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Herbert Baumann wird 90 – Ein Leben für Musik und fürs Theater

Herbert Baumann wurde am 31. Juli 1925 in Berlin geboren und hatte dort auch im Schatten des Zweiten Weltkriegs eine unbeschwerte Kindheit. Trotz seiner frühen Neigung zur Musik schrieb er sich zwei Jahre später auf Wunsch seines Vaters für ein Architekturstudium ein, begann aber bald darauf, zeitgleich bei Sergiu Celibidache in dessen erster Saison bei den Berliner Philharmonikern Dirigieren zu studieren und wechselte schließlich ganz zur Musik. Zum Komponieren kam er über ein als Dirigier-Übung gedachtes selbstgeschriebenes kleines Stück, das Celibidache an den Kompositionslehrer Paul Höffer weitergab, der daraufhin Baumann kostenlosen Kompositionsunterricht anbot.

So studierte Baumann zwei Jahre lang am Internationalen Musikinstitut in Berlin bei Paul Höffer und nach dessen Tod bei Boris Blacher. Nebenbei komponierte er als Leiter der Bühnenmusik für die Freilichtbühne am Waldsee. Als am Deutschen Theater Berlin die Stelle des Direktors für Bühnenmusik frei wurde, schlug Höffer den 22-jährigen für diese vor, und für die nächsten sechs Jahre schrieb Baumann viele Bühnenmusiken für das Deutsche Theater; außerdem war er als Gast noch an vielen anderen Schauspielbühnen in ganz Deutschland tätig. 1953 wechselte er zu den Staatlichen Schauspielbühnen in West-Berlin und zog 1970 nach München, wo er am Bayerischen Staatsschauspiel arbeitete und für drei Theater gleichzeitig komponierte. Seit 1979 komponiert Baumann freiberuflich. 1998 gründete er die Herbert-Baumann-Stiftung, ursprünglich zur Förderung der Zupfmusik durch Konzerte, Wettbewerbe und Festivals. Mittlerweile wird dort auch andere Musik unterstützt.

In Daniela Weidenthalers Buch „Duetto Concertante: Herbert und Marianne Baumann – ein Komponistenleben“ (2013, Allitera Verlag) erlebt man aus nächster Nähe den Menschen und Komponisten Baumann, teils in direkten Zitaten, teils in Form einer Erzählung mit kurzen historischen Exkursen. Baumann schrieb außer den insgesamt über 500 Bühnenmusiken auch viel Musik für Hör- und Fernsehspiele und Dokumentar- und Spielfilme, sowie Orchesterwerke, Kammermusiken und Orgel- und Chorkompositionen. Was Herbert Baumanns Musik so besonders und mitreißend macht, ist die Natürlichkeit und der Einfallsreichtum, mit denen er Anklänge an verschiedenste Musikstile zuweilen in außergewöhnlichen Kammermusikbesetzungen verbindet; unter seinen 78 kammermusikalischen Kompositionen sind nicht selten ungewöhnliche Instrumentierungen, wie die des Stücks Con una marcetta mit zwei Oboen und Englischhorn. Für Blockflöten liegen in unserem Hause die Spielmusik in sieben Sätzen für Blockflöte sowie Tänzerische Inventionen (1953) für drei Blockflöten vor. 1960 schrieb Baumann ein Divertimento für Oboe, Klarinette und Fagott. Es gibt ein rhythmisch-verspieltes und tänzerisches Streichquartett in C (1961), das sich musikalisch an das Divertimento des 18. Jahrhunderts anlehnt und ein Bläserquintett (1982); in den Strophen für zwei Violoncelli verwendet der Komponist das Volkslied „Es geht eine dunkle Wolk’ herein“. Im Rondo mit Mozart für Oboe, Klarinette, Horn und Fagott von 1992 spielt Baumann musikalisch mit einem Menuett des achtjährigen Wunderkinds.

In seiner fröhlichen Art und seinem gesunden Optimismus neigt Herbert Baumann zum Tänzerischen, Rhythmischen und Lebendigen in der Musik. Er komponiert gern für Laien, schreibt die Musik, die gerade gebraucht wird, und will die Menschen an die Musik heranführen. Gern verwendete er hierfür folkloristische Themen, wie etwa in den Stücken Italienische Suite (1955), Nordische Impressionen (1959) oder Mexikanische Suite (1959). Diese im Titel schon zu findende musikalische Anschaulichkeit erinnert daran, dass der Großteil seines Werkes auf der Bühne oder auf der Leinwand zur Aufführung kam; ähnlich verhält es sich mit den Orchesterwerken Brooklyn-Bridge – sinfonische Impressionen von 1957 – und der Ouvertüre-Fantasie Robin Hood (1961). 1961 entstand auch die Jagdouvertüre für Orchester. Aus der Bühnenmusik zu Shakespeares Wie es euch gefällt (1959) gibt es eine gleichnamige Suite. Von 1963 stammt das Allegro capriccioso für Klavier und Orchester. Avantgardistische Tendenzen sind in seinen früheren Kompositionen, beispielsweise in der Ouvertüre Rotor (1956), zu erkennen. 1983 schrieb er außerdem das elegische Streichtrio Herbstmusik, das auf einer anfangs vorgestellten Zwölftonreihe basiert, die teilweise aleatorisch von den Instrumenten aufgegriffen wird.

Vor allem auch viele der Werke für Zupforchester und Gitarristen, die Herbert Baumann seit 1962 anfänglich wegen seiner Freundschaft zum Konzertgitarristen und Leiter des Saarländischen Zupforchesters Siegfried Behrend für diesen schriebt, sind technisch nicht allzu kompliziert, aber effektvoll gestaltet: zum Beispiel das Konzert für Gitarre und Streichorchester (1958). Dieses arrangierte er 1982 darüber hinaus noch einmal als Konzert für Gitarre und Zupforchester. 1961 erschienen die Contrasti für Gitarre und gemischten Chor.

Bedeutend sind auch seine zwei Ballette: „Alice im Wunderland“ wurde am 23. Dezember 1984 am Hessischen Staatstheater Wiesbaden uraufgeführt. Es wird eine Entstehungsgeschichte des Alice-Romans erzählt – Lewis Carroll unterrichtet als Mathematiklehrer täglich aufmüpfige Schüler und flüchtet sich in seiner Freizeit in eine Fantasiewelt, in der er sich das Mädchen Alice ausdenkt und ihre fantastischen Abenteuer miterlebt. Durch die vielfarbige und kontrastreiche kompositorische Gestaltung (das Schlagwerk besteht aus 26 Einzelinstrumenten!) werden hier viele sehr verschiedene Stimmungen erzeugt und farbenfrohe Bilder gemalt. Die Musik ist auch für Kinder leicht verständlich. Nach der Uraufführung beauftragte Helge Thoma, Intendant der Städtischen Bühnen Augsburg, Herbert Baumann mit dem nächsten Ballett für die Vorweihnachtszeit 1986 – „Rumpelstilzchen“. Ebenso wie „Alice im Wunderland“ war auch dieses Ballett mit über zweihundertfünfzig Aufführungen sehr erfolgreich. In diesem für Familien konzipierten Werk finden sich einfallsreiche und eingängige Melodien, unterstützt durch Volksoder Kinderliedzitaten; dabei arbeitet Baumann überwiegend mit Leitmotiven. Von dieser Geschichte gibt es außerdem eine Version für Erzähler und Orchester, die mit Elmar Guntsch als Sprecher bei Thorofon auf CD erschienen ist.

Herbert Baumann lebt heute in München.

 

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