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Uraufführung von Jüri Reinveres Oper über die Beethoven-Tochter Minona

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Der estnische Komponist Jüri Reinvere hatte einen Kompositionsauftrag des Theaters Regensburg für das Beethovenjahr 2020 erhalten und schrieb eine Oper mit dem Titel „Minona“. Die Uraufführung findet gleich zu Beginn des Jubiläumsjahres zum 250. Geburtstag am 25. Januar 2020 in Regensburg statt.
Es geht darin um Minona von Stackelberg (1813-1897), die in Wien geboren wurde und dort starb, die aber mehr als zwanzig Jahre ihrer Jugend in Reval, Jüri Reinveres Geburtsstadt Tallinn, verbracht hat. Es gibt starke Indizien, aber keine sicheren Beweise, dass sie die Tochter von Ludwig van Beethoven und Josephine von Stackelberg, seiner mutmaßlichen „Unsterblichen Geliebten“ war. Seit 2018 bereits hat Jüri Reinvere für seine Arbeit an der Oper das Beethovenhaus Bonn konsultiert und mit international renommierten Beethoven-Forschern, die sich seit Jahrzehnten mit dem Schicksal Minonas beschäftigt haben, Gespräche geführt. Im Sommer 2019 konnte er in estnischen Archiven Dokumente einsehen, die seit fast sechzig Jahren nicht benutzt wurden und den Beethoven-Forschern lange unzugänglich waren.
Wir haben Jüri Reinvere zu seiner Oper „Minona“ befragt:

Warum eignet sich die bewegende, aber auch Fragen aufwerfende Lebensgeschichte der Minona von Stackelberg so gut für eine Oper?
 
Reinvere: Minona von Stackelberg war ein Kind, das ungelegen kam. Ein Kind, das mitten in eine Ehekrise zwischen der mutmaßlichen „Unsterblichen Geliebten” Ludwig van Beethovens — exakt in den Wochen, als dieser berühmte Brief geschrieben wurde — und ihrem Ehemann hineinplatzte, als die Ehepartner schon in Trennung lebten. Ihr Name liest sich von hinten nach vorn als „Anonim“. Wer sich mit der Biografie ihrer Mutter, Josephine von Stackelberg, geborene Brunswick, verwitwete Deym, beschäftigt, stößt auf eine Frau, der das eigene Leben mehr und mehr entglitt. Sie fühlte sich jahrelang leidenschaftlich zu Beethoven hingezogen, so stark, dass ihre weiblichen Verwandten sie von ihm fernhalten mussten, weil auch Beethoven sie leidenschaftlich liebte. Und sie war verheiratet mit einem Mann, der ihr und ihren Kindern das Leben zur Hölle machte. Minona wurde in diese zerrüttete Biografie ihrer Eltern hineingestoßen: zuerst von der Schwester ihrer Mutter aufgezogen, dann vom Vater entführt, streng pietistisch erzogen, fast ohne soziale Kontakte aufgewachsen. Nach dem Tod ihrer Eltern war sie weitgehend mittellos, immer auf fremden Beistand angewiesen. Sie hat nie eine eigene Familie gründen können, aber eine starke Neigung zur Musik gehabt. Und als knapp Sechzigjährige erfuhr sie dann durch Briefe aus dem Nachlass Josephines von der leidenschaftlichen Liebe zwischen ihrer Mutter und Beethoven. Da sie schon als Kind und Jugendliche in viele Rechtsstreitigkeiten ihres Vaters mit der Familie ihrer Mutter verwickelt gewesen war, muss sie gewusst haben, wie katastrophal die Ehe ihrer Eltern gewesen war, und geahnt haben, dass Christoph von Stackelberg gar nicht ihr Vater gewesen sein konnte. Sie hat ein Leben geführt, das nicht geplant gewesen war und dessen Ursprungs sie nicht sicher sein konnte. Zugleich ist das Schicksal dieser Frau eine Gegenerzählung zu jenem „Hohelied der Gattenliebe“, das Beethoven in seiner einzigen Oper „Fidelio“ anstimmt. Die Idealisierung der Ehe in der Kunst, die für Beethoven offenbar ein Lebensthema war, steht einem existentiellen Desaster im wahren Leben gegenüber.
 
Welche Art von Quellenstudium haben Sie bei der Vorbereitung dieses Stückes betrieben?
 
Reinvere: Zunächst habe ich wissenschaftliche Fachliteratur gelesen. Die Suche nach der Adressatin von Beethovens Brief an die „Unsterbliche Geliebte" ist ja ein eigenes Genre der Beethoven-Forschung, inzwischen sehr professionell mit kriminalistischen Methoden betrieben. Seit bald vierzig Jahren gilt Josephine von Stackelberg (neben Antonie Brentano) als die wahrscheinlichste Adressatin dieses ungewöhnlichen Liebesgeständnisses. Infolge von Wasserzeichen-Untersuchungen kann man diesen Brief nun auf den 6./7. Juli 1812 datieren — ziemlich exakt neun Monate vor der Geburt von Minona von Stackelberg am 9. April 1813. Die versammelten Indizien in der Forschung sind unheimlich stark, dass Beethoven Minonas Vater sein könnte, auch wenn es keine sicheren Beweise gibt. Dazu habe ich auch noch das Beethovenhaus in Bonn konsultiert, um meine Lektüre wissenschaftlicher Literatur besser gewichten zu können. Ich habe dann später die Archive der baltischen Ritterschaft in Tallinn und Tartu aufgesucht. Minona, in Wien geboren, ist ja in meiner Heimatstadt Tallinn aufgewachsen. Dabei machte ich besonders in Tartu erstaunliche Funde. Die Akten sind seit etwa 1960 nicht mehr eingesehen worden und der Beethoven-Forschung wohl nahezu unbekannt. Dort findet man Pfändungsbeschlüsse eines österreichischen Landgerichts durch die Familie Brunswick gegen Christoph von Stackelberg; man findet Vormundschaftserklärungen baltischer Adliger für Minona und Maria von Stackelberg; man findet Quittungen, auf denen Minona und Marie unterschreiben mussten, dass sie ihre Erbanteile aus dem Nachlass ihrer mütterlichen Großmutter und ihrer Halbschwester erhalten haben. Man findet Gesuche Minonas an Zar Nikolaus I. um Rechtsbeistand bei Antritt des Erbes ihres Vaters. Und man findet Lebenserinnerungen eines Schülers von Christoph von Stackelberg, die zugleich eine Skizze der Umstände darstellen, unter denen Minona aufgewachsen ist.
 
Die mutmaßliche Tochter von Beethoven ist zeitlebens ja eher zurückhaltend aufgetreten. Welche Ursachen vermuten Sie hinter diesem Verhalten?
 
Reinvere: Als Kind war sie anfangs überhaupt nicht zurückhaltend. Therese von Brunswick, ihre Tante, beschreibt, dass sie größer war als ihre Geschwister, kräftiger und robuster, dass sie alle herumkommandierte und "die Gouvernante" genannt wurde. Erst in Reval, wie Tallinn damals hieß, machte sie eine Wandlung durch. Sie soll äußerst zurückhaltend gelebt haben und vor dem gesellschaftlichen Austausch regelrecht in die Welt der privaten Unterrichtsstunden und des Klavierspiels geflohen sein. Die Erinnerungen, die ich in Tartu fand, sprechen von Blumen in einem verborgenen Garten, die nie aufgeblüht seien. Beim Tod ihres Vaters war sie fast dreißig Jahre alt. Eine alte Jungfer damals, unverheiratet, mittellos. Sie war darauf angewiesen, dass zunächst eine Tante in Ungarn (eine Schwester ihrer Mutter) und dann eine befreundete Familie sie in deren Haushalt aufnahm. Große Sprünge konnte sie nie machen. Selbstbestimmung gab es nur in engen Grenzen. Und ich vermute ganz stark, dass die streng pietistische, fanatische Erziehung durch Christoph von Stackelberg sie innerlich gebrochen hat.
 
Welche Geschichte erzählen Sie und welche Musikfarben wählen Sie besonders in Bezug auf die Titelfigur?
 
Reinvere: Es wird eine Geschichte über die Hoffnung werden. Über die Hoffnung, dass ein Kind, das nicht geboren werden soll, dann doch in diese Welt tritt. Und über die Hoffnung, die in der Musik beschworen wird, ohne dass sie sich im Leben erfüllt. Es ist die Geschichte von Frauen, die sich neben zwei Männern behaupten müssen, die beide auf ihre Weise rücksichtslose Rigoristen sind - Beethoven in seinem Idealismus, Stackelberg in seinem Pietismus. Musikalisch wird es ein Drama der Intimität werden, über Gewalt, die aus der Nähe, aus vermeintlich zärtlicher Zuwendung entsteht. Besonders die Doppelrolle der jungen Josephine und der jungen Minona wird sehr fordernd sein. Das Orchester wird zum Resonanzraum der innerseelischen und der zwischenmenschlichen Konflikte werden, aber auch zur Vision jener idealen Welt der Hoffnung.
 
25.01.2020       
Theater Regensburg       
UA Jüri Reinvere,                                       
Oper „Minona“                                           
(Inszenierung: Hendrik Müller                                   
Opernchor und Philharmonisches Orchester                            
Regensburg                                           
Ltg.: Chin-Chao Lin)

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