihre Tonhöhen im Sinne des heute üblichen Verfahrens der temperierten Skala anzugleichen. Nach ihrer eigenen Aussage beabsichtigt Sofia Gubaidulina in diesem Werk, ein Grundsatzproblem ihrer menschlichen Erfahrung, nämlich den von ihr als schmerzlich empfundenen Konflikt zwischen Natur und Realität, in musikalisch-akustische Zusammenhänge zu übertragen. Derartiger Transfer-Verfahren bedient sich die Komponistin oft und gern in ihrem Schaffen. Am Ende löst sich die Intonationsproblematik in einer hellen, lichten Klangwelt aus Naturflageoletts, Glissandi und Trillern in Harfe und hohen Streichern auf.

„... The Deceitful Face of Hope and of Despair“ für Flöte und Orchester (2005)

Der Titel des 2005 für die Flötistin Sharon Bezaly entstandenen Flötenkonzerts „... The Deceitful Face of Hope and Despair“ entstammt T. S. Eliots Poem „Ash Wednesday“ aus dem Jahre 1927. Darin geht es um die Hoffnungslosigkeit eines Menschen, seinen inneren Kampf, aber auch um den Versuch, sich in der Verzweiflung dem Glauben zuzuwenden. Eliot bezieht sich zudem auf das Inferno aus Dantes „Divina Commedia”. 

Auch in diesem Werk übersetzt Gubaidulina wieder menschliche Gefühlszustände in musikalisch-akustische Phänomene, indem sie mit verschieden schnell pulsierenden Differenztönen arbeitet. 

Nach Aussage der Komponistin ist die konsequente Beschleunigung und die konsequente Verlangsamung des Klangpulses das zentrale Thema dieses Flötenkonzerts.

„Die Leier des Orpheus“ für Violine, Schlagzeug und Streicher (2006)

Die Leier des Orpheus, jenes Instrument des griechischen mythischen, von thrakischen Frauen getöteten Sängers soll der Legende nach über Flüsse und Meere getrieben sein und dabei Klagegesänge gespielt haben. Uraufgeführt wurde das Werk am 11. Juni 2006 in Basel im Rahmen des Festivals ‚les muséiques‘ von Peter Sadlo und Andrei Pushkarev (Schlagzeug), Gidon Kremer (Violine) und der Kremerata Balti-

ca unter Leitung von Roman Kofman. 

„Das Gastmahl während der Pest“ für großes Orchester (2006)

Mit „Das Gastmahl während der Pest” ist eine der vier sogenannten kleinen Tragödien von Alexander Puschkin überschrieben. Das Sujet hat in der gegenwärtigen Corona-Situation eine erschreckende Aktualität, geht es doch um junge Leute, die zusammengekommen sind und ein Fest feiern, während vor der Tür ein Karren mit 

Pesttoten vorüberfährt. Gubaidulina fokussiert in ihrem Orchesterwerk das Thema höchster Intensität des Lebens und des Sich-Bewusst-Machens einer gelebten Gegenwart im Angesicht des Todes.

Die Komponistin betrachtet die drei Werke „Die Leier des Orpheus“, „... The Deceitful Face of Hope and of Despair“ und „Das Gastmahl während der Pest“ als ein Werk-Triptychon mit dem Titel „Nadejka“, das sie ihrer 2004 verstorbenen Tochter gewidmet hat. Im Januar 2007 kam es in London einmal zu einer Aufführung aller drei Werke in einem Konzert.

„In tempus praesens“. Konzert Nr. 2 für Violine und Orchester (2007)

Im Auftrag der Paul Sacher Stiftung schrieb Sofia Gubaidulina, 26 Jahre nach ihrem Gidon Kremer gewidmeten Violinkonzert „Offertorium“, ein zweites Violinkonzert, diesmal für Anne-Sophie Mutter. Lange hatte sie sich gescheut, dem ausgesprochen gelungenen Erstlingswerk ein weiteres Violinkonzert folgen zu lassen. 

„In tempus praesens“ thematisiert das Problem der Zeit im menschlichen Leben und in der Kunst und deren Einfluss auf die formale Werkgestaltung. Sie erklärt dazu: „Mich beunruhigt in höchstem Maße das Problem der Zeit. Im alltäglichen Leben haben wir niemals echte Zeit. Nur im Traum, in der religiösen Erfahrung und in der Kunst können wir andauernde echte Zeit erwarten. Eben deshalb existiert musikalische Form. In ihrem Verlauf erduldet sie eine Vielzahl von Ereignissen. Und diese können eine übergreifende Form bilden, zum Beispiel eine, die einer Pyramide ähnelt. Das vollständige Erleben dieser Pyramide stellt zugleich die andauernde echte Zeit dar – ‚In tempus praesens‘ – wörtlich: für jetzt.“

„Glorious Percussion“ für Schlagzeugensemble und Orchester (2008)

Das Konzert „Glorious Percussion“ wurde von dem schwedischen Schlagzeuger An-ders Loguin, den Göteborgern Symphonikern, der Dresdner Philharmonie, dem Luzerner Sinfonieorchester und dem Philharmonischen Orchester Bergen gemeinsam in Auftrag gegeben. Sofia Gubaidulina sagte zu diesem Werk einmal, dass es sich durch zwei Besonderheiten von ihren vorhergehenden Arbeiten unterscheide: „1. Das zentrale Thema ist hier die Übereinstimmung der klingenden Intervalle mit ihren Differenztönen. Daraus ergibt sich dann auch die Gliederung der Form. 2. Die Soloschlagzeuger haben in diesem Werk sieben Episoden, in denen sie vor das Orchester treten und ohne festgelegten Notentext improvisieren. Dies ist gleichsam eine Reminiszenz an eine Aufführungspraxis aus einer Zeit, als lediglich eine mündliche Kultur existierte.”

„Fachwerk“ für Bajan, Schlagzeug und Orchester (2009)

Sofia Gubaidulina hat ihre Komposition für den in Kopenhagen lebenden norwe-gischen Bajanvirtuosen Geir Draugsvoll geschrieben und ihm gewidmet. Für Gubaidulina enthält der auf die mittelalterliche Stabwerk-Bauweise von Gebäuden bezogene Begriff „Fachwerk“, dessen Wortklang sie ungemein fasziniert, zwei Komponenten. Zum einen steckt darin die handwerkliche Arbeit, die notwendig ist, um eine Komposition in Struktur, Form, Architektur und zeitlichem Ablauf zu einem aufführbaren musikalischen Werk zu machen. Zum anderen hat der Begriff auch eine ästhetische Komponente. Dient doch die Fachwerkbauweise der Häuser des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit nicht nur statischen Gesichtspunkten, sondern verleiht den Gebäuden auch ein besonders reizvolles, malerisches Aussehen. Auch in dem Instrument Bajan manifestiert sich aufgrund seiner Bauweise und seiner spezifischen Klangmöglichkeiten in den Augen der Komponistin das ‚Fachwerk‘-Prinzip in vollendeter Weise. So verbinden sich in Sofia Gubaidulinas neuestem Instrumentalkonzert – wie auch in ihren bisherigen Werken – Schönheit und Konstruktion zu einem künstlerischen Ganzen. 

„Fantasie über das Thema S-H-E-A“ für zwei Klaviere (2009)

Die 2009 entstandene „Fantasie über das Thema S-H-E-A“ für zwei Klaviere ist Paloma O’Shea gewidmet, der spanischen Pianistin, Kunstmäzenin und Präsidentin der Fondación Albéniz, und ist Teil eines Auftragsprogramms zu O’Sheas 70. Geburtstag. Die bis Ende Dezember 2009 vorgelegten Auftragskompositionen wurden dann in diversen Zyklen uraufgeführt. Das Werk, bei dem der zweite Flügel einen Viertelton tiefer gestimmt sein muss, ist technisch sehr anspruchsvoll insbesondere aufgrund seiner dynamischen Bandbreite und rhythmischen Komplexität. Oft hat einer der Pianisten in die Flügelsaiten seines Gegenübers zu greifen und durch das Reiben der Saiten sphärische Geräusche zu erzeugen.

„Sotto voce“ für Viola, Kontrabass und zwei Gitarren (2010)

„Sotto voce“ ist dem Kontrabassisten Alexander Suslin gewidmet, dem Sohn von 

Gubaidulinas Freund und Kollegen Viktor Suslin. Mit diesem arbeitet die Komponistin seit vielen Jahren in Kontrabassfragen eng zusammen. Nach ihren Erfahrungen mit dem Werk „Pentimento“, bei dem sie bereits Kontrabass und Gitarren miteinander kombinierte, schrieb sie mit „Sotto voce“ ein Werk, bei dem sie dem Kontrabass eine Viola und zwei Gitarren gegenüberstellte. „Die Besetzung faszinierte mich”, so die Komponistin, „durch ihre dunkle Farbe und durch ihre Möglichkeit, einen Kontrast zu schaffen zwischen einem gedämpften, fast geflüsterten „sotto-voce“-Klang und jener besonderen Expressivität, die den tiefen Instrumenten eigen ist.” Die Quart- und Quintstimmung der verschiedenen Saiteninstrumente und ein sich ständig wiederholendes Motiv spielen die Hauptrolle in diesem aparten Werk.

„So sei es“ für Violine, Kontrabass  und Schlagzeug (2013)

„So sei es“ ist die erste vollständige Komposition von  Sofia  Gubaidulina  nach  ihrem  

Krisenjahr 2012, das von Krankheiten und einer  kreativen  Leere  geprägt  gewesen  

war. Sie schrieb das Werk unter dem Eindruck des Todes ihres Freundes und Komponistenkollegen Viktor Suslin, der am 10. Juli 2012 verstorben war. Mit seinem Tod verlor Sofia Gubaidulina ihren letzten musikalischen Mitstreiter und Mitdenker aus Moskauer Tagen. Gubaidulinas Musik ist keine Trauermusik, keine Vertonung biblischer Endzeittexte, sondern ein Werk für nur vier Instrumentalisten, eine geistreich-subtile Hommage an den Verstorbenen, eine letzte Botschaft an den Seelenverwandten, mit zahlreichen versteckten und offenen Bezügen zu seiner klanglich-harmonischen Ästhetik, mit dem von beiden geliebten B-A-C-H-Motiv und immer wieder durchsetzt von Kreuzmotivik. Gubaidulina sieht keine Veranlassung, im Angesicht des Todes eine Trauermusik erklingen zu lassen. Ihre Antwort ist ein „Amen“ – oder in deutscher Übertragung: „So sei es“.

„Die Pilger“ für Violine, Kontrabass, Klavier und zwei Schlagzeuger (2014)

Diese Komposition ist ein Auftragswerk der Serge Koussevitsky Music Foundation der Library of Congress und entstand für das Contempo Ensemble Chicago. „Das Werk ist in Form von Variationen geschrieben“, erklärt Sofia Gubaidulina. „Diesen liegt ein Thema zugrunde, das an eine Art Prozession von Pilgern (Wallfahrern) erinnert, die in ihrem Innersten nach etwas Heiligem forschen. Ein solches Hören auf etwas, das sich außerhalb des Alltäglichen befindet, ereignet sich auf ihrem Weg einige Male in Form eines flirrenden, statischen Akkordes. Im Wesentlichen geht es hier um eine Gegenüberstellung des linearen Verlaufs des alltäglichen Lebens und der Vertikalen eines Ereignisses außerhalb von Raum und Zeit.”

„Einfaches Gebet“. Messa bassa für Sprecher, zwei Violoncelli, Kontrabass, Klavier und zwei Schlagzeuger (2016)

Gubaidulina schrieb das „Einfache Gebet“ für den russischen Cellisten Vladimir Tonkha, der in der Moskauer Uraufführung in einer Doppelrolle als Sprecher und Cellist mitwirkte. Das Werk entstand während Gubaidulinas Arbeit an dem Oratorium „Über Liebe und Hass“ und basiert teilweise auf dessen musikalischem Material und Texten, die im Wesentlichen den Psalmen Davids entnommen sind. Das Werk endet mit einer Rezitation des sog. „Einfachen Gebets“. Hierunter versteht man im russischen Sprachraum das sogenannte „Friedensgebet“ („Herr, mache mich zu einem Werkzeug deines Friedens“), das aus Frankreich stammt und 1912 erstmals veröffentlicht wurde. 

Das Gebet wird häufig Franz von Assisi zugeschrieben, wofür es jedoch keine historischen Belege gibt.

Tripelkonzert für Violine, Violoncello, Bajan und Orchester (2017)

Gubaidulina schrieb ihr Tripelkonzert im Auftrag des Boston Symphony Orchestra, der New York Carnegie Hall, der NDR Radiophilharmonie Hannover und des Tonhalle-Orchesters Zürich. Das Konzert entstand auf Veranlassung der Bajansolistin Elsbeth Moser, der es auch gewidmet ist. Es hat die ungewöhnliche Solistenbesetzung Violine, Violoncello und Bajan. Das russische Knopfakkordeon Bajan gehört zu den Lieblingsinstrumenten der Komponistin, für das sie zahlreiche Solo- und Kammermusikwerke und auch ein Solokonzert schrieb. In diesem Werk spielt für Gubaidulina die Zahl Drei eine besondere Rolle. Dies findet seinen Niederschlag nicht nur in der Anzahl der Solisten, sondern auch in der Dreiteiligkeit der Form und in der Verwendung immer wieder auftretender einfacher Dreiklänge. Doch im Kern geht es der Komponistin darum, mit der Expansion und der Anziehungskraft von Intervallen zu experimentieren. In diesen physikalischen Phänomenen manifestiere sich nach Aussage der Komponistin gleichsam ein kosmisches Drama.

„Über Liebe und Hass“ für Sopran, Tenor, Bariton, Bass, zwei gem. Chöre und Orchester (2016 /2018)

„Über Liebe und Hass“ ist ein Auftragswerk der Staatskapelle Dresden, der Stiftung Frauenkirche Dresden, des Philharmonischen Orchesters Rotterdam und des Rot-terdam Philharmonic Gergiev Festivals. Die Komponistin legte im Jahre 2016 zunächst eine Fassung in 9 Sätzen vor, die sie dann zwei Jahre später zu einer 15-sätzigen Version erweiterte. Gubaidulina vertont in ihrem Oratorium Psalmen- und Gebetstexte in deutscher, russischer, italienischer und französischer Sprache. Das Werk ist in seinem musikalischen und textlichen Gehalt die spirituelle Reaktion der Komponistin auf die zunehmende Friedlosigkeit unserer heutigen Welt. Sie leidet unter der Feindschaft zwischen den Völkern und der Zerstrittenheit der Religionen, die zunehmend in menschenverachtende Gewalt umschlägt: „Keine Religion dieser Welt hat das Recht, sich über eine andere Religion zu erheben und Hass gegen sie zu schüren“, sagte sie einmal. Mit einer eindringlichen, expressiven Klangsprache beschwört Gubaidulina in diesem Oratorium die zerstörerische Macht des Hasses und die heilende Kraft der Liebe. In einem großen theologischen Diskurs, der den Hass der Menschen ebenso benennt wie den Zorn Gottes angesichts solchen Verhaltens gipfelt das Werk in dem Gebet „Herr, mache mich zum Werkzeug deines Friedens” und in der Anrufung des Heiligen Geistes, der die Menschen auf den Pfad der Liebe zurückbringen möge.

„Dialog: Ich und Du“. Konzert Nr. 3 für Violine und Orchester (2018)

Der Titel des Werkes bezieht sich auf das von Sofia Gubaidulina besonders geschätzte Buch „Ich und Du“ von Martin Buber. Buber spricht in diesem Buch über eine Welt, die von ihm als „zwiefältig“ bezeichnet wird. Zwiefältig auch deshalb, weil der Mensch die Welt oft mit Wortpaaren zu beschreiben versucht wie zum Beispiel ‚Ich – Du‘ oder ‚Ich – Es‘. „Der Mensch, das ist ein Wesen, das sich seines Platzes im All bewusst ist. Das ist ein Wesen, das danach strebt, in die Welt heranzugehen und sie zu erkennen. Aber 

wichtiger als alles ist, dass ihm die Beziehung zwischen ihm und dieser Welt bekannt ist.“ Gubaidulina greift Bubers komplexe Darstellung in ihrem „Dialog: Ich und Du“ auf. „Die Grundfrage des Gesprächs zwischen dem ‚Ich‘ des Solisten und dem ‚Ich‘ des Dirigenten ist im Wesentlichen: Die Frage nach Zwiefalt und Drama, die aus diesem Konflikt hervorgeht.“

Der Geiger Vadim Repin und das Philharmonische Orchester Nowosibirsk unter der Leitung von Andres Mustonen brachten das Werk am 2. April 2018 in Nowosibirsk zur Uraufführung.

„Der Zorn Gottes“ für Orchester (2019)

Das Orchesterwerk „Der Zorn Gottes“ war ursprünglich ein Auftrag der Staatskapelle Dresden gewesen, der, als sich die Fertigstellung verzögerte, an die Osterfestspiele Salzburg weitergegeben wurde. Es handelt sich dabei um ein Werk, das Gedanken aus Gubaidulinas jüngstem Oratorium „Über Liebe und Hass“ aufgreift. Die Komponistin hat das Werk im Autograph „dem großen Beethoven“ gewidmet. Dass es im Jahr des 250. Geburtstags von Beethoven zur Uraufführung gelangte und nicht, wie ursprünglich einmal vorgesehen, bereits im Frühjahr 2019, war eine glückliche Fügung. Die Komponistin beabsichtigt, dem „Zorn Gottes” einen „Prolog” für Orchester voranzustellen, der der Beethoven-Frage „Muss es sein?” nachgeht. Dieses Werk ist noch nicht vollendet.

Events zu Sofia Gubaidulinas 90. Geburtstag (24.10.2021)
 

Besondere Veranstaltungen und Festivals:

Saison 2021/22
Leipzig
Sofia Gubaidulina ist Gewandhauskomponistin (bis Sommer 2023)
Zahlreiche Aufführungen des Gewandhausorchesters 
(u.a. Tripelkonzert, Offertorium, Violakonzert, Sonnengesang)

29. Aug.+10.+12. Sept. 2021
Weimar
Gubaidulina-Aufführungen im Rahmen des Kunstfests Weimar unter dem Motto „Gebet des Klanges“:
29.8. (Stadtkirche): „In croce“ für Violoncello und Orgel
10.9. (Theaterfoyer): Chaconne, „Silenzio“, „Klänge des Waldes“
(Christina Meisner, Violoncello / Martin Sturm, Orgel / Christoph Ritter, Klavier / Ensemble klangwerk am bauhaus / Claudia Buder, Bajan)

16./17. September 2021
Reykjavik
Isl. Erstaufführung „Fachwerk“ mit Geir Draugsvoll und dem Isländischen Sinfonieorchester unter Eva Ollikainen

09.+10. Oktober 2021
Amsterdam (9.10.) und Nijmegen (10.10.)
Porträtkonzerte mit 9 Gubaidulina-Kammermusikwerken (u.a. Galgenlieder à 5)
(Vincent van Amsterdam, Akkordeon / Jan Hage, Orgel u.a.)

16. Oktober 2021
Salzburg
Gubaidulina-Porträtveranstaltung am Mozarteum
(u.a. „Concordanza“ und „Descensio“)

25.-31. Oktober 2021
Kasan
Gubaidulina-Festival, veranstaltet vom Kulturministerium der Republik Tatarstan, dem Gubaidulina-Zentrum für zeitgenössische Musik und dem Konservatorium Kasan, u.a. mit Andres Mustonen und dem Tatarischen Sinfonieorchester
(u.a. Klavierkonzert „Introitus“, „Warum?“ für Flöte, Klarinette und Streicher, „In croce“ für Kontrabass und Bajan und Chaconne) 

02. November 2021
Moskau
Gubaidulina-Porträtkonzert an der Moskauer Gnessin-Akademie, Ernennung zur Ehrenprofessorin der Gnessin-Akademie

13. November 2021
Moskau
Gubaidulina-Porträtkonzert des Staatl. Akademischen Sinfonieorchesters Russlands unter Vladimir Jurowski
(Russ. EA „Der Zorn Gottes“, „Mirage“, „Rubaijat“, „Revuemusik“, „Nacht in Memphis“)

14. November 2021
Tallinn
Estn. EA „Der Zorn Gottes“ und „Dialog: Ich und Du“ mit dem Akad. Sinfonieorchester Tallinn unter Andres Mustonen

27. November 2021        
Moscow
Gubaidulina-Porträtkonzert russischer Interpreten im Haus des Komponistenverbands („To Sofia With Love“), u.a. mit     Vladimir Tonkha, Friedrich Lips, Valeri Popow und Alexander Suslin             (RE „Verwandlung“, „Mirage“, „Quasi Hoquetus“ u.a.; dazu Werke von Viktor Suslin)

27.+29. November 2021
Berlin (27.11.) und Bremen (29.11.) 
Aufführungen des „Sonnengesangs“ mit Leonard Elschenbroich und dem RIAS Kammerchor unter Justin Doyle

02. Dezember 2021
Katowice
Poln. Erstaufführung Tripelkonzert mit dem Nationalen Sinfonieorchester des Poln. Rundfunks unter Domingo Hindoyan
(Solisten: Piotr Plawner, Ivan Monighetti, Klaudiusz Baran)

02.-05. Dezember 2021
Bonn
Gubaidulina-Festival der In Situ Art Society
17 Kammermusikwerke u.a. mit Natalia Pschenitschnikowa, dem Asasello Quartett und dem Ensemble Musikfabrik

13. Mai 2022
Utrecht
Niederländische Erstaufführung „Der Zorn Gottes“ mit dem Radio Filharmonisch Orkest Hilversum unter Dima Slobodeniouk

31.05.+01./02./06.06.2022
Greifswald und Stralsund
Vier Aufführungen von „Fachwerk“ mit Geir Draugsvoll und dem Philh. Orchester Vorpommern unter Alexander Mayer

02. Juli 2022    
München
Gubaidulina-Porträtkonzert des Münchener Kammerorchesters unter Clemens Schuldt in der Münchner Pinakothek der Moderne
(„Nachtmusik der Moderne“), u.a. „Die Leier des Orpheus“ und „Fachwerk“ mit Geir Draugsvoll)

Weitere Aufführungsprojekte:

- Drei Gubaidulina-Werke in der Saison 2021/22 des Philharmonischen Orchesters des Staatstheaters Cottbus („Der Reiter auf dem weißen Pferd“, „Märchenpoem“, „Offertorium“)
- Gubaidulina-Konzertreihe von Americas Guitar Duo mit Musikern der Dortmunder Philharmonie (12.6.2021 Essen / Ende Juli 2021 Lugano / 28.8.2021 Aachen) mit den Werken „Sotto voce“, „Repentance“, Serenade und Toccata
- Gubaidulina-Projekt des Minguet Quartetts in 2021/22 (14 Aufführungen des Streichquartetts Nr. 1 und 7 Aufführungen von „Reflections on the Theme B-A-C-H“ in Deutschland, Österreich, Belgien und Frankreich) 
- Akkordeon/Violoncello-Programm („The Spirit of Sofia“) von Fanny Vicens und Virginie Constant in 2021/22 (”In croce”, Werke von Bach  u.a.)
- 3. Oktober 2021: Gubaidulina-Porträtkonzert der Bajanklasse Geir Draugsvoll am Königl. Konservatorium Kopenhagen (u.a. UA „Hell und dunkel“, bearb. von Geir Draugsvoll für 2 Bajane) 
- 21.+22.+23. Oktober 2021, Boston: „Das Licht des Endes” mit dem Boston Symphony Orchestra unter Andris Nelsons
- 18. November 2021, Tallinn: Gubaidulina-Workshop der Akad. Sinfonietta Tallinn mit Andres Mustonen (“Warum?” für Flöte, Klarinette und Streicher und Klavierkonzert „Introitus“)
- Jan. oder Febr. 2022 Porträtkonzert des Pushkin House London mit Kammermusik von Sofia Gubaidulina
- 7. April 2022, Reykjavik: „Sieben Worte“ für Violoncello, Bajan und Streicher mit Geir Draugsvoll und dem Isländischen Sinfonieorchester unter Eva Ollikainen
- April 2022, Köln: „Stimmen ... verstummen ...“ mit dem WDR Sinfonieorchester
- 11. Mai 2022, London: „Fachwerk“ mit Geir Draugsvoll und dem Philharmonia Orchestra London unter Zvonimir Hacko (CD-Release)
- 27. Mai 2022, Cleveland: „Das Licht des Endes“ mit dem Cleveland Orchestra unter Franz Welser-Möst
- Gubaidulina-Schwerpunkt bei den Int. Schostakowitsch Tagen Gohrisch im Juni 2022 (u.a. Violinkonzert „Offertorium“ mit Vadim Gluzman und der Staatskapelle Dresden unter Omer Meir Wellber am 29. Juni 2022)

CDs:

- Gubaidulina-Porträt-CD (3. Violinkonzert “Dialog – Ich und Du” / “Der Zorn Gottes” / „Das Licht des Endes“) mit Vadim Repin und dem Gewandhausorchester Leipzig unter Andris Nelsons (VÖ: 22.10.2021)
- CD „Wie klingt Kreide – ein Orchesterabenteuer für Kinder“ mit dem „Märchenpoem“, eingespielt von der Neuen Philharmonie Westfalen unter Rasmus Baumann. Sprecher: Juri Tetzlaff (VÖ: Herbst 2021)
- CD der NDR Radiophilharmonie Hannover unter Andrew Manze mit dem Tripelkonzert (Solistinnen: Baiba Skride, Harriet Krijgh, Elsbeth Moser) (VÖ: Frühjahr 2022)
- SIGNUM-CD „Contemporary Women Composers, Vol. 1“ mit dem Bajankonzert „Fachwerk“ (Geir Draugsvoll und das Philharmonia Orchestra London unter Zvonimir Hacko) 
(VÖ: 22.5. 2022)

Bücher:

- Valentina Kholopova, Sofia Gubaidulina - Monografie – 5. erweiterte Auflage (russ.)
Verlag Kompozitor, Moskau 2021 
- Michael Kurtz, Sofia Gubaidulina. Eine Biografie – 3. erweiterte Auflage (russ.)
Verlag Kompozitor, Moskau 2022

 

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