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Komponisten zur Coronavirus-Krise: Claus-Steffen Mahnkopf

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Die Folgen der Coronavirus-Krise bewegen uns alle. Wir haben unsere Komponisten gefragt, wie sich diese Monate und Wochen auf ihr künstlerisches Schaffen auswirken. Was sie darauf geantwortet haben, veröffentlichen wir sukzessive in dieser Rubrik.

Claus-Steffen Mahnkopf

(Der 1962 geborene Mannheimer Claus-Steffen Mahnkopf studierte Komposition bei Brian Ferneyhough, Klaus Huber und Emanuel Nunes sowie Musikwissenschaft, Philosophie u.a. bei Jürgen Habermas sowie Soziologie bei Ludwig von Friedeberg.)

„Du mußt dein Leben ändern“ (Rilke)

Claus-Steffen Mahnkopf:
„Da das Komponieren immer einer mittel- und langfristigen Planung unterliegt, sind die Auswirkungen für mich nicht wirklich zu spüren, im Gegensatz zu reisenden, auftretenden, Konzerte gebenden Musikern. Da ich zudem das Glück habe, Professor zu sein, beeinträchtigt mich die Pandemie weder beruflich noch existentiell. Im Gegenteil: Weil das Semester nicht beginnt, habe ich unverhofft sehr viel Zeit.
Die freie Zeit nutze ich nicht dafür, mehr zu komponieren, sondern mehr zu lesen, z.B. ein Buch über die Spanische Grippe, das ich vor zwei Jahren erwarb. Oder wieder Camus' Pest. Die tagespolitischen Nachrichten verfolge ich hautnah. Ich möchte das gesamte Geschehen, das ein Jahrhundertgeschehen ist, in aller Tragweite er-spüren, durch-denken, mit-erleben. Ich mußte vier Wochen husten - war es das Virus?
Ich staune über die Vernünftigkeit der Deutschen und sehe mit Schrecken in die EU-Länder wie Italien, Frankreich und Spanien. UK und USA haben Gesundheit als individuelles Schicksal definiert - welch ein Irrtum. Die ultraorthodoxen Juden in Jerusalem rettet auch der Talmud nicht - diesmal nicht. Ganz schlimm wird es für die überbevölkerten Länder ohne sauberes Wasser. Ob sich danach etwas grundlegend ändert? Und ich staune über das Versagen der philosophischen Besserwisser.
Seit sehr langer Zeit stand der Schluß meiner in Arbeit befindlichen Oper ‚void‘ fest. Es ist der Schlußsatz aus Camus‘ Pest. In den ersten Monaten des Jahres dachte ich an Camus beim Wiederhochkommen eines deutschen Neofaschismus, das wir alle für lange Zeit nicht für möglich gehalten haben. Das NS-Gedankengut als Bazillus. Jetzt ist der Bazillus real, ein winzig kleines Virus, das die gesamte Menschheit buchstäblich zum Innehalten zwingt und damit etwas von dem leistet, was der Klimawandel, obwohl zu sehen, bisher nicht vermochte. Ich halte es mit Daniel Libeskind, der in seiner New Yorker Wohnung festsitzt. Pessimismus bringt gar nichts, nur der Optimismus bringt uns weiter.
Jener Satz von Camus lautet: ‚was in den Büchern zu lesen steht: daß der Pestbazillus niemals ausstirbt oder verschwindet, sondern jahrzehntelang in den Möbeln und der Wäsche schlummern kann, daß er in den Zimmern, den Kellern, den Koffern, den Taschenbüchern und den Bündeln alter Papiere wartet und daß vielleicht der Tag kommen wird, an dem die Pest zum Unglück und zur Belehrung der Menschen ihre Ratten wecken und erneut aussenden wird, damit sie in einer glücklichen Stadt sterben.‘ Auf diese Belehrung bin ich gespannt. Diese Pandemie und die weiteren sind der Naturzerstörung geschuldet. Wir - nicht sie uns - kommen den Wildtieren immer näher. Jetzt, 2020, erklärt uns die Natur eindeutig: Bis hierher und nicht weiter.“

(Claus-Steffen Mahnkopf am 11. April 2020)

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