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Jüri Reinveres Notturno „Maria Anna, wach, im Nebenzimmer” für Orchester

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Das renommierte Mozartfest Würzburg ist gestartet. Wie die Intendantin Evelyn Meining in einem Beitrag des heute journals im ZDF berichtete, habe man bis zuletzt an Konzepten einer Realisierung unter den gegenwärtigen Coronabedingungen gearbeitet und die Voraussetzungen immer wieder neu angepasst. Am 9. Juni 2021 kann damit auch die Uraufführung von Jüri Reinveres Notturno für Orchester „Maria Anna, wach, im Nebenzimmer” mit den Bamberger Symphonikern unter Andris Nelsons‘ Leitung stattfinden. Es gibt darüber hinaus zwei Folgeaufführungen am 10. und am 11. Juni.

Eigentlich hätte im Juni dieses Jahres auch Jüri Reinveres Oper „Der Schatten“ nach einer Vorlage des dänischen Märchendichters Hans Christian Andersen in Osnabrück uraufgeführt werden sollen. Diese Uraufführung aber wurde coronabedingt abgesagt.

Der Titel des neuen Notturnos „Maria, wach, im Nebenzimmer“ ist ungewöhnlich und macht neugierig. Hier erklärt der estnische Komponist, was sich dahinter verbirgt:

„Unter meinen Werken stehen viele in Bezug zu anderen Künstlern: Meine zweite Oper ‚Peer Gynt‘ bezieht sich auf Edvard Grieg, Henrik Ibsen und Søren Kirkegaard, meine dritte Oper ‚Minona‘ auf Ludwig van Beethoven und dessen mutmaßliche Tochter Minona von Stackelberg, ein ganzer Zyklus von Werken – darunter das Orchesterstück ‚Norilsk, the Daffodils‘ und das Ensemblewerk ‚The Empire of May‘ – auf Dichter der englischen Romantik. Da wir Künstler immer in einem Dialog sind mit denen, die vor uns waren, und hoffentlich mit denen, die nach uns kommen werden, hat die Idee einer Hommage für mich grundsätzlich etwas Sympathisches. Nur muss das Werk selbständig sein. Es darf durch seinen Fremdbezug nicht haltlos, grell oder plakativ werden. 

Bei ‚Maria Anna, wach, im Nebenzimmer‘ spielte meine Überzeugung eine Rolle, dass wir Komponisten wesentlich durch unsere nächsten Mitmenschen geformt werden. Ich glaube immer, dass Palestrinas reiche Frau oder Brahms’ gütige Mutter durch das Werk dieser Künstler hindurch zu hören sind. Und so bin ich mir auch sicher, dass es für Wolfgang Amadé Mozart wichtig war, Maria Anna, Nannerl, seine ältere Schwester, gehabt zu haben. Wie in meiner Oper ‚Minona‘ spielt auch bei Maria Anna und Wolfgang Amadé Abwesenheit eine große Rolle: Der Bruder reist mit der Mutter nach Paris; die Schwester darf nicht mit. Der Bruder geht nach Wien und heiratet, die Schwester nach Sankt Gilgen und heiratet ebenfalls – der Kontakt zwischen beiden reißt ab. Als Maria Anna nach dem Tod ihres Bruders von dessen letzten Lebensjahren erfährt, bricht sie in Tränen aus. 

Nach meinem Eindruck war die Familie Mozart in Salzburg ehrgeizig, arbeitsam, streng, aber auch lebensmutig und unternehmungslustig. Vater, Mutter, Schwester, Bruder bildeten ein eingespieltes Quartett, das viel bewältigte, aber auch Scherz und Spiel liebte. Kinder, die eine solche Kindheit genießen durften, haben meiner Erfahrung nach ein Verständnis von Gnade und entwickeln eine große Akzeptanzbereitschaft für das, was das Leben ihnen zumisst. Wolfgang Amadé und Maria Anna haben als Kinder lange Reisen miteinander unternommen. Beide sahen sicher schon früh den Weg, den sie zu gehen hatten, auch, dass es getrennte Wege sein würden. Doch glaube ich, dass die Konstellation Nannerl gegen Wolferl dabei nie Ausgangspunkt eines Dramas wurde. Die Frage, was aus Maria Anna hätte werden können, wenn sie die gleichen Möglichkeiten wie ihr Bruder gehabt hätte, ist eine zeitfremde Frage und war vermutlich keine, die Bruder und Schwester das Herz schwer machte – anders als fünfzig Jahre später bei Fanny und Felix Mendelssohn Bartholdy. Heute kann man Maria Anna leicht als ‚Opfer ihrer Zeit‘ sehen. Die Dokumente, die wir von ihr kennen, tragen aber keine Zeichen einer Tragödie oder  Verbitterung. 

Beim Titel hat mich zweierlei inspiriert: die Genrebilder von Malern wie Georges de la Tour im siebzehnten Jahrhundert, die oft Mädchen in der Nacht mit einer Kerze zeigen, und die Gattungsbezeichnung des Notturnos, die schon Mozart verwendet, ganz anders als die Romantik. Es sind keine Stücke über die Nacht, sondern Musik in der Nacht. Und so kann man auch dieses Stück hören als Nachtbild mit einer Frau, die ins Nebenzimmer gegangen ist, das gesellschaftliche Leben gar nicht mehr hört und sieht, den Unterschied zu ihrem weltläufigen Bruder mit Melancholie bemerkt, aber weder Lebensfreude noch Zuversicht verliert. Dieses Miteinander von Opferbereitschaft und Lebensmut verbindet Bruder und Schwester. Es ist das Erbteil ihrer Familie. 

Mein Notturno kann eine Einstimmung auf einen Konzertabend sein. Es verwendet dieselbe Besetzung wie die sechste Symphonie von Anton Bruckner, ungewöhnlich wenig Schlagwerk für meine Verhältnisse, aber es arbeitet mit dem Nebeneinander von Ton und Geräusch, so wie in vielen meiner Werke dokumentarische Soundscapes eine Rolle spielen. Dabei entsteht vielleicht die Atmosphäre eines mehrfach zerreißenden Wachtraums zwischen Bewusstsein und Unbewusstsein, ein Notturno des Schwebens.“

09.06.2021
Bamberg
UA Jüri Reinvere,
„Maria Anna, wach, im Nebenzimmer“. Notturno für großes Orchester
Bamberger Symphoniker, Ltg.: Andris Nelsons
- im Rahmen des Mozartfests Würzburg -    
Folgeaufführungen am 10. und 11.06.2021

 

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