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Zum 80. Geburtstag von Gija Kantscheli

Am 10. August 1935 wurde Gija Kantscheli in Tbilissi geboren. Von 1956 bis 1963 studierte er Komposition am Staatlichen Konservatorium von Tblissi bei Ilja Tuskija, arbeitete daraufhin als freier Komponist und komponierte Film- und Bühnenmusik. Ab 1970 lehrte er selbst am Staatlichen Konservatorium Komposition und wurde ein Jahr später musikalischer Leiter des Staatlichen Akademischen Rustaweli-Theaters in Tbilissi. Von 1984 bis 1989 war Kantscheli Vorsitzender des Georgischen Komponistenverbandes. 1991 zog er nach Berlin, wo er ein DAAD-Stipendium erhielt, und übersiedelte 1995 als Composer in residence der Flämischen Philharmonie Antwerpen nach Belgien, wo er seitdem lebt und freischaffend tätig ist.

Kantschelis Kompositionen sind stark von der Geschichte und der Kultur seiner Heimat geprägt. Er bezieht sich sowohl auf politische Themen als auch auf die georgische Folklore, vor allem die mehrstimmigen volkstümlichen Gesänge seiner Heimat, ohne diese jedoch konkret zu zitieren. Kantschelis musikalischer Stil schwankt zwischen Modernität und Archaik. Atmosphäre erzeugt er durch mitreißende Klangspektren, die in ihrer Breite ihrer Sinnlichkeit und unterschwelligen Religiosität zutiefst bewegen. Kantschelis jüngste Werke sind oft von Tod, Trauer und Verlust geprägt.

Kantscheli schrieb in den letzten drei Jahren auffallend viel Kammermusik und Kammerorchesterwerke: Seine „Brücken zu Bach“ (2010) gehören zu den von Gidon Kremer bei zehn Komponisten in Auftrag gegebenen Zyklus „The Art of Instrumentation“. Hier sollten Klavierwerke aus dem Repertoire von Glenn Gould für Streicher oder Streichorchester instrumentiert werden, was Gija Kantscheli in seiner Abneigung gegen Zitate eher zögerlich in Angriff nahm. Das Werk wurde ursprünglich für Violine, Flöte, Oboe, Vibraphon, Klavier und Streichorchester geschrieben, liegt aber auch in einer Bearbeitung für Violine, Vibraphon, Klavier und Streichorchester vor. „Chiaroscuro“ (2010) ist der Titel sowohl eines Streichquartetts, das im Rahmen des 9. Internationalen Streichquartettwettbewerbs „Premio Paolo Borciani“ im Juni 2011 uraufgeführt wurde, als auch eines Konzerts für Violine und Viola oder Violine, Streichorchester und Schlagzeug, das auf dem musikalischen Material des Streichquartetts beruht. Die Bezeichnung bezieht sich auf eine Maltechnik aus der Renaissance und dem frühen Barock, in der mit starken Kontrasten zwischen Schatten und Licht gearbeitet wird; dementsprechend effektvoll hört man hier das Spiel zwischen dem düsteren, von Pauken erschütterten Streicherteppich und zartem Soloviolinen-Flageolett mit Celestabegleitung. „Ninna Nanna für Anna“ aus dem Jahr 2010 ist eine Streichorchesterversion der Originalfassung für Flöte und Streichquartett „Ninna Nanna“, die zum zwanzigjährigen Jubiläum des georgischen Kammerorchesters Ingolstadt am 16. Juni 2010 uraufgeführt wurde. Auf Wunsch von Gidon Kremer fertigte Kantscheli 2012 eine Klaviertriofassung des Werkes „Statt eines Tangos“ an, eines Stückes, das 1996 ursprünglich für Violine, Bandoneon, Klavier und Kontrabass geschrieben wurde.

2012 entstand im Auftrag des Istanbul Music Festival Kantschelis letztes großes Orchesterwerk. Es trägt den Titel „Lingering“ und wurde unter der Leitung von Andres Mustonen am 11. Juni 2012 in Istanbul uraufgeführt.

Ein wiederholt auftauchendes Thema in Kantschelis Werken ist die Auflehnung gegen Gewalt und Krieg, so etwa in seiner Oper „Musik für die Lebenden“ (1983). Hier greift der Komponist auf Kinder als Darsteller zurück, die Unschuld, Reinheit und Offenheit verkörpern. Einen Kinderchor setzt Kantscheli neben Violine, Violoncello und Kammerorchester auch in seinem neuen Werk „Angels of Sorrow“ aus dem Jahr 2013 ein. Uraufgeführt wurde dieses Werk am 5. Oktober 2013 mit Gidon Kremer, Giedre Dirvanauskaite, dem Kinderchor Shchedryk Kiew und der Kremerata Baltica unter Leitung von Nikoloz Rachveli. Zwei Tage später wurde es in der Berliner Philharmonie von denselben Interpreten bei der Veranstaltung „To Russia with Love“ gespielt, die der sich verschlechternden Menschenrechtslage und politischen Gefangenen in Russland gewidmet war. Das Werk ist Michail Chodorkowski zu seinem 50. Geburtstag gewidmet.

Gijy Kantscheli kommentiert:
„Unwillkürlich beeinflussen im Unterbewusstsein die Geschehnisse in der Welt meinen kreativen Prozess. Ich kann den endlosen Erscheinungsformen von Rücksichtslosigkeit und Gewalt nicht gleichgültig gegenüber stehen, weshalb wahrscheinlich Trauer und Schmerz in meiner Musik vorherrschen. Mit Hilfe der unschuldigen Stimmen von Kindern und einfachsten melodischen Strukturen habe ich im Rahmen meiner Möglichkeiten versucht, mein Plädoyer für die Stärke des menschlichen Geistes zum Ausdruck zu bringen – die unbeugsame Kraft des Geistes, die ihn über ein unmoralisches Regime erhebt.“

Eine ähnliche Thematik wie „Angels of Sorrow“ hat auch das Stück „Amao Omi“ für gem. Chor und Saxophonquartett. Der Begriff bedeutet auf Georgisch „Sinnloser Krieg“. 2011 legte Kantscheli eine Fassung für Saxophonquartett und Kammerorchester unter dem Titel „Ilori“ an. Im August 2013 wurde „Tranquillo“ für kleines Ensemble vom Klangforum Wien im Rahmen des „Arcus Temporum“-Festivals in Ungarn uraufgeführt.

Gija Kantscheli lebt gegenwärtig in Tbilissi und Antwerpen.

 

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