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Gerald Reschs „Entführung“ ins Zauberreich der Wiener Staatsoper

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Die dem österreichischen Reich und seinen östlichen Nachbarn im 16. Und 17. Jahrhundert so bedrohlich nahe rückenden Türken haben in jener Zeit Furcht und Faszination gleichermaßen ausgelöst. Furcht vor allem wegen der militärischen Macht der Türken und Faszination wegen der fremden und doch so schillernden Kunst und Kultur des islamischen Landes. Mozarts 1782 im Burgtheater Wien unter seiner Leitung uraufgeführtes Singspiel „Die Entführung aus dem Serail“ war eine Reaktion auf das damalige Zeitempfinden. Es war aber vor allem ein Postulat für menschliche Grundbedürfnisse, den Kampf für Liebe und Freiheit, den Edelmut und die Selbstlosigkeit jedes Einzelnen. Die Begeisterung vieler Komponisten für den Charakter türkischer Musik, insbesondere der Janitscharenmusik, teilte auch Mozart.  „Die Sinfonie, den Chor im ersten ackt, und den schluß Chor werde ich mit türckischer Musick machen“, teilte der Komponist in einem Brief vom 1. August 1781 dem Vater Leopold mit.

Der Komponist Gerald Resch und die Wiener Staatsoper wagen nun eine Neuinterpretation des Stoffes unter dem Titel Die Entführung ins Zauberreich, die in vielfacher Hinsicht etwas ganz Besonderes werden soll. Sowohl der Ort der Uraufführung am 3. Oktober 2021 an der Wiener Staatsoper als auch das Konzept einer Oper, die quasi „in Bewegung“ ihre Spielorte wechselt, steckt voller Überraschungen. Gerald Resch, der Mozarts Arien auf höchst geschickte Weise in seine Oper für Familien, Mozart- und Theaterfans einbaut, hat mit der Regisseurin Nina Blum eine revolutionär neue Theaterform kreiert. 

„Das große Gebäude der Wiener Staatsoper steckt voller Geheimnisse“, weiß die Wiener Staatsoper bestimmt aus bester Erfahrung. „Eines davon“, so beschreibt das Haus weiter die Konzeption des neuen Stücks, „vielleicht das Spannendste, ist die verzauberte Tür: ein magisches Portal, das irgendwo im Haus versteckt sein soll und sich alle hundert Jahre für einen Tag öffnet. Wenn es Belmonte, Konstanze und ihren Freunden gelingt, die Tür zu finden, solange sie offensteht, sind sie befreit. Wenn nicht, müssen sie weitere hundert Jahre in Gefangenschaft verbringen. Doch mit der Hilfe des (jungen) Publikums könnte die Suche erfolgreich verlaufen. Die von der Theatermacherin Nina Blum für das Haus am Ring konzipierte Wanderoper möchte Kindern zwischen sechs und zwölf Jahren im Zuge einer musikalischen Abenteuerreise durch das Gebäude Lust auf Oper machen. Die zurückzulegenden Wege zwischen den einzelnen Stationen sind ebenfalls Teil der Inszenierung, jeder ist Zuschauer und Akteur zugleich und wird seine eigenen Reiseerfahrungen machen. Grundlage für dieses knapp anderthalbstündige Projekt bildet Mozarts »Entführung aus dem Serail«, die für die Rahmenhandlung erforderlichen zusätzlichen Musiknummern stammen vom österreichischen Komponisten Gerald Resch. Angeboten werden sowohl Familienvorstellungen, bei denen die Kinder von Erwachsenen begleitet werden, als auch Schulvorstellungen.“

Wir haben sowohl mit dem Komponisten Gerald Resch als auch mit der Regisseurin Nina Blum über Die Entführung ins Zauberreich gesprochen:

Gespräch mit Gerald Resch:


Die Idee zu „Die Entführung ins Zauberreich“ entfernt sich ja inhaltlich ziemlich von der Vorlage. Gilt das auch für Ihre Musik im Vergleich zur Originalkomposition Mozarts?

Gerald Resch: Die Entführung ins Zauberreich verwendet eine Menge Musik aus Mozarts „Entführung aus dem Serail“, allerdings neu arrangiert, ein bisschen aufgeraut, gekürzt und umgestellt. 

Daneben gibt es aber auch neu komponierte Musiken: beispielsweise einen interaktiven Kanon, mit dessen Hilfe den das Publikum ein magisches Portal dazu bringt, sich zu öffnen. Oder auch eine „Orient-Disco“, bei der Osmin lernt, wie junge Leute heutzutage tanzen.

Drittens schließlich Theatermusiken, die Aktionen der Handelnden illustrieren: Kickbox-Sounds für das Lara-Croft-artige Blondchen, Verwandlungs-Sounds für den Hobby-Zauberer Pedrillio usw.

Soll Ihre Musik eher konterkarieren oder ganz neue Räume erschließen helfen oder Mozart ergänzen?

Nachdem man die Entführung ins Zauberreich besucht hat, wird man einige der bekanntesten Arien, Duette, Ensembles aus der „Entführung aus dem Serail“ in neuem Kontext gehört haben, daneben aber auch ganz anderes erlebt haben, da die Handlung bei uns völlig anders verläuft als im Mozart‘schen Original.

Ungewöhnlich ist ja, dass dieses Stück eine Art „bewegte Wanderoper“ sein wird, die sich durch die ehrwürdige Wiener Staatsoper bewegt. Wie soll das ablaufen? Wandert das Publikum mit?

Genau, das ist eine ziemliche logistische Herausforderung, und ich bin sehr froh, dass so ein – wie Sie richtig sagen – ehrwürdiges Haus wie die Wiener Staatsoper sich darauf einlässt und manches unmöglich Scheinende möglich macht.

Das Publikum trifft sich an zentralem Ort an der Feststiege (der Ort, den man vielleicht von den Fernsehübertragungen des Wiener Opernballs kennt: wo alle mehr oder weniger Prominente die Treppen hinaufsteigen). Dort beginnt das Stück wie eine Art Führung unter der Leitung von Danis, einem sehr sympathischen und enthusiastischen Billeteur. Erst nach und nach kippt die Handlung ins Unerwartete, Verzauberte, Musikalische – eben Opernhafte. Nachdem sich ein Teil der Geschichte bei der Feststiege erzählt hat, wandert man durch verschiedene Foyers weiter in eine Art orientalischen Bazar mit Tänzern, Feuerschluckern und Schlangenbeschwörern zum nächsten Spielort: dem Serail des Osmin. Von dort teilt sich das Publikum in drei Untergruppen auf, die durch ganz unterschiedliche, teilweise ansonsten gar nicht öffentlich zugängliche Bereiche des Gebäudes der Staatsoper führen. Dabei werden bestimmte Stationen durchlaufen und Rätsel gelöst (so ähnlich wie bei einer "Schnitzeljagd" auf Kindergeburtstagen). Die gemeinsam gelösten Rätsel sind dann ausschlaggebend dafür, dass dem Publikum am dritten Spielort die Befreiung der verzauberten vier Freunde Konstanze, Belmonte, Blondchen und Pedrillio gelingen kann ...

Gerade diese Mozart-Oper ist ja wegen der Klischees vom Islam und dem Verständnis des Islam im 18. Jahrhundert nicht ganz unproblematisch. Versucht die „Entführung ins Zauberreich“ darauf in irgendeiner Weise einzugehen?

Unsere Oper spielt zwar nicht im 18. Jahrhundert, aber immer noch in einer Gegenwart, in der Menschen wegen ihres Aussehens Vorurteilen ausgesetzt sind, die sich allesamt als falsch herausstellen. 

Mozarts Volte, dass der gütige Bassa Selim am Schluss huldvoll die Freiheit gewährt, hat Margit Mezgolich in ihrem Libretto sehr witzig und geistreich in ein heutiges Bild übersetzt. Genauso wie Mozart Spaß daran hatte, Orientalismen einzubauen, habe auch ich manche Elemente z.B. aus dem arabischen Pop entlehnt. Das Finale beispielsweise ist eine Fusion aus Mozarts Ouvertüre mit einem neukomponierten pseudo-orientalischen Rap. Da ich in einem stark migrantisch geprägten Bezirk von Wien lebe, ist mir der Tonfall dieser Musik nicht ganz fremd.

Mit welchen Mitteln gehen Sie speziell auf die Kinder zu, die ja mit Mozarts Original bislang vielleicht noch keinen Kontakt hatten? 

Ich halte die Idee der Regisseurin Nina Blum, die das Konzept der „Wanderoper" für die Entführung ins Zauberreich entwickelt hat, für sehr clever, um ein unverbildetes junges Publikum für Oper zu begeistern. Indem junge Leute durch einen Sympathieträger (unseren Billeteur Danis, der auch improvisierend auf den Input der jungen Gäste reagiert) in die Handlung hineingezogen werden, werden sie selbst zum Teil der Geschichte und tragen persönlich dazu bei, dass sich manches Rätsel löst und der Abend gelingt.

Gespräch mit Nina Blum:

 

Was sagt die Regisseurin zur Musik dieser neuen Oper?

Nina Blum: Bei der Musik haben wir viel weniger verändert. Der Zuschauer wird also die wunderbare Mozart-Musik wiederfinden - allerdings hat der Komponist Gerald Resch einiges dazukomponiert, wie etwa die Musik für die Wege, und es gibt auch eine ganz neu komponierte Nummer. Die Geschichte, sprich das Libretto, ist völlig neu geschrieben, da sich die Originalvorlage als Geschichte für Kinder nicht eignet. Das Original-Libretto hat wenig dramaturgische Spannung, und die Charaktere sind für Kinder nicht sehr leicht zugänglich, ihnen fehlt der Witz im Dialog. Das haben die Librettistin Margit Mezgolich und ich versucht zu ändern und eine kindgerechte Geschichte mit Spannung und Humor entwickelt.

Wie wird diese „Wanderung“ durch die Wiener Staatsoper mit den Akteuren der „Entführung“ ablaufen?

Ja, das Publikum wandert mit. Die Oper findet an drei verschiedenen Orten statt. Es beginnt auf der Feststiege, dann wird als zweite Station der Mahler-Saal - normalerweise ein Pausenfoyer der Staatsoper - in einen Serail verwandelt; aus diesem flüchtet das Publikum gemeinsam mit den Hauptfiguren Konstanze, Belmonte, Pedrillio und Blondchen, um schließlich auf der Galerie der Staatsoper das magische Portal zu finden, welches den Protagonisten den Weg in die Freiheit ermöglicht. Das Orchester (9 Instrumente) wandert ebenfalls mit - auch auf den Wegen wird das Publikum immer von einem musikalischen „Klangteppich“ begleitet.

Gerade diese Mozart-Oper ist ja wegen der Klischees vom Islam und dem Verständnis des Islam im 18. Jahrhundert nicht ganz unproblematisch. Versucht die „Entführung ins Zauberreich“ darauf in irgendeiner Weise einzugehen?

Nein, ich habe mich ganz bewusst dazu entschieden, dieses Thema in meiner Inszenierung nicht zu thematisieren. Unser Serail ist auch eher eine Zauberwelt, wo Artisten, Gaukler und Tänzer leben. Auch bei den Kostümen verzichten wir großteils auf orientalische Elemente. Die Figur des Bassa Selim und des Osmin ist zu einer Figur verschmolzen - dem "Bossmin" - und dieser steht für einen Menschen, dem der Sinn für das Feine fehlt, der das Herz aber am rechten Fleck hat. Somit verwandelt sich der anfangs ungehobelte Bossmin schließlich in einen fast romantischen Mann, der seine Traumfrau nicht kriegen kann, obwohl er sich redlich darum bemüht. Er ist aber Gentleman genug, um diese Niederlage mit Würde zu tragen und Belmonte und Konstanze alles Gute zu wünschen.

Somit spielt das „Kultur-Thema“ in meiner Inszenierung eine untergeordnete Rolle - bedeutender ist in unserem Stück die Frage „Was bedeutet Freiheit?“. Die Suche nach dem magischen Portal ist letztlich die Suche nach Freiheit, nach einem neuen Glück.

Welche Elemente des Stücks sind hauptsächlich dafür geeignet, Kindern im Alter von sechs bis zwölf Jahren dieses Sujet näher zu bringen?

Ich glaube, dass Kinder in Geschichten hineintappen können und wollen, wenn die Geschichte einen guten Spannungsbogen hat - das möchte ich mit meiner Inszenierung erreichen. Die Geschichte der „Entführung ins Zauberreich“ soll Kinder und Erwachsene entführen auf eine Reise in eine magische Welt. Dabei hilft ein dramaturgisch spannender Erzählstrang, witzige und charakterstarke Protagonisten, die auch als Identifikationsfiguren funktionieren, und natürlich die wunderschöne Mozart-Musik. Bunte und schillernde Kostüme sowie ein Bühnenbild, das von einer magischen Welt erzählt, sind auch wichtige Elemente.

Arbeiten Sie in Ihrer Inszenierung mit besonderen Überraschungsmomenten, viel Komik und eventuell auch Mitmach-Aktionen?

In den Dialogen von Margit Mezgolich ist viel Witz, Pedrillio ist z.B. auch ein Hobby-Zauberer und überrascht an verschiedenen Stellen mit seinen Zaubertricks. Und  meine Inszenierung  ist interaktiv, d.h. ich arbeite mit Mitmach-Aktionen, wo das Publikum mittanzt, mitflüchtet, mitsingt; beispielsweise singt das Publikum einen gemeinsamen Kanon, damit sich das magische Portal öffnet … Meine Erfahrung ist, dass diese „Mitmach-Aktionen“ für Kinder und Erwachsene wichtig sind, um sich ganz auf das Opernerlebnis einlassen zu können - sie werden dadurch selbst Teil der Geschichte ...

 

Foto: © Peter Mayr

 

03.10.2021
Wien
UA
Gerald Resch
„Die Entführung ins Zauberreich. Eine Wanderoper durch das Gebäude der Wiener Staatsoper für Kinder ab sechs Jahren frei nach der Entführung aus dem Serail von W. A. Mozart" nach einem Libretto von Margit Mezgolich
Ltg.: Markus Henn; Regie: Nina Blum
Wiener Staatsoper

 

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