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Komponisten zur Coronavirus-Krise: Dejan Lazić

Die Folgen der Coronavirus-Krise bewegen uns alle. Wir haben unsere Komponisten gefragt, wie sich diese Monate und Wochen auf ihr künstlerisches Schaffen auswirken. Was sie darauf geantwortet haben, veröffentlichen wir sukzessive in dieser Rubrik.

Dejan Lazić

(Der 1977 in Zagreb geborene Pianist und Komponist Dejan Lazić tourte in Nord- und Südamerika, Australien und Asien und debütierte 2011 bei den BBC Proms. Lazic veröffentlichte bereits viele CDs und ist zudem ein begeisterter Freund der Kammermusik. Er bearbeitete u.a. das berühmte Violinkonzert D-Dur von Johannes Brahms für sich selbst, um es quasi als das Klavierkonzert Nr. 3 von Johannes Brahms herauszugeben.)

“Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.” (Friedrich Nietzsche)

„Da ich mit meinem Klavier- und Klarinettenspiel, mit dem Konzertieren sowie mit dem Komponieren ziemlich früh angefangen habe, suchte ich praktisch seit den späten 1980er Jahren nach einer idealen, perfekten, womöglich nach einer utopischen Balance zwischen diesen verschiedenen Sparten der musikalischen Kreativität. Aus rein logistischen Gründen musste ich zwar im Jahr 2000 eine schwierige Entscheidung treffen und als Klarinettist eine kleine Pause einlegen (sic!). Trotzdem war es nicht immer leicht, die ereignisreichen Konzert-Tourneen als Pianist und das stille Komponieren zu Hause zu vereinen und auszubalancieren, obwohl sich für mich persönlich das Klavierspiel und das Komponieren gegenseitig ergänzen, sie buchstäblich Hand in Hand gehen und somit eigentlich nicht voneinander zu trennen sind. Also, bis vor kurzem hatte ich diesbezüglich wenigstens eine vage Vorstellung oder eine Illusion von Kontrolle ... 

Und jetzt plötzlich, völlig überraschend, kommt eine komplett neue Situation auf uns alle zu. Und obwohl einerseits mein Balance-Problem auf einen Schlag gezwungenerweise gelöst zu sein scheint, scheint es anderseits nun nur noch relativ problematisch zu sein und ist somit schnell in den Hintergrund gerückt... Denn so viele Menschen sind derzeit auf verschiedenste Art und Weise betroffen (und getroffen), und man kann sich in erster Linie glücklich schätzen wenn man die Gesundheit behält, aber auch die Vernunft. Dabei scheint es aber auch, als ob die Natur hier für uns etwas mitentscheiden will – nämlich worauf wir in der Zukunft besser achten müssen, was unsere Präferenzen bei so vielen aktuellen, brennenden Fragen sein sollten und wie wir sie neu definieren können, was uns in dieser Welt eigentlich antreiben soll (und dies nicht nur im übertragenen Sinn), wie wir miteinander, aber auch mit der Tier- und Pflanzenwelt, also insgesamt mit unserem eigentlich wunderschönen Planeten umgehen und gemeinsam im Einklang mit der Natur leben und koexistieren sollten. 

Ich frage mich so oft, was mir mein Kater Tony sagen würde in Bezug zur aktuellen Stille Amsterdams, dem langsamen Rhythmus und ruhigen Puls der Stadt, den bootfreien, glasklaren Grachten und der sauberen, frischen Luft - und zu einer vergrößerten Anzahl an Stadttieren, die das Beste aus dieser neuen Situation zu machen scheinen ...? (Tonys Reaktion auf die anderen freilaufenden Katzen aus der Nachbarschaft kenne ich bereits!) 

Kreativität heißt nicht gleich Produktion. Allerdings kann Produktivität die Kreativität ankurbeln. Und bei der Kreativität spielt neben der Inspiration, die am allerwichtigsten ist, der Faktor Zeit natürlich eine große Rolle, und diese Zeit ist mir jetzt quasi gegeben. Als Musiker ist man eigentlich an die eine oder andere Situation gewöhnt. Auch die Quarantäne, denn die lange Vorbereitungszeit findet ja größtenteils in der Isolation statt: Man übt und schreibt stundenlang allein zu Hause, man ist oft allein im Zug, im Flugzeug oder im Hotel, im Aufnahmestudio oder bei der Klavierprobe im Konzertsaal. Und was vor allem viele Pianisten kennen: Bei einem Rezital ist man auch auf der Bühne allein. 

Bei einem Konzert, gleichsam dem Höhepunkt eines künstlerischen Prozesses und in gewisser Weise nur der sichtbaren Spitze des Eisbergs, ist der Unterschied, dass man die Musik mit den Menschen im Publikum, die hautnah dabei sind, eher in einem physischen, analogen als in einer flacheren, digitalen Manier teilt. Derzeit könnte man daher in dem Zusammenhang eher von ‚physical distancing‘ als von ‚social distancing‘ sprechen - eine abstrakte Wirkung all jener ausgefallenen Konzerte. Und das ist natürlich, was uns allen als bedeutender Teil unserer schönen Kunst so sehr fehlt: Das Miteinander-Erleben, die Aktion und Reaktion, das Geben und Nehmen, vermittelt durch die Wellen des Klangs, dem alle zusammen im Hier und Jetzt beiwohnen. Denn anders als beim Komponieren oder z.B. bei einer Aufnahme ist man wirklich live dabei, um mit den anderen etwas Schönes und Besonderes, etwas Aufregendes und nicht Wiederholbares, daher wahrhaftig Einmaliges zusammen zu erleben - egal ob bei einem Konzert, Theater, Film oder auch Fußballspiel! 

Diese turbulente und Besorgnis erregende, aber auch stille und in sich gekehrte konzertfreie Zeit, eine Zeit mit deutlich weniger Ablenkung und mehr Ruhe (natürlich nur falls man es zulässt, oder besser, fördert), nutze ich persönlich, um vieles neu zu bewerten und durchzudenken, abzuwägen, was eigentlich relevant ist. Ich nutze sie aber auch, um mich konzentriert und fokussiert mit all dem zu beschäftigen, was sich eben unter dieser Eisbergspitze befindet. 

Ich habe gerade mit meinem Produzenten die letzten Schnitte der nächsten CD abgeschlossen (dabei ist auch eine relativ neue Bearbeitung von mir, die beim Musikverlag Sikorski bereits erschienen ist). Ich erweitere und erforsche das neue Konzert- und Rezitalrepertoire, die jüngsten Schubert- und Richard-Strauss-Bearbeitungen sind beinahe fertiggestellt. Und selbstverständlich komponiere ich viel: Derzeit arbeite ich an meiner ersten Oper, deren Handlung unvorstellbar viel Parallelen zur unserer heutigen Situation hat (eine wahrhaftige Koinzidenz, denn die Textvorlage dafür wurde noch im letzten Jahrhundert geschrieben). Gleichzeitig aber beschäftige ich mich auch mit meiner ‚Chinesischen Fantasie‘ für Violine und Orchester (inspiriert von dem wunderbaren Reichtum der chinesischen Musikfolklore), wobei die tägliche Anwesenheit der fantastischen chinesischen Geigerin Zen Hu in meinem Studio, die Widmungsträgerin und übrigens auch meine Frau ist, von großem schöpferischen Vorteil ist - in jeder Hinsicht!“ 

(Dejan Lazić, Amsterdam, 30. April 2020)

Foto: © Lin Gothoni

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