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„Musik als magische Kraft“ - 100. Geburtstag von Galina Ustwolskaja

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Die russische Musikwissenschaftlerin Olga Gladkova gab ihrer 2001 im Ernst Kuhn Verlag erschienenen Abhandlung über das Schaffen und die Person der 2006 in St. Petersburg gestorbenen Komponistin Galina Ustwolskaja den Titel „Musik als magische Kraft“. In der Tat entfalten die Aufführungen von Stücken aus dem zahlenmäßig relativ schmalen OEuvre dieser Komponistin regelmäßig eine ganz eigentümliche, ja magische Wirkung. Viele Hörer sind überrascht von der Radikalität und der Kompromisslosigkeit dieser Musik, andere bewundern das oft Harsche und Holzschnittartige der Klangwelten Ustwolskajas und wieder andere sehen in dieser 1919 geborenen Komponistin eine der größten Innovatorinnen der zeitgenössischen Musik.
Am 17. Juni 2019 gedenken wir des 100. Geburtstages dieser außergewöhnlichen Komponistin. Galina Ustwolskajas Werkkatalog ist überaus konzentriert, ihre musikalische Botschaft kompromisslos und unvergleichlich. Sie studierte von 1937 bis 1939 an der Musikfachschule ihrer Geburtsstadt Petrograd (St. Petersburg) und bis 1947 am dortigen Rimski-Korssakow-Konservatorium. Hier erhielt sie eine Aspirantur und leitete schließlich eine Kompositionsklasse an der dem Konservatorium angegliederten Musikfachschule. Ihr Kompositionslehrer Dmitri Schostakowitsch äußerte sich begeistert über sie. Mehrfach setzte er sich gegen den Widerstand seiner Kollegen im Komponistenverband für sie ein. Ustwolskaja gilt neben Sofia Gubaidulina als die bedeutendste Komponistin Russlands.
Ein Merkmal von Ustwolskajas Kompositionen ist ihre  „sinfonische“ Anlage, unabhängig von ihrer tatsächlichen Besetzung oder zeitlichen Ausdehnung. Sie schreibt eine asketische, von unerhörter rhythmischer Kraft getragene Musik. Im Notenbild fehlen häufig Taktstriche, was erstaunlich asymmetrische polyphone Konstruktionen hervorbringt. Dynamische Entwicklungen sind fast auf reine Terrassendynamik reduziert und von extremen Kontrasten geprägt. Die von ihr vertonten vornehmlich christlichen Texte sind aphoristisch und konzentriert. Ihre Werke künden von einem strengen, unabhängigen Geist, von unerbittlichem Willen und tiefer Gläubigkeit.

Zu den Kompositionen Nr. 1-3

Die Komposition Nr. 1 „Dona nobis pacem“ für Piccoloflöte, Tuba und Klavier gehört zu einem Zyklus von drei Werken für Kammerbesetzung, die sich in ihren Titeln auf Zitate aus der christlichen Liturgie beziehen. Die Direktheit und Nüchternheit der musikalischen Aussage Ustwolskajas ist einzigartig in der zeitgenössischen Musik. In diesem Werkzyklus gibt es keine rezitierende Stimme wie zum Beispiel in der Sinfonie Nr. 5 „Amen“, in der das „Vater unser“ den Verlauf des Werkes bestimmt. Die Komposition Nr. 1 ist mit den Schlussworten des „Agnus Dei" überschrieben, des letzten Teils der Messe. So ist der Dialog der Soloinstrumente als abwechselndes und inständiges Bitten um Frieden zu verstehen. Das Klavier hat dabei eine vermittelnde Funktion zwischen den extremen Lagen der Piccoloflöte und der Tuba.

Als es in Witten am 24. April 1993 zur deutschen Erstaufführung der Komposition Nr. 2  „Dies irae“ für 8 Kontrabässe, Holzkiste und Klavier von Galina Ustwolskaja im Rahmen einer Gesamtaufführung dieses Werkzyklus durch das Schönberg Ensemble unter Reinbert de Leeuw kam, war das Publikum von der eigenwilligen Sprache der Petersburger Komponistin höchst überrascht. Allein die ungewöhnlichen Besetzungen der drei Werke und die für diese charakteristischen blockhaften, monolithisch starren Repetitionen sorgten gleichermaßen für Begeisterung und Irritation. Die Besetzungen der Kompositionen Nr. 1 bis 3 ergeben zusammen ein fast orchestrales Gebilde. Die Ensembles der Komposition Nr. 2 und Nr. 3 basieren auf kompletten Instrumentengruppen (vier Fagotte, vier Flöten, acht Kontrabässe). Das Klavier bildet dazu einen Gegenpol, der - wie Jutta Rinas und Harry Vogt damals für das Wittener Programmheft formulierten - eine Art Kraft- und Energiepotential des Ganzen darstelle.
Die hohe Expressivität der Komposition Nr. 2, ihre fast brutale, aus harten Repetitionen sich ergebende musikalische Abstraktion des „Dies irae", des „Tags des Zorns" aus der lateinischen Totenmesse, wird streng durchgehalten. Es gibt keine changierenden Klangereignisse, keine Melodik im herkömmlichen Sinne. Ustwolskajas Sprache ist archaisch und kompromisslos zugleich. Bohrend und eindringlich schlagen in höchster Anspannung Kontrabässe Und Klavier die Töne an, unterstützt von einer die Wirkung noch verstärkenden Holzkiste, die mit zwei Hämmern geschlagen wird.

Die Komposition Nr. 3 „Benedictus qui venit“ für 4 Flöten, 4 Fagotte und Klavier bildet den letzten Teil der Werktrilogie.  Auffällig ist die extreme Behandlung der Instrumente, insbesondere die des Klaviers, für das Ustwolskaja fast durchgehend Cluster vorschreibt. Das Spiel der Tontrauben erfordert den Einsatz der Handflächen, -kanten und der Fäuste. Die häufigen Bezeichnungen „espressivo“ oder gar „espressivissimo“ zeugen von bohrender, manchmal geradezu fanatischer Suche nach maximalem Ausdruck. Bezeichnend ist die Wahl des fünffachen Forte, oft noch durch Akzente, Sforzati und Crescendi verstärkt. Solche dynamischen Bezeichnungen sind nur noch symbolisch verständlich. Sie zielen darauf, die Grenzen des Ausdrückbaren zu überschreiten.

Bemerkungen zu den Sinfonien

Eine konsequente Konzentration auf ihre ureigene persönliche Aussage und ein trotz Anfeindungen und Unterdrückung unbeirrbares Festhalten an ihren Prinzipien sind für Ustwolskaja kennzeichnend.
Größere sinfonische Werke stehen – mit wenigen Ausnahmen - nicht im Zentrum ihres Schaffens, sie bevorzugt kleine, durchsichtige Besetzungen, die eine Konzentration des Materials ermöglichen. Dabei möchte Ustwolskaja den Begriff Kammermusik nicht auf ihr Werk angewandt wissen, da sie auch bei kleiner Besetzung in gleichsam sinfonischen Dimensionen denkt.
Ustwolskajas Sinfonie Nr. 3 „Jesus Messias, errette uns!“ entstand 1983 auf Worte von Hermannus Contractus. Wesentlich für das einsätzige Werk ist eine starke Religiosität, die inbrünstige, ja emphatische Grundhaltung, die durch eine oft die Grenzen klanglicher Brutalität erreichende Orchesterbehandlung unterstrichen wird.
Die Sinfonie wurde am 1. Oktober 1987 in St.  Petersburg uraufgeführt.

Die Sinfonie Nr. 5 „Amen" (1989/90) ist die letzte Komposition Ustwolskajas. Der christliche Glaube spielt im Schaffen der Komponistin eine zentrale Rolle. Mit Ausnahme der 1. Sinfonie, die im Gegensatz zu den übrigen Beiträgen zu dieser Gattung für großes Orchester konzipiert ist, sind alle Sinfonien mit biblischen Zitaten oder Begriffen übertitelt. Die Musiksprache dieses Werkes ist karg. Es scheint, als wolle  die Komponistin ihre Aussage auf ein Konzentrat beschränken. Ihren eigenen Äußerungen nach denkt sie stets in sinfonischen Formen, auch wenn Struktur, Spieldauer und Besetzung ihrer Kompositionen eher des Gegenteil belegen.
Ein nahezu nüchtern-klarer Aufbau charakterisiert auch die 5. Sinfonie, in deren Verlauf homophone Passagen der Violine, Oboe, Trompete, Tuba und des Schlagwerkes eine das „Vater unser“ rezitierende Solostimme begleiten. Die Eindringlichkeit der musikalischen Ausdrucksmittel wird noch verstärkt durch die Wiederholung ausgewählter Textpassagen. Die bis zum Äußersten getriebene Reduktion der Mittel, die gerade in der Gattung Sinfonie ihresgleichen sucht, führt zu einer Konzentration der christlich-philosophischen Gedankenwelt von Galina Ustwolskaja, die in ihrer musikalischen Deutung und Umsetzung fast archaisch zu nennen ist.

Bemerkungen zur Kammermusik

Ustwolskajas Oktett für zwei Oboen, vier Violinen, Pauken und Klavier aus den Jahren 1949/50 könnte eigenwilliger kaum sein. Es besteht aus fünf abwechselnd langsamen und schnellen  Sätzen. Wie so oft bei ihren Werken tritt das Intervall des Tritonus bestimmend hervor, das sowohl in der russischen  Kirchenmusik als auch in der Volksmusik und bei den russischen Romantikern eine große Rolle spielt. Mit seiner suggestiven Kraft und seiner brachialen Gewalt spiegelt dieses Oktett keine heile Welt wider. Im vierten Satz gehen schließlich donnernde Schicksalsschläge auf die allgegenwärtigen Pauken nieder.
Auch das Große Duett für Violoncello und Klavier, das 1977 im damaligen Leningrad uraufgeführt wurde, ist ein Beleg für den oftmals asketischen Ausdruck von Ustwolskajas musikalischer Sprache. Wie in so manchen anderen Werken der Komponistin fehlen auch in dieser Komposition Taktstriche. Es entstehen asymmetrische polyphone Konstruktionen, die von einem eindringlichen Rhythmus getragen werden. Den ersten Satz charakterisiert eine energische, über lange Strecken durchgehaltene Achtelbewegung mit unregelmäßig eingefügten, sekundweise aufschreitenden Zweisechzehntel-Motiven. Der zweite Satz wird von Klangflächen getragen, die besonders im dynamischen Bereich Wandlungen unterliegen. Im dritten Satz benutzt der Cellist einen Kontrabassbogen. Auch hier wird kein weiter melodischer Raum abgesteckt. Töne und Motive erklingen eher als rhythmisch unregelmäßig gegeneinander verschobene Lautblöcke. Insgesamt wird, wie auch im ersten Satz, ein energisches, kraftvolles Spiel von den Solisten gefordert. Der vierte Satz erinnert an den achtelbetonten ersten, verdichtet die Bewegung aber zum Ende durch synkopische Überbindungen im Cello. Der fünfte und letzte Satz beginnt verhalten ausdrucksstark, wobei ein unruhiger Triller im Klavier den späteren Übergang zur Achtelbewegung des ersten und vierten Satzes ankündigt. Dieser Rückbezug wird auch durch das erneute Auftreten des sekundweise aufschreitenden Sechzehntelmotivs bestätigt, das nunmehr konzentrierter in Zweiunddreißigsteln erklingt.

Ustwolskajas Klaviersonaten Nr. 1-6

Schon früh emanzipierte sich die Petersburger Komponistin Galina Ustwolskaja von den noch im Frühwerk spürbaren Einflüssen ihres Lehrers Dmitri Schostakowitsch. Kaum ein anderer Werkkomplex im ohnehin recht konzentrierten Schaffen der Komponistin verdeutlicht indes die kompositorische Entwicklung besser als die Reihe der Klaviersonaten Nr. 1-6, die zwischen 1947 und 1988 entstanden sind.
Die erste Sonate von 1947 trägt noch klassizistische Züge. Ihr Charakter ist suchend und improvisierend, noch unfertig im Sinne des späteren nüchtern-eindringlichen Ustwolskaja-Stils. Trotzdem verrät sie bereits Züge der asketischen Einfachheit, die Ustwolskaja dann in der zweiten Klaviersonate zwei Jahre später hervortreten lässt. Die dritte Sonate von 1952 ist zum ersten Mal einsätzig angelegt. Die Komponistin arbeitet in klaren Gliederungen mit drei Tempi und einer in den vorhergehenden Werken bereits stellenweise aufscheinenden Terrassendynamik.  Im Gegensatz zur dritten Klaviersonate ist die vierte wieder viersätzig angelegt und bringt wesentlich klassischere pianistische Elemente zur Anwendung als in den vorangegangenen Sonaten. Sie ist allerdings auch die leiseste und introvertierteste des ganzen Zyklus. Zwischen  der vierten und der fünften Sonate liegt eine große Zeitspanne von neunzehn Jahren. Die fünfte Sonate aus dem Jahr 1986 enthält zehn Sätze, bricht mit allen konventionellen Sonatenstrukturen und verweist sogar auf einen mystisch-religiösen Bezug, indem ein Choral zitiert wird. Die sechste Sonate schließlich ist das kraftvollste Stück von allen mit einer Vielzahl von Clusterblöcken.

Bevorstehende Aufführungen im Jubiläumsjahr 2019:

31.05.2019       
Berlin                   
Komposition Nr. 2                               
(Mitglieder der Staatskapelle Berlin
Ltg.: Patricia Kopatchinskaja)

16.06.2019       
Bonn                   
Komposition Nr. 1 / Großes Duett für Violoncello und Klavier / Trio für Klarinette, Klavier und Violine                (Mitglieder des Ensembles Musikfabrik)

10.08.2019       
Rosendal (N)               
Trio für Klarinette, Violine und Klavier
(Anthony Mc Gill, Klarinette
Mark Danel, Violine
Marc-André Hamelin, Klavier)

25.08.2019       
Cernier (CH)               
Komposition Nr. 2                               
(Orchestre des Jardins Musicaux                                   
Ltg.: Valentin Reymond)

16.10.2019       
Leipzig               
Sinfonie Nr. 4 / Klaviersonate Nr. 6 / Komposition Nr. 1
(Inga Jäger, Alt
Ensemble Avantgarde
Ltg. und Klavier: Steffen Schleiermacher)

17.11.2019       
Helsingborg               
Sinfonie Nr. 5 „Amen“                               
(Helsingborgs Symfoniorkester
Ltg.: Stefan Solyom)

31.12.2019       
Hamburg               
Sinfonie Nr. 5 „Amen“
(Nadezhda Karyazina, Sprecherin
Mitglieder des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg
Ltg.: Kent Nagano)

27.01.2020       
Berlin                   
Konzert für Klavier, Streicher und Pauken / Oktett
(Alexander Melnikov, Klavier                               
Ensemble Resonanz)