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Premiere von Marius Felix Langes „Krieg. Stell Dir vor, er wäre hier“ in Gießen - Regisseur Hans-Walter Richter im Interview

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Die im April 2018 am Staatstheater Stuttgart uraufgeführte Kammeroper „Krieg. Stell Dir vor, er wäre hier“ hat am 8. Oktober 2021 in einer Neuinszenierung von Hans-Walter Richter Premiere am Stadttheater Gießen. .

Für Lange stellt die Komposition einer Musik zum Thema Krieg in vielerlei Hinsicht eine besondere Herausforderung dar. „Zum einen“, so der Komponist, „ist das Thema dieses Musiktheaters für alle ab 14 Jahren - Krieg, Flucht und Vertreibung - das in der Öffentlichkeit wohl meistdiskutierte Thema der letzten Jahre. Die Haltung zu und der Umgang mit der Flüchtlingskrise entscheiden Wahlen, stellen Bekanntschaften, Beziehungen und Freundschaften auf die Probe und jeden einzelnen täglich vor die Aufgabe, immer wieder neu sein Denken und Handeln in Bezug auf dieses in seinem Gesamtzusammenhang vielleicht dringlichste Problem unserer Zeit zu hinterfragen.“

Dieses Hinterfragen der eigenen Person und der persönlichen Haltungen findet nicht zuletzt in dem diesem Werk zugrunde liegenden gleichnamigen Text von Janne Teller statt. „Der konsequent in direkter Rede angesprochene Leser“, so Marius Felix Lange, „wird zum Gedankenexperiment aufgefordert, die Verhältnisse umzukehren. In Deutschland und Europa herrscht Krieg, die arabischen Länder bieten Schutz und Frieden: ‚Wenn bei uns Krieg wäre. Wohin würdest du gehen?’“

Das Thema und das Sujet erfordern eine spezifische Form der Herangehensweise. Lange bezieht sowohl das Kunstlied (mit einem Streichquartett als Partner und einem Gegenüber der Singstimmen), das Melodram sowie opernhafte Szenen und Schauspiel mit ein. Er spricht von einer adäquaten musikalischen Form, die die Grenzen einer reinen Oper erweitert.

„Eine besondere Rolle spielen dabei die ‚Gedichtinseln’ Nora Gomringers, in denen das im Teller-Text Erzählte auf poetische, dramatische, humorvolle oder assoziative Weise gespiegelt wird. In diesen Gedichten entfalten sich die Singstimmen, der Teller-Text hingegen wird durchgängig von einem Schauspieler gesprochen. Um diesen ganz dem Moment entsprungenen Texten Nora Gomringers Musik geben zu können, gehörte ein umfassendes und ausuferndes Bereisen des faszinierenden Gomringer'schen Sprachkosmos zur (lustvollen) Vorbereitung des Projekts.“

Wir haben mit dem Regisseur Hans-Walter Richter im Vorwege zur Premiere gesprochen:

Welche Rolle spielt in Ihrer Inszenierung der Kontrast zwischen deutschen Lebensgewohnheiten und der ganz anderen arabischen Kultur im ägyptischen Flüchtlingslager?

Richter: Ich betrachte das Stück als Gedankenspiel, als Einladung an den Zuschauer, sich in die Lage anderer, in diesem Fall von Flüchtlingen zu versetzen. Was wäre, wenn der Krieg bei uns wäre und wir unser Land als Flüchtlinge verlassen müssten? Diese Frage macht es uns als Team dieser Produktion zur Aufgabe, nachzuspüren, zu erforschen, Schichten frei zu legen. Was bedeutet eine Begegnung solch verschiedener Kulturen? Wo gibt es Anerkennung, Hoffnung, Möglichkeiten? Wo treffen wir auf verpasste Chancen? Wann werden Stolz und Egoismus zum Zündstoff zwischenmenschlicher Beziehungen? All diese Fragen sind zutiefst menschlich. In unserer Produktion wollen wir nicht versuchen, den Krieg zu illustrieren, sondern vielmehr herausarbeiten, was Krieg in uns auslöst, welche persönlichen Stärken und Schwächen er offenlegt. „Krieg“ erzählt eine Geschichte des ständigen Übergangs, der stetigen Suche nach Identität. Darauf wollen wir den Fokus in unserer Probenarbeit legen.

Marius Felix Langes Oper behandelt ein ernstes Thema, der erfahrene Komponist lässt aber auch Humorvolles nicht aus. Inwieweit hilft das dem Regisseur, dieses doch schwierige Thema zu behandeln?

Richter: Der Abwechslungsreichtum der Komposition erweist sich für mich in der Vorbereitung als sehr hilfreich. Gerade die Gegenüberstellung von dunklen, unerbittlichen Passagen und leichteren Stellen regt die Phantasie ungemein an. Humorvolles macht uns einerseits das schwere Thema leichter zugänglich, da es auch Gefühle der Sehnsucht und Hoffnung auslöst. Andererseits schärft es im Aufeinanderprallen mit destruktiven Momenten das Bewusstsein für den Ernst der Geschichte.

08.10.2021
Gießen
Prem. Marius Felix Lange
„Krieg. Stell Dir vor, er wäre hier“
Stadttheater Gießen
Weitere Termine: 09.10., 22.10. und 23.10., weitere Termine sind in Planung

Musikalische Leitung: Herbert Gietzen
Inszenierung: Hans-Walter Richter
Bühne und Kostüme: Bernhard Niechotz
Dramaturgie: Samuel Christian Zinsli
Sopran: Naroa Intxausti
Bariton: Viktor Rud
Sprecher: Sebastian Songin
Streichquartett:
Delia Ramos Rodríguez (Violine 1), Mishi Stern / Veronika Paleeva (Violine 2),  Nefeli Galani (Viola), Nathan Watts (Violoncello)

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