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Peter Ruzickas dritte Oper „BENJAMIN“ gelangt an der Hamburgischen Staatsoper zur Uraufführung

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In Vokalwerken und in den beiden bereits uraufgeführten Opern „CELAN“ und „HÖLDERLIN“ wandte sich Peter Ruzicka schon oft Persönlichkeiten der Literatur zu, die für ihn wesentlich waren. Nun hat er eine dritte Oper mit dem Titel „BENJAMIN“ vollendet, in der es wieder um eine Gestalt der Literatur und der Philosophie geht: Walter Benjamin, den großen deutschen Philosophen, Kulturkritiker und Übersetzer der Werke von Balzac, Baudelaire und Marcel Proust und Schöpfer des für die Moderne so wegweisenden „Passagen-Werks“.
Kurz vor dem 70. Geburtstag Peter Ruzickas am 3. Juli 2018 wird die neue Oper am 3. Juni 2018 an der Hamburgischen Staatsoper zur Uraufführung gelangen.
Hier spricht Peter Ruzicka über sein neuestes Werk:

Sikorski Verlage: Warum haben Sie als Sujet Walter Benjamin ausgewählt und wie könnten Sie die Dramaturgie Ihrer Oper beschreiben?         
 
Peter Ruzicka: BENJAMIN ist weniger ein Musiktheater „über“ oder „mit“ Benjamin,  sondern „aufgrund von Benjamin“, diesem Ahasver, dessen rastloses Reisen auf der Flucht vor den Nationalsozialisten in der Oper selbst Klang werden soll. Man wird der Partitur etwas von der hermetisch-mystischen Tiefe vieler seiner Texte abspüren können, von der Diskontinuität seines Denkens, aber auch von dem von Depression und Vereinsamung heimgesuchten Walter Benjamin. Eine Geschichte vom Menschen W.B. also, dennoch anti-narrativ. Auch das ist eine „Reise ins Innere“. Es gibt in dem wunderbaren Libretto von Yona Kim sieben Stationen. Es sind „Waldszenen“, die in Wahrheit eine einzige „verrufene Stelle“ sind, über der ein Unstern steht. Die ein geheimnisvolles Dokument bewahrende Aktentasche im Rang eines Attributs des Protagonisten zu Beginn und am Schluss – beklemmend und bewegend zugleich. Die Mutation des Waldes zum Bücherwald und zum Inhaftierungslager, die des Schiffes zum Kinderzimmer und des Meeresrauschens zum Großstadtlärm – Verwandlungen, die zusammen mit der Anverwandlung des Liedes vom „Bucklicht Männlein“ durch immer gebückter und immer intensiver flüsternde deportierte Kinder ein beklemmendes Ambiente schaffen. In dem Ensemble von sechs Personen, die Zeitgenossen Walter Benjamins spiegeln, scheinen mir die Schrunden und Risse, aber auch die gescheiterten Rettungsversuche einer leidvollen Biographie „personifiziert“.
 
Sikorski Verlage: Wie verhält sich Ihre Oper BENJAMIN strukturell und musikalisch zu den früheren Opern CELAN und HÖLDERLIN mit ihren Bezügen zu bestimmten Gestalten der Literatur- und Philosophiegeschichte?
 
Peter Ruzicka: Die Opern ergeben in ihren vielfachen Wechselbezügen eine Art Triptychon. Celan hat wie Benjamin auf den sich abwendenden Engel der Geschichte zurückgeblickt und die Wunden des 20. Jahrhunderts beschrieben. Benjamin war ein sensibler Hölderlin-Exeget, ebenso wie Celan, an dessen Todestag die Hölderlin-Biographie von Michel auf dem Bett aufgeschlagen lag. Musikalisch gibt es in BENJAMIN Momente der „Übermalung“ früherer Texturen, dort wo sich die historischen Sujets berühren. Benjamin, Celan und Hölderlin sind zu Triangulationspunkten meines Denkens geworden.
 
Sikorski Verlage: Gerade Benjamin und sein „Passagen-Werk“ sind eine komplexe Vorlage. Wieviel Vorwissen setzen Sie bei Ihrem Publikum voraus, um dem Verlauf des Stücks folgen zu können?
 
Peter Ruzicka: Das Musiktheater vermag geschichtsphilosophische Positionen nicht direkt zu beschreiben. Aber die Begegnungen Benjamins etwa mit Hannah Arendt, Gershom Sholem oder Bertolt Brecht mögen doch die empathische Kraft seines Gedankens, sein „wissendes“ Weltbild,  spiegeln. Mir ist da Wagners Satz nahe, wonach wir Wissende werden müssen durch das Gefühl: So ist es, wenn uns das Gefühl gesagt hat, so muss es sein! Benjamins Leben betrifft uns und macht uns betroffen!
 
Sikorski Verlage: Bei Ihren Opern kündigen sich gewisse Vorahnungen in vorausgehenden Werken an. In welchen Stücken ist das in Bezug auf BENJAMIN der Fall?
 
Peter Ruzicka: Die Partitur der Oper ist sehr symphonisch angelegt, mit orchestralen Zwischenspielen, die die „Reisen“ Benjamins imaginieren. Diese Zwischenspiele habe ich vorab komponiert und in einem Orchesterstück FLUCHT zusammengefügt. Ich glaube, hier spiegelt sich ein bestimmter „Eigenklang“ der Oper, der dunkler und tiefer gestaffelt ist als dies bei CELAN und HÖLDERLIN der Fall war.
 
03.06.2018        
Hamburgische Staatsoper   
UA Peter Ruzicka,
BENJAMIN. Musiktheater in sieben Stationen

Foto: Walter Benjamin im Jahr 1928

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