Sergej Prokofjew zum 130. Geburtstag am 23. April 2021

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Die Musik von Sergej Prokofjew ist Weltrepertoire. Egal ob wir von den großen Ballettmusiken “Romeo und Julia” oder “Cinderella” sprechen, dem ohrwurmartigen Marsch aus der Oper “Die Liebe zu den drei Orangen” oder von “Peter und der Wolf”, dessen Melodien fast jedes Kind kennt und bis ins hohe Alter nie mehr vergisst, Prokofjews Werke sind auf Bühnen und in den Me-dien nun einmal dauerpräsent. Die Gründe dafür sind vielfältig. Eine zentrale Rolle spielt ganz gewiss der schier grenzenlose Einfallsreichtum eines der begabtesten Melodikers des 20. Jahrhunderts, seine Virtuosität in der Behandlung jedes einzelnen Instruments in der Kammermusik oder im Orchesterkontext und letztlich Prokofjews Talent für eine packende Dramaturgie, egal welcher Gattung er sich zuwendet. 

Harte Umbrüche und Stimmungswechsel, die fast wie das Umlegen eines imaginären Schalters wirken, sind wie in vielen anderen seiner Werke auch ein Merkmal von Prokofjews 1944 entstandener 5. Sinfonie. Der Komponist schrieb sie in einem Gefühl des Triumphes wegen des nahenden Sieges über Nazi-Deutschland. Die ausgreifend lyrischen Themen erinnern darin gleichwohl an seine Ballettmusiken, vor allem an die parallel entstandene Cinderella-Ballettmusik. Groß besetzt wie die Fünfte ist auch die Kantate “Alexander Newski” für Mezzosopran, Chor und Orchester, die mit gewaltigen Orchesterausbrüchen und einer hymnischen Lobpreisung des Kämpfers gegen mongolische Invasoren, Schweden und Ritter des Deutschen Ordens, die sein Land im 13. Jahrhundert bedrohten, auf einer Filmmusik zu Eisensteins Newski-Film beruht. Prokofjews Leben in den Wirren der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, vor allem zur Zeit Stalins und der Sowjetuni-on, haben seine Persönlichkeit zwar tief berührt und geprägt, seine musikalische Sprache aber hat all das nur mittelbar beeinflusst. 

Der russische Komponist Alfred Schnittke sagte beim Internationalen Prokofjew-Festival 1990 in Duisburg über Prokofjew (veröffentlicht unter dem Titel „Gedanken zu Prokofjew“): „(...) Das Nichtzulassen der ‚surrealistischen‘ Schreckenswirklichkeit, dieses Sich-nicht-Beugen, dieses Sicht-nicht-Gestatten von Tränen, dieses Nichteingehen auf Beschimpfungen – das schien Rettung zu sein. Doch diese Rettung war leider nur Illusion – der noch wichtigere, der unsichtbare, der wesentlichste Teil dieser sportlich-geschäftsmännischen Persönlichkeit Prokofjew verdrängte das Unüberwundene so tief, dass es ihn nicht mehr losließ und mit 61 Jahren in den Tod riss. (...)“

Im Vergleich zu Prokofjews Instrumentalwerken, die überwiegend zu den meistaufgeführten Werken des 20. Jahrhunderts weltweit zu rechnen sind, dauerte es nach Prokofjews Tod im Jahr 1953 eine gewisse Zeit, bis seine Opern auch im Westen häufiger aufgeführt wurden und Neuinszenierungen erfuhren. Noch in den 1960er und 1970er Jahren waren Opern wie “Der feurige Engel” (Boosey & Hawkes) oder “Die Liebe zu den drei Orangen” (Boosey & Hawkes) und selbstverständlich auch Prokofjews umfangreiche Tolstoi-Adaption “Krieg und Frieden” nur wenig bekannt. Das Frühwerk “Der feurige Engel” schrieb Prokofjew von 1919 bis 1923 und revidierte es noch einmal in den Jahren 1926/1927. Er selbst verfasste das Libretto auf der Grundlage eines historischen Romans des russischen Symbolisten Waleri Jakowlewitsch Brjussow. Im Jahr 2010 fertigte der 2015 gestorbene österreichische Musikwissenschaftler Wolfgang Suppan eine Kammerfassung von Prokofjews Oper „Der feurige Engel“ für kleine Bläserbesetzung, Schlagwerk und Streichquintett an, die am 21. April 2010 am Wiener Odeon Theater zur Uraufführung gelangte. Philipp Harnoncourt führte bei dieser Produktion Regie, Marino Formenti leitete das Ensemble Phace, den Wiener Kammerchor und das Serapions Ensemble. 

Zu der Opernkomödie “Die Verlobung im Kloster” aus dem Jahr 1949, die am 13. April 2019 unter der Leitung von Daniel Barenboim eine bejubelte Premiere an der Staatsoper Berlin feierte, hatte Prokofjew, unterstützt von seiner Ehefrau Mira Mendelson, ebenfalls selbst das Libretto geschrieben. Als Sujet diente ihm, der zu jener Zeit im Zenit seines Ruhms stand, die Komödie „Duenna” von Richard Sheridan. Erzählt wird in diesem Stück von dem reichen, alten Fischhändler Mendoza, der mit Don Jeronimo nicht nur ein großes Geschäft abschließen, sondern auch dessen hübsche Tochter Luisa heiraten möchte ...Das musikalische Epos “Krieg und Frieden” schließlich ist durch eine schlichte, fast zeitlose musikalische Sprache geprägt. Eine von den britischen Musikwissenschaftlerinnen Rita McAllister und Katya Ermolayeva rekonstruierte Originalfassung der Oper, die in dieser Form erstmals 2010 in Glasgow und in Rostow-am-Don und 2018 an der Welsh National Opera präsentiert werden konnte, soll in der Spielzeit 2021/22 am Theater Magdeburg in Koproduktion mit der Welsh National Opera ihre deutsche Erstaufführung erleben. 

In unseren Katalogen finden sich bemerkenswerte Bearbeitungen für die unter-schiedlichsten Besetzungen von Prokofjew-Werken, die wir in Auswahl nennen. Hochgelungen und interpretatorisch anspruchsvoll ist das Arrangement von einigen Sätzen aus Prokofjews Ballettmusik zu Cinderella für zwei Klaviere des russischen Pianisten Mikhail Pletnev. Obwohl gerade technisch überaus schwer zu spielen, verzichtet Pletnevs Bearbeitung auf vordergründige Virtuosität. Für zwei Klaviere sind auch die Bearbeitungen ganz besonderer Prokofjew-Werke des in den USA lebenden russischen Pianisten Sergei Babayan. Für sein Kon-zertprogramm mit Martha Argerich und eine daraus resultierende CD-Aufnahme auf dem DG-Label („Prokofjew for Two“) hatte Babayan im Jahre 2017 ausgewählte Stücke aus “Hamlet”, “Eugen Onegin”, “Pique Dame” und “Krieg und Frieden” sowie zwölf Sätze aus “Romeo und Julia” für zwei Klaviere bearbeitet. Aus “Romeo und Julia” hat auch Andreas Tarkmann Teile bearbeitet, und zwar sowohl für Holzbläserquin-tett als auch für Blechbläserensemble. Die Musikverlage Sikorski und Boosey & Hawkes haben Prokofjews 130. Geburtstag zum Anlass genommen, erstmals ein vollständiges Werkverzeichnis dieses Kom- ponisten herauszugeben, das im Herbst dieses Jahres erscheinen wird.

 

Bearbeitungen von Prokofjew-Werken:

 

“Cinderella-Suite” für zwei Klaviere (Mikhail Pletnev)

“Eugen Onegin”. Mazurka und Polka für zwei Klaviere (Sergei Babayan)

“Hamlet”. „Der Geist von Hamlets Vater“ für zwei Klaviere (Sergei Babayan)

Kammersinfonie für Streichorchester (op. 92) (Daniel Sánchez Velasco)

“Krieg und Frieden”. “Nataschas und Andrejs Walzer” für zwei Klavier (Sergei Babayan)

“Peter und der Wolf” für Sprecher und Bläserquintett (Joachim Linckelmann)

“Peter und der Wolf” für Sprecher und Akkordeonorchester (Ezzat Nashashibi)

“Peter und der Wolf” für Sprecher und Jazzensemble bzw. Bigband (Katharina Thomsen / Textneufassung von Hella von Sinnen)

“Peter und der Wolf” für Sprecher und Blechbläserensemble (Andreas Tarkmann)

“Peter und der Wolf”. Suite für Klavier (Tatjana Nikolajewa)

“Peter und der Wolf” (Textneufassung von Loriot)

“Pique Dame”. Polonaise und „Idée fixe“ für zwei Klaviere (Sergei Babayan)

“Puschkiniana”. Suite für Orchester (Gennadi Roschdestwenski)

“Romeo und Julia”. Reduzierte Fassung (Tobias Leppert)

“Romeo und Julia”. Zwölf Sätze für zwei Klaviere (Sergei Babayan)

“Romeo und Julia”. Suite für Holzbläseroktett (Andreas Tarkmann)

“Romeo und Julia”. Suite für Blechbläserensemble (Andreas Tarkmann)

“Romeo und Julia”. Suite für Ensemble (Joolz Gale)

“Romeo und Julia”. Ballettszenen für Orchester (Rudolf Barshai)

Scherzo aus der Sinfonie Nr. 5 für Klavier (Anatol Wedernikow)

Sinfonie Nr. 5 für Ensemble (Joolz Gale)

Sonate für Flöte solo(op. 115) (Gian-Luca Petrucci)

Sonate für Flöte und Orchester (op. 94) (Christopher Palmer)

Sonate für Flöte (Violine) und Orchester (op. 94) (Yoel Gamzou)

Sonate für Flöte (Violine) und Streichorchester (op. 94) (Andreas Tarkmann)

Sonate für Violoncello, Bläserensemble und Kontrabass (op. 119) (Alexander Raskatov)

Sonate op. 80. Bearbeitung für Violine, Streicher und Schlagzeug (Andrei Pushkarev)

Trio für Violine (Oboe), Violoncello und KIavier (op. 94) (Lera Auerbach)

Zwei Puschkin-Walzerfür zwei Klaviere (Sergei Babayan)

Zwei Puschkin-Walzer für Violoncello und Klavier (David Geringas)

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