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„Jeder baut für sich ein kulturelles Zentrum ...“ - 85. Geburtstag von Alfred Schnittke

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„Es ist immer ein Bewusstsein, dass es immer etwas noch vor dir gab, was es schon immer gab, und dass die ganze individuelle Musikentfaltung ein Weiterschreiten von dem Weg ist, der schon längst da war und der viel breiter ist als dein eigener Weg“, sagte Alfred Schnittke einmal. „Du kannst diesen Weg mitgehen, in dieselbe Richtung oder in eine andere, aber es ist immer eine kleine Ableitung von dem großen Weg.“
Alfred Schnittke ging seinen Weg konsequent, auch als dieser Weg immer steiniger wurde, als er in seinen letzten Jahren von vier Schlaganfällen getroffen wurde und dennoch immer wieder in sein schöpferisches Arbeiten zurückfand. Schnittke wurde am 24. November 1934 in Engels, der Hauptstadt der damaligen Wolgadeutschen Republik, geboren. Am 24. November 2019 gedenken wir seines 85. Geburtstags. Die Alfred Schnittke Akademie Hamburg veranstaltet an diesem Tag deshalb ein Sonderkonzert, bei dem Agata Szymczewska und Robert Kowalski (Violine), Volodia Mykytka (Viola), Alexey Stadler (Violoncello) und Juan Perez Floristan (Klavier) Schnittkes Cellosonate aus dem Jahr 1978 und das Klavierquintett von 1976 zur Aufführung bringen.

Seine musikalische Ausbildung erhielt Schnittle 1946 in Wien, wo sein aus Frankfurt/Main stammender Vater für zwei Jahre bei einer russischen Zeitung arbeitete. Die Familie ging danach wieder zurück nach Moskau, wo Schnittke am Moskauer Konservatorium Komposition studierte. Von 1962 bis 1972 war der Komponist dann selbst als Lehrer am Moskauer Konservatorium tätig, während seine Werke im Westen immer bekannter wurden. 1991 schließlich verlegte Schnittke seinen ständigen Wohnsitz nach Hamburg und leitete hier bis 1994 eine Kompositionsklasse an der Hamburger Musikhochschule. In Hamburg ist heute die Alfred-Schnittke-Gesellschaft ansässig, die das Schaffen des Komponisten fördern und eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit seinem Werk unterstützen will.
In den letzten Lebensjahren von schwerer Krankheit gezeichnet, verstarb Schnittke am 3. August 1998.

Schnittkes außergewöhnliche musikalische Sprache von den frühen Anfängen über die Polystilistik bis hin zu den drei in späten Jahren entstandenen Musiktheaterwerken „Leben mit einem Idioten“, „Gesualdo“ und „Historia von D Johann Fausten“ entspringt einer höchst individuellen Sicht des Komponisten auf unsere Welt, aber auch auf das umfangreiche Erbe der Musikgeschichte.
„Jeder baut für sich sein kulturelles Zentrum in der Welt auf“, sagte Schnittke einmal. „Das heißt nicht, dass er unbedingt in Paris lebt, in Darmstadt oder, sagen wir, in Berlin oder noch wo. Aber doch. Ich habe die Empfindung, dass dieses kulturelle Zentrum in einem Treffpunkt, den es in Wirklichkeit gar nicht gibt, liegt. Nämlich, ein Treffpunkt zwischen Osten und Westen, genauer gesagt zwischen Russland und Deutschland, irgendwo ist dieser Treffpunkt. Ich weiß nicht, wo das genau ist, aber das ist es dem Sinne nach.“

Ein reicher Schatz an Werken

Viel gibt es im revidierten und neu aufgelegten Werkkatalog von Alfred Schnittke zu entdecken. Das sinfonische Repertoire ist umfangreich und enthält viele bekannte Werke wie die neun Sinfonien oder die „Gogol-Suite“ für Orchester, aber auch verborgene Schätze wie die Fünf Fragmente zu Bildern von Hieronymus Bosch für Tenor, Violine, Posaune, Cembalo und Streicher, „Ritual“ oder die „Hommage à Grieg" für Orchester. Das Instrumentalkonzert-Schaffen von den Violinkonzerten über die Cellokonzerte bis hin zu den Klavierkonzerten erfreut sich ebenso großer Beliebtheit wie die oft gespielte Kammermusik, darunter die Werkreihe „Hymnus I-IV“ für verschiedene Besetzungen aus den Jahren 1974 bis 1979. 
In den letzten Jahren hat der Sikorski Verlag ein besonderes Augenmerk auf Schnittkes Frühwerk gelegt. So erschien vor einiger Zeit beispielsweise das Scherzo für Orchester (SIK 8840), das lange im Privatarchiv des Komponisten gelegen hatte. Nach Einschätzung von Schnittkes Ehefrau Irina Schnittke ist das Werk 1957 vermutlich während seines Instrumentationsstudiums bei dem russischen Komponisten Nikolai Rakow im Rahmen der Orchestrierung seines ersten Klavierquintetts aus dem Jahre 1954/55 entstanden. Das Scherzo wurde am 24. Januar 2016 vom Polnischen Rundfunkorchester unter Michal Klauza in Warschau uraufgeführt.
Das Scherzo stammt aus einer Phase, als der Komponist sich bemühte, sich von seinen damaligen musikalischen Vorbildern zu emanzipieren, um eigene Wege einzuschlagen. Für ihn, so sagte er einmal 1986 rückblickend, sei das Komponieren nicht nur eine Sache des Verstandes und auch keine bloße Spielerei. „Ich habe die Empfindung, auch wenn ich sie nicht genau deuten kann: Die gesamte Musik stützt sich auf etwas, was es außerhalb der Musik gibt, auf eine Ordnung, die nicht nur musikalisch ist. Die Musik ist eine von vielen möglichen Spiegelungen dieser höheren Ordnung. Deswegen sind alle Musikwerke Versuche, ein wenig von dieser Ordnung zu zeigen.“

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