Bremer Uraufführung von Moritz Eggerts „Traité des passions“

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Das Ensemble VOLCANIA und die Blockflötistin Elisabeth Champollion bringen am 2. März 2019 in Bremen das neue Werk „Traité des passions“ für Blockflöte und Barockensemble von Moritz Eggert zur Uraufführung.
Der Komponist hat dem Werk eine ausführliche Einführung beigefügt:

„In der Musikgeschichte gibt es zyklische Hinwendungen zu Emotionen. Immer dann, wenn sich eine neue musikalische ‚Affektenlehre’ etabliert, wird diese mit neuer Nüchternheit konterkariert, genauso wie auf Manierismus ästhetische Strenge folgt, oder exaltierte Koloraturen einem natürlicheren Gesangston weichen.
Die Nachkriegszeit, die das Bild der ‚Neuen Musik’ in der Öffentlichkeit maßgeblich geprägt hat, war von Abstraktion und geringer Emotionalität bestimmt. Auch als Gegenreaktion gegen die Gefühlsinstrumentalisierung durch die Nazis war es für Komponisten fast Pflicht, sich möglichst kühl und distanziert zu geben. Aus den Partituren wurden die letzten Überbleibsel der Spätromantik verbannt. Wo vorher farbige und anschauliche Vortragsbezeichnungen das Partiturbild beherrschten, bevorzugte man nun neutrale oder fast mathematische Anweisungen, nackte Tempoangaben, allenfalls mal ein “schneller” oder ‚langsamer’. Serielle Partituren der 60er Jahre gleichen in ihrem Erscheinungsbild eher Architekturplänen, und Komponisten sahen sich eher als Forscher denn als Gefühlsmenschen.
Dies hat sich auch mit den jüngsten ästhetischen Entwicklungen (z.B. ‚Konzeptmusik’) nicht entscheidend geändert - nach wie vor sind Partituren heute eher Verrichtungsanweisungen als der Versuch einer poetischen Anregung, es liegen Welten zwischen zum Beispiel einer an assoziativen Vortragsbezeichnungen reichen und psychologisch differenzierten Musik eines Schumanns und einem typischen ‚Neue-Musik"-Werk von heute.
Vielleicht ist es an der Zeit, sich wieder an die Gefühle zu erinnern, die einen großen Teil der Faszination von Musik als Kunstform darstellen. Denn Musik kann Emotionen sehr direkt umsetzen, ohne sie - wie in der Literatur - mit Worten erklären zu müssen.
René Descartes war einer von vielen Philosophen, der versuchte, die menschliche Gefühlswelt zu kategorisieren. In seiner berühmten und auch für die Musik einflussreichen ‚traité des passions de l’âme’ (Lehre der Affekte) beschrieb er 1649 die seiner Meinung nach sechs menschlichen Leidenschaften:
1. Freude (joie)
2. Hass (haine)
3. Liebe (amour)
4. Trauer (tristesse)
5. Verlangen (désir)
6. Bewunderung (admiration)
Mich interessierte, ob es mit den Mitteln Neuer Musik heute möglich ist, diese Affekte rein musikalisch darzustellen, ohne dabei auf konzeptionelle oder textliche Hilfsmittel zurückzugreifen. Die Auswahl von Descartes - über deren Vollständigkeit man natürlich streiten kann - faszinierte mich in ihrer kontrastierenden Abfolge, daher übernahm ich sie unverändert.
Mein Stück ‚Traité des passions’ entstand auf Anregung der Blockflötistin Elisabeth Champollion und ist für Barockensemble und alte Instrumente komponiert. In seiner Form ist es fast ein kleines Blockflötenkonzert, jeder Satz ist einem anderen ‚Affekt’ gewidmet. Doch die Musik geht ineinander über, genauso wie auch Descartes davon ausging, dass sich seine ‚Affekte’ stets in das jeweilige Gegenteil verwandeln oder sich überlagern können.
Unsere Zeit leidet an einem Defizit der Leidenschaften, was viele Menschen in die diffusen Ängste und Verschwörungstheorien treibt, die den Populismus dieser Tage befeuern. Die Sehnsucht nach echten Emotionen und Wahrhaftigkeit sollten wir aber sehr ernst nehmen, denn sie stellt eine Herausforderung unserer Zeit dar. Auf jeden Fall aber ist es besser, den Hass zum Beispiel musikalisch umzusetzen, anstatt ihn in der Wirklichkeit auszuleben. Und ebenso besser ist es, darüber zu philosophieren, wie dieser Hass in Liebe umgewandelt werden kann, vielleicht auch mit Hilfe von Musik.“
(Moritz Eggert)

Foto des Komponisten: c Mara Eggert

02.03.2019      
Bremen          
UA Moritz Eggert,                                      
„Traité des passions“ für Blockflöte und Barockensemble          
(Ensemble VOLCANIA ; Ltg. und Blockflöte: Elisabeth Champollion)

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