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Mit der beeindruckenden 5. Sinfonie „Amen“ erobert die Musik von Galina Ustwolskaja auch die USA

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Christopher Russell, Dirigent und Hochschulprofessor an der Azusa Pacific University, beabsichtigt, die 5. Sinfonie „Amen“ für Sprecher, Violine, Oboe, Trompete, Tuba und Schlagwerk der faszinierenden Petersburger Komponistin Galina Ustwolskaja mit Mitgliedern seines Universitätsorchesters zu realisieren. Dieses Werk erklang zuletzt in den USA am 19. Januar 1991 in New York in einer Aufführung des Ensembles Continuum. 

In einem auf der Online-Plattform Slipped Disc veröffentlichten Beitrag erzählt Russell, wie es dazu kam:

„Als Kalifornien im vergangenen Frühjahr von der COVID-19-Pandemie betroffen war, habe ich mir ein persönliches künstlerisches Projekt vorgenommen, um neues Orchesterrepertoire zu erkunden. Als Dirigent bin ich immer auf der Suche nach etwas Neuem und/oder einer Musik, von der ich glaube, dass sie gehört werden muss. Ich beschloss, dass mein Projekt Sinfoniezyklen von Komponisten betreffen sollte, die ich vorher noch nicht komplett gehört hatte. Bis zum Ende des Sommers hatte ich Zyklen von 18 verschiedenen Komponisten mit insgesamt 122 Sinfonien durchgehört. 

Ein Sinfoniezyklus, der mein besonderes Interesse weckte, stammte von der russischen Komponistin Galina Ustwolskaja (1919-2006). Ich war erst in den letzten zehn Jahren auf ihren Namen gestoßen und wusste, dass sie eine Kult-Anhängerschaft hat. Aber das war es auch schon.

Ustwolskaja schrieb fünf Sinfonien mit Spieldauern von 8 bis 25 Minuten. Diese Werke können zusammen genommen in einem Zeitraum von ca. 75 Minuten gehört werden. Alle fünf Werke beziehen sich auch auf religiöse Themen. Ustwolskaja beschäftigt sich in ihrer Musik oft mit christlichen Gedanken. Sie sprach viel über die Bedeutung des Glaubens in ihrem Leben, obwohl sie nach eigenen Angaben so gut wie nie einen Fuß in eine Kirche gesetzt hat.

Sie sagte einmal: „Es gibt keinerlei Verbindung zwischen meiner Musik und der eines anderen Komponisten, ob lebend oder tot.“ Zuerst dachte ich, dass dies eine ziemlich arrogante Einstellung sei, aber je mehr ich mich mit ihrer Musik beschäftigte, desto mehr wurde mir klar, dass dies eine treffende Aussage war. Ustwolskajas einzigartige Instrumentenkombinationen, ihre seltsamen Harmonien und sich wiederholenden Klangblöcke sorgen für ein einmaliges Hörerlebnis, das mich rasch faszinierte.

Ich bin außerordentlicher Professor und Orchesterleiter an der Azusa Pacific University in der Nähe von Los Angeles. Da die Pandemie den ganzen Sommer 2020 über andauerte, haben sich die meisten Universitäten in Kalifornien auch im Herbstsemester komplett auf Online-Unterricht umgestellt. Das war eine große Herausforderung, denn dies funktioniert schon kaum, wenn zwei Leute zusammenspielen. Nachdem sich meine Pläne für die Herbstkonzerte in Luft aufgelöst hatten, musste ich mir einige Repertoire-Alternativen ausdenken, die sich auf Aufnahmeprojekte konzentrierten. Ich entschied, dass es am praktikabelsten wäre, das gesamte Orchester in Kammerorchester unterschiedlicher Größe aufzuteilen. Als ich mich wieder auf mein Sommer-Hörprojekt besann, kam mir Ustwolskajas Musik in den Sinn. Unter den neuen Umständen schien das sowohl lohnen als auch machbar zu sein. Die Sinfonie Nr. 5 „Amen“ schien dafür perfekt zu passen.

Die Sinfonie wird nur von fünf Instrumenten gespielt: Oboe, Trompete, Tuba, Violine und Holzwürfel. Hinzu kommt ein Schauspieler, der das ‚Vaterunser‘ rezitiert. Bei uns wird es auf Englisch vorgetragen, nicht auf Russisch.

Ustwolskaja hinterließ auch spezifische Anweisungen in der Partitur für den Bau des Holzwürfels. Sie wollte, dass dieses Instrument ein Würfel ist, nicht ein sargförmiges Objekt, wie es in manch anderen Aufführungen zu sehen ist. Da an den wenigsten Orten Holzwürfel nach ihren genauen Vorgaben existieren, machte sich der Produktionsleiter unserer Musikabteilung daran, einen zu bauen. Ich habe neulich unseren neu fertiggestellten Würfel ausprobiert, und er klingt großartig: Dabei muss ich unter meiner Maske lächeln.

Ich habe mit allen MusikerInnen an der Sinfonie gearbeitet, und auch sie sind von Ustwolskajas einzigartiger Klangwelt angetan. Wir sind nun dabei, die Sinfonie aufzunehmen mit dem Ziel, das Video im kommenden Monat zu veröffentlichen.

Diese Musik hat etwas absolut Überzeugendes. Sie entfaltet sich nicht so, wie es eine Sinfonie üblicherweise ‚soll‘. Es reicht die Erkenntnis, dass diese Musik von einer Person stammt, die ihr Herz vor Gott ausschüttet. Gebete folgen ja normalerweise nicht der Sonatenform. Jeder Hörer wird von diesem sehr persönlichen und äußerst einzigartigen Hörerlebnis begeistert sein.“

Die Sinfonie Nr. 5 „Amen" (1989/90) ist die letzte Komposition Ustwolskajas. Der christliche Glaube spielt im Schaffen der Komponistin eine zentrale Rolle. Mit Ausnahme der 1. Sinfonie, die im Gegensatz zu den übrigen Beiträgen zu dieser Gattung für großes Orchester konzipiert ist, sind alle Sinfonien mit biblischen Zitaten oder Begriffen übertitelt. Die Musiksprache dieses Werkes ist karg. Es scheint, als wolle die Komponistin ihre Aussage auf ein Konzentrat beschränken. Ihren eigenen Äußerungen ist zu entnehmen, dass sie stets in sinfonischen Formen denkt, auch wenn Struktur, Spieldauer und Besetzung ihrer Kompositionen eher das Gegenteil belegen.

Ein nahezu nüchtern-klarer Aufbau charakterisiert auch die 5. Sinfonie, in deren Verlauf homophone Passagen von Violine, Oboe, Trompete, Tuba und Schlagwerk eine das Vaterunser rezitierende Solostimme begleiten. Die Eindringlichkeit der musikalischen Ausdrucksmittel wird noch verstärkt durch die Wiederholung ausgewählter Textpassagen. Die bis zum Äußersten getriebene Reduktion der Mittel, die gerade in der Gattung Sinfonie ihresgleichen sucht, führt zu einer Konzentration der christlich-philosophischen Gedankenwelt von Galina Ustwolskaja, die in ihrer musikalischen Deutung und Umsetzung fast archaisch zu nennen ist.

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