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Komponisten zur Coronavirus-Krise: Johannes X. Schachtner

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Komponieren in Zeiten von Corona

"Meine ganz persönliche Situation als Komponist zu Zeiten eines fast vollkommenen Shut-Downs ist vielschichtig, wenn nicht gar ambivalent. Natürlich gibt es da die große Sorge um besonders gefährdete Angehörige und um die ungewisse Zukunft insbesondere der Kulturlandschaft und es treffen mich auch ganz handfeste negative Auswirkungen durch entfallene Konzerte. Da meine Arbeit als Dirigent viel Raum in meinem Kalender einnimmt, hat das schwerwiegende Folgen für aktuelle und auch zukünftige Projekte.

Nun ist man zu Hause und hat plötzlich ungekannte Freiräume fürs Komponieren. Nach fast drei Wochen kann ich sagen, wirklich ungekannte Freiräume: nicht einmal zu Stipendienzeiten habe ich diese Leere der Arbeitstage erlebt. Und das ist tatsächlich ein merkwürdiges Gefühl, einerseits um die katastrophale, wenn nicht sogar lebensbedrohliche Situation vieler zu wissen, andererseits diese Zeit vor die Füße geworfen zu bekommen, die man für seine Arbeit hoffentlich nutzen kann. Aber Kunst hat oft in der Geschichte diese Spannung erlebt und aushalten müssen.

In den letzten Jahren war ich gewohnt, dass ich meistens nur ein exakt geplantes Zeitfenster hatte, in der die Partiturreinschrift einigermaßen ungestört stattfinden konnte — die Skizzen und das „Abhängen“ von Ideen fanden zuvor in diskontinuierlicher Arbeit statt. Nun wird daraus ein von äußerlichen Einflüssen nicht unterbrochener Prozess. Die ersten Tage habe ich noch vor allem genutzt, lange Liegengebliebenes weiterzuführen, aber nun merke ich jeden Tag, wie sich die Arbeit ändert. Wohin, kann ich noch nicht sagen. Noch ist die Absenz von neuen Einflüssen noch nicht zu spüren, aber ich hoffe sehr, dass sie bald kommt. Auch um den Hunger, Neues in Konzerten zu hören, wieder groß werden zu lassen — in unserer manchmal uraufführungsübersättigt scheinenden Musikwelt wäre das allgemein sehr zu wünschen.
Auch wenn ich sowieso außerhalb der Stadt in einigermaßen ruhiger Atmosphäre arbeiten kann, ist die Beruhigung der Umwelt schon sehr auffällig: man hört den Vögeln nicht nur in den frühen Morgenstunden zu, sondern plötzlich den ganzen Tag.
Während ich diese Zeilen schreiben, fallen mir immer wieder Bilder ein, auf denen sich Künstler, und insbesondere wir Komponisten als einsam und weltvergessen (meine eigenen Künstlerfotos gehören auch in diese Kategorie) stilisieren. Nun sind wir das alle irgendwie und wir würden uns wahrscheinlich alle gerne lebendig unter Mitmenschen sehen."

(Johannes X. Schachtner, 30. März 2020)