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Alfred Schnittke zum 80. Geburtstag

Egal wie postmodern oder abstrakt Alfred Schnittkes Musik auch komponiert sei, so sagte die Pianistin Maria Lettberg einmal, man spüre stets etwas zutiefst Menschliches darin. Am 24. November 2014 gedenken wir des 80. Geburtstags von Alfred Schnittke der 1998 in Hamburg verstarb. Vor allem viele Hamburger werden sich noch an den Komponisten erinnern, der seine letzten, von schwerer Krankheit gezeichneten Jahre als Professor an der Musikhochschule Hamburg verbracht hat und hier mit vielen aufsehenerregenden Konzerten und Uraufführungen begeisterte. Man denke nur an Schnittkes Zusammenarbeit mit dem Choreographen John Neumeier, die zu den spektakulären Ballettproduktionen „Endstation Sehnsucht“, „Othello“ und „Peer Gynt“ an der Hamburgischen Staatsoper geführt hat. An der Hamburgischen Staatsoper kam nur wenige Jahre vor dem Tod Schnittkes auch die letzte seiner drei Opern, die „Historia nach D. Johann Fausten“, zur Uraufführung.

Schnittkes Äußerungen und Werkeinführungen wirken oft verwirrend, man kann im Labyrinth seiner Beschreibungen aber viel über sein Denken erfahren. So sagte er einmal zur Entwicklung der Musik seiner Zeit: „Es ist ein Bewusstsein, dass es immer etwas noch vor dir gab, was es schon immer gab, und dass die ganze individuelle Musikentfaltung ein Weiterschreiten von dem Weg ist, der schon längst da war und der viel breiter ist als dein eigener Weg. Du kannst diesen Weg mitgehen, in dieselbe Richtung oder eine andere, aber es ist immer eine kleine Ableitung von dem großen Weg.“
Das Vorurteil, Neue Musik sei zu abstrakt und vermittle ihre emotionale Botschaft nur mittelbar, hat Alfred Schnittke mehrfach widerlegt. Er schrieb eine Musik, die oft tiefe Betroffenheit auslöst, die Extreme auslotet und dabei immer einen Bezug auch zur Vergangenheit, zu quasi gewohnten, vom Komponisten allerdings modifizierten Klangwelten herstellt.

Alfred Schnittke wurde am 24. November 1934 in Engels an der Wolga geboren. Als Sohn eines deutschen Juden und einer Wolgadeutschen und aufgewachsen in der Sowjetunion, bemerkte er schon in jungen Jahren das Fehlen eines „Heimatgefühls“. Mit zwölf Jahren begann er in Wien seine musikalischen Studien. Bald entstand der Wunsch, Musiker zu werden. Ab 1953 wechselte er an das Konservatorium in Moskau und übernahm ab 1961 dort eine Lehrstelle. 1968 entwickelte er dann das für seine früheren Werke so bestimmende Kompositionsprinzip der Polystilistik, das Komponieren in verschiedenen Schichten. Schnittke selbst sagte dazu einmal: „Wir treten in einen Dialog mit der Vergangenheit ein (…). Der Komponist der Gegenwart kann nicht an der täglich sich darbietenden musikalischen Vergangenheit vorbeigehen. (…) Wir sind fähig, in verschiedenen Zeiten zu leben.“

Viele Zeitzeugen erinnern sich vielleicht noch an das bewegende Abschiedskonzert, das der Cellist Mstislaw Rostropowitsch im Großen Saal des Tschaikowsky-Konservatoriums Moskau 1998 gegeben hat, wo Schnittke aufgebahrt worden war. Rostropowitsch spielte damals den sphärischen Epilog aus Schnittkes 1986 für John Neumeier komponierter Ballettmusik „Peer Gynt". Stumm verließ er den Saal, und es herrschte minutenlang betroffenes Schweigen im Saal des Konservatoriums.
Vielleicht sei Alfred Schnittke, so der Cellist und persönliche Freund Schnittkes, Alexander lwaschkin, überhaupt der emotionalste Komponist unter den Modernisten des  ausgehenden 20. Jahrhunderts gewesen. Und der französische Komponist Henri Dutilleux ergänzte: Was er an Alfred Schnittkes Musik so besonders schätze, sei das  intensive Pulsieren, das seine Partituren beseele, inmitten oft heftiger, ja bestürzender Passagen, die manchmal wie von einer Halluzination diktiert zu sein schienen.

In den Jahren 1969 bis 1972 beschäftigte sich Alfred Schnittke, abgesehen von einem frühen sinfonischen Versuch aus den Jahren 1956/57, zum ersten Mal ausführlich mit der sinfonischen Gattung. Gerade in seiner Sinfonie Nr. 1 finden wir auf engstem Raum alle Eigenschaften und Errungenschaften seines Kompositionsstils in einer ersten kompakten Verdichtung. Die sogenannte Polystilistik gehört dazu, aber auch der direkte Zitatgebrauch. Schnittkes ungewöhnliche Raum-Klang-Lösungen treten hier klar hervor.
Eine Tendenz zur Knappheit und zu einer einfachen, transparenten Orchesterbehandlung ist in Schnittkes letzten Werken, darunter auch in seiner letzten, unvollendet gebliebenen Neunten Sinfonie, zu beobachten. Und doch handeln diese späten Kompositionen noch immer – wie Schnittke es selbst einmal formulierte – von der „ganzen unendlich unruhigen Welt“. Die Sinfonie Nr. 9, in ihrer Zählung von jeher mit einem mythischen Anspruchsdenken - vor allem von Seiten der jeweiligen Autoren selbst - belastet, vollendete Schnittke noch kurz vor seinem Tod mit großer Mühe und unter starkem emotionalen Druck.

Anlässlich des 80. Geburtstags Alfred Schnittkes sind zahlreiche Veranstaltungen geplant. So gab der NDR am 6. November 2014 mit Chor- und Kammermusik von Schnittke ein Gedenkkonzert in der St.-Johannis-Kirche in Hamburg-Harvestehude. Zu einem dreitägigen Schnittke-Symposium unter dem Motto „Schnittke in Hamburg“ laden sodann die Internationale Alfred Schnittke Akademie Hamburg sowie die Hamburger Musikhochschule vom 27. bis 29. November 2014 ein.

Studierende der Musikhochschule Hamburg sind die Interpreten bei einem Konzert mit Werken Alfred Schnittkews am 27. November 2014 im Mendelssohn-Saal der Hamburger Musikhochschule. In der Freien Akademie der Künste Hamburg findet am 1. Dezember 2014 ein Konzert mit Elmar Lampson, Anna Vinnitskaya, Ivan Rudin, Hubert Rutkowski u.a. statt, in dem Werke von Schnittke, Denissov und Prokofjew erklingen.  Musik von Schnittke ist auch Teil eines Kammerkonzerts von Mitgliedern der Hamburger Symphoniker am 17. Dezember 2014 in der Laeiszhalle, Kleiner Saal. Guy Braunstein (Violine) und Ksenia Bashmet (Klavier) sind die Solisten. Yuri Bashmet leitet das Konzert und tritt auch als Bratschensolist auf. Alfred Schnittkes Zyklus Hymnen I-IV steht schließlich auf dem Programm eines Kammerkonzertes im Gewandhaus Leipzig am 25. Januar 2015.
Die Wegbegleiter Schnittkes und Interpreten seiner Musik, die Cellistin Olga Dowbusch-Lubotsky, die Pianistin Irina Schnittke und der Geiger Mark Lubotsky haben eine CD mit den Violoncello-Sonaten Nr. 1 und 2 sowie dem Klaviertrio des Komponisten herausgegeben.

In unserem Hause ist anlässlich des Jubiläums von Alfred Schnittke ein aktualisierter Werkkatalog mit vielen Ergänzungen und Korrekturen erschienen, der den gegenwärtigen Stand der Schnittke-Forschung in jedem Detail widerspiegelt. Als Druckausgaben sind die beliebte und oft aufgeführte „Suite im alten Stil“ in einer von Alfred Schnittke autorisierten Bearbeitung für Streichorchester von Jolán Berta sowie die 2. Klaviersonate in einer neu durchgesehenen, überarbeiteten Edition herausgekommen (SIK 1749). In Kürze erscheint auch Schnittkes Fuge für Violine solo aus dem Jahre 1953 (SIK 8798).

Fotorechte: Yngvild Sørbye

 

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