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Uraufführung von Jüri Reinveres „Ehe Leviathan erwacht.” Sinfonische Skizzen für Orchester in Tallinn

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Das Estonian National Symphony Orchestra unter der Leitung von Mihkel Kütson bringt Jüri Reinveres neues Orchesterwerk „Ehe Leviathan erwacht." Sinfonische Skizzen für Orchester am 12. April 2019 in Tallinn zur Uraufführung.
Zu diesem Werk seines Lebenspartners schrieb der Autor Jan Brachmann folgenden Werkkommentar:                   

„Seit seinem frühen Werk ‘Written in the Sand’ aus dem Jahr 2001 hat sich Jüri Reinvere immer wieder mit dem Orchester beschäftigt. In seinen beiden Opern ‘Fegefeuer (Pudistus)’ von 2012 und ‘Peer Gynt’ von 2014 ist das groß besetzte Orchester nicht nur Teil der dramatischen Handlung, es ist in vielen Fällen sogar das Medium, in dem sich wichtige psychologische Prozesse der Figuren abspielen. Nach den Opern jedoch und der Elegie ‘Norilsk, the Daffodils’ für Sprechstimme und Orchester hatte Reinvere den Wunsch, sich wieder stärker der reinen Orchestermusik ohne Bindung an verbale Texte zuzuwenden. ‘Ehe Leviathan erwacht. Symphonische Notizen’ ist dabei schon das dritte Stück in einer Reihe von Werken für großes Orchester, die in sehr kurzer Abfolge entstanden sind. Den Anfang hatte im Februar 2018 ‘Through A Lens Darkly’ für die Göteborger Symphoniker gemacht, gefolgt im August 2018 von ‘Und müde vom Glück, fingen sie an zu tanzen’ für Paavo Järvi und das Estonian Festival Orchestra.
Wie in diesen beiden Stücken geht es auch in ‘Ehe Leviathan erwacht’ um eine Fortschreibung der Tradition symphonischen Denkens. Das Symphonische versteht Reinvere dabei sowohl im logischen als auch im klanglichen Sinn. Klanglich soll das Orchester dabei als organische Einheit verstanden werden, nicht als Arsenal verschiedener Splittergruppen, als Reservoir von Ensemblekonstellationen, sondern als integrales Instrument. Schon im vorhergehenden Stück 'Und müde vom Glück, fingen sie an zu tanzen' fiel auf, wie Reinvere in der Sphäre des Klanglichen unterschiedliche Orchesterdialekte Europas – die eher koloristische Schule Frankreichs und die eher symbolisch und theologisch konnotierte Klangsprache der deutschen Tradition – zusammenzuführen versteht.
Auf der logischen Ebene geht es Reinvere um die Gestaltung sinnfälliger Prozesse durch das musikalische Material: Das können tonhöhenbasierte Motive sein, bestimmte Akkorde oder Akkordverbindungen, aber auch kontrastierende, als Gestalt fest umrissene Klangfarben oder Klangfelder. Die Arbeit mit Akkorden verfolgt dabei den Zweck, neue Möglichkeiten einer großformal tragfähigen Harmonik auszutesten, jenseits der Verknüpfungen traditionell-tonaler Kadenzbeziehungen. Seit Ludwig van Beethoven wird die Symphonie verstanden als instrumentales Drama oder als musikalisches Pendant zum großen Roman. Zeigte bei Beethoven die Symphonie als logische Form noch Reste ihrer Herkunft aus der architektonischen Form des Tanzes, so sind diese Reste zweihundert Jahre später fast völlig verschwunden: Alles ist Prozess. Für Reinvere zentral ist die musikalische Gestaltung eines narrativen Prozesses, der ohne Anlehnung an ein literarisches Programm, allein aus der Musik heraus beim Hören zwingend und sinnfällig erscheint. Die Titel seiner Stücke eröffnen dabei nur Assoziationsrichtungen, liefern aber keine Beschreibung der Musik.
Komponieren ist Formen von erlebter Zeit. Erlebte Zeit kennt im Unterschied zu messbarer Zeit Spannung und Erfüllung, Statik und Dynamik, Beschleunigung und Verzögerung, Höhe- und Tiefpunkte auf unterschiedlichen Ebenen. Für das Stück 'Und müde vom Glück, fingen sie an zu tanzen' war eine Dramaturgie von Unrast, Druck, Entladung und Kollaps charakteristisch. 'Ehe Leviathan erwacht' stellt sich dabei eine andere Aufgabe: Das Stück will bewegte Ruhe erfassen. Wenn wir beispielsweise auf fließendes Wasser sehen, fügen sich uns Statik und Veränderung zu einem einheitlichen Bild. Zugleich hat die Zeitdramaturgie von 'Ehe Leviathan erwacht' den Charakter des Aufschubs, der geschenkten Zeit. Es ist eine Ruhe, von der man ahnt, aber nicht sicher weiß, dass sie ein Ende haben könnte. In der Bibel ist Leviathan ein Meerungeheuer, in Ergänzung zu Behemoth, dem Landungeheuer. Leviathan und Behemoth stehen für die Kräfte des Chaos, die gegen die Schöpfung gerichtet sind. Beim Philosophen Thomas Hobbes ist Leviathan das Symbol für die übermenschliche Macht des Staates und der Kirche, durch die menschliche Egoismen im Zaum gehalten werden. In Andrej Swjaginzews Film Leviathan wird das Wort zur doppelten Metapher für staatliche und kirchliche Willkür gegen das Individuum und für ein Meerungeheuer, das ausgestorben ist: Das Skelett eines toten Wals verweist auf einen Gott, der auf die Gebete des einzelnen nicht mehr antwortet und das Böse in der Welt zulässt.
Jüri Reinvere ist als Essayist und zeitgeschichtlicher Kommentator immer auch ein politisch denkender Künstler. Stellte sich die Oper ‘Fegefeuer’ die Frage nach Schuld und Vergeltung im postkommunistischen Europa, so beschäftigten sich ‘Peer Gynt’ sowie ‘Und müde vom Glück, fingen sie an zu tanzen’ mit dem Phänomen der kulturellen Erschöpfung Europas. ‘Ehe Leviathan erwacht’ ist dagegen kein apokalyptisches Stück. Es ist Musik über menschliches Leben zwischen staatlicher und natürlicher Gewalt, ein Stück über Freiräume, über geschenkte Zeit, die gestaltet werden will, zuallererst musikalisch.” (Jan Brachmann, 2019)

12.04.2019  
Tallinn              
UA Jüri Reinvere,                                      
„Ehe Leviathan erwacht." Sinfonische Skizzen für Orchester
(Estonian National Symphony Orchestra,  Ltg.: Mihkel Kütson)

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