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Komponisten zur Coronavirus-Krise: Jüri Reinvere

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Die Folgen der Coronavirus-Krise bewegen uns alle. Wir haben unsere Komponisten gefragt, wie sich diese Monate und Wochen auf ihr künstlerisches Schaffen auswirken. Was sie darauf geantwortet haben, veröffentlichen wir sukzessive in dieser Rubrik.

Jüri Reinvere

(Der estnische Komponist wurde am 2. Dezember 1971 geboren. Er lebt seit 2005 in Deutschland. Seine Musik verwendet oft eigene Dichtungen, in deren komplexer Sprache persönliche Erfahrungen eines kosmopolitischen Lebens eingeflossen sind)

„Das ist wie ein herbstlicher Sturm: Die Projekte und Einnahmen der Kolleginnen und Kollegen, all dieser lieben, mutigen, fleißigen Leute in den Ensembles und unter den Solisten, stürzen um wie Bäume im Orkan. Mitten in diesem Sturm sitzt ein Komponist, für den mehrere Uraufführungen verschoben werden mussten, in seinem Zuhause, das nur ein paar Kilometer entfernt ist vom Frankfurter Flughafen, der sonst mit leisem, aber ständigem Rauschen die Luft erfüllt. Jetzt regt sich nichts rund ums Haus, nur ein paar Eichhörnchen spielen an den Fichten und die Vögel singen. Sonst herrscht Totenstille.
Es nicht das erste Mal in der Geschichte der Musik, dass das öffentliche Leben derart zusammenbricht. Aber ist das erste Mal in der Geschichte der Menschheit, dass das Leben des Individuums so hoch geschätzt wird, dass die ganze Gesellschaft diesem Gut alles andere unterordnet: die Wirtschaft, den Verkehr, die Bildung, die Kultur. Für diese hohe Wertschätzung des einzelnen, unwiederbringlichen Lebens sind die Künstler Vorreiter gewesen: Obwohl sie jetzt zu den Ersten gehören, deren Existenz durch den gegenwärtigen Zusammenbruch gefährdet ist, waren sie auch die Ersten, die vor gut zweihundert Jahren das Individuum entdeckten, stärkten, es sichtbar machten, ihm eine Stimme schenkten, wo das einzelne Leben in Krieg und Staat, in Pest und Wirtschaft, in der Dynamik großer Revolutionen keinen Wert besaß.
Hauptaufgabe für die Künstler bleibt es, jetzt alles sehr wachsam zu beobachten, was und wie etwas passiert. Sie müssen, nachdem diese Todesstille vorbei ist, für das, was sie in uns und um uns hinterlässt, auch für das Neue, das dadurch vielleicht entsteht, Wort, Bild und Stimme finden.“

(Jüri Reinvere, 7. April 2020)

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