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Nachruf auf Hans Werner Henze von Moritz Eggert

Anlässlich des Todes von Hans Werner Henze, der am 27. Oktober 2012 in Dresden im Alter von 86 Jahren verstarb, hat der junge Heidelberger Komponist Moritz Eggert, der Henze gut kannte, einen Nachruf verfasst:

Abschied von Hans

Man wusste, dass es irgendwann so kommen würde, und dennoch – insgeheim glaubten wir alle, er würde noch mindestens hundert Jahre werden, dieser disziplinierteste und fleißigste aller Komponisten, Hans Werner Henze. Und natürlich bis zum letzten Atemzug komponieren, jeden Morgen, zwischen 4 und 8 Uhr, seiner Lieblingszeit zum Arbeiten.
Dass ein Großer von uns gegangen ist, darüber sind sich alle einig. Und mit Recht: Jemand wie Henze wird nicht mehr gemacht. Vielleicht ist das Zeitalter der ‚Komponistenfürsten’ (und ein solcher war Hans immer, im besten Sinne) auch vorbei, vielleicht hat sich die Gesellschaft auch so sehr verändert, dass ein solcher Konsens, eine solche Laufbahn in genau dieser Form nie mehr möglich sein wird. Und natürlich überschlagen sich jetzt genau die, die seine zum Teil sehr eigenwilligen Alterswerke eher belächelten und abfällig darüber schrieben, in Elogen und Nachrufshymnen. Dabei fand ich gerade diese Alterswerke – wenn vielleicht auch nicht so schillernd wie seine Werke auf dem Gipfel seiner Schaffenskraft – von einer konsequenten Freiheit und Lebenslust beseelt.
Je älter Hans wurde, desto mehr wandte er sich dem Leben zu, allen Schicksalsschlägen zum Trotz. Das bewunderte ich immens, diese innere Freiheit, einfach der eigenen kompositorischen Lust zu folgen, niemandem mehr etwas beweisen zu müssen, sondern zu schreiben aus reiner und echter Lust am Schreiben. Sicherlich fiel ihm das Komponieren in den letzten Jahren nicht leicht, allein aus gesundheitlichen Gründen, aber ich glaube, dass es ihm noch viel Glück und Freude gebracht hat, ihn nach dem zu frühem und für alle unerwarteten Tod seines viel jüngeren Lebensgefährten Fausto noch viele Jahre Leben beschert hat.
Hans war für mich immer der Inbegriff des Komponisten, der wirklich komponieren muss, der nicht anders kann, als schöpferisch tätig zu sein. Und der diese Arbeit aus der Tiefe seines Herzens als sinnvoll betrachtete. Bei allen Frustrationen, an denen auch sein Leben reich war, diesen Glauben an das Gute und Heilende der Kunst hat er nie auch nur eine Minute verloren. Wahrscheinlich war es sein großes Glück, dass er letztlich ganz naiv in diesem Glauben war, denn irgendwo hat er sich immer eine Unschuld bewahrt, die seine Musik völlig frei von jeglichem Zynismus macht. So unterschiedlich seine Werke sein mögen, 'abgeliefert' oder lieblos dahingewurschtelt waren sie nie. Eher war Zeitnot am Werk, oder vielleicht die eine oder andere helfende Hand.
Dies kam sicherlich aus seiner persönlichen Lebensgeschichte – er, der selber so viel Leid und Zerstörung erleben musste (wie viele andere seiner Generation), hatte sich irgendwo in seinem Herzen die Sehnsucht nach Schönheit bewahrt. Wenn man ihn über andere Komponisten sprechen hörte, z.B. über seinen geliebten Strawinsky, seinen geliebten Bach, so war seine Rede stets begleitet von einem Leuchten in den Augen, wie man es ganz selten sieht. Er bewunderte nicht nur, sondern er liebte aufrichtig Strawinskys elegante Ökonomie, Bachs üppige Polyphonie. Und sein größter Wunsch war immer, Teil des großen Pantheons der Komponisten zu sein, seinen eigenen Beitrag geleistet zu haben. Verantwortung übernommen zu haben. Ich glaube, dieser Wunsch wurde ihm erfüllt, das kann man schon jetzt sagen.
Daher verwundert es nicht, dass er auch immer ein politischer und engagierter Mensch war – er sah dies bei allen Irrungen und Wirrungen, durch die auch er wie alle seiner Generation ging, immer als seine Pflicht an. Er konnte nicht anders, er tat es aus einem Verantwortungsgefühl heraus. Dafür hat er immer viel riskiert, er war auch mutig.
Eines seiner Lieblingsworte war 'prächtig'. 'Du musst eine prächtige Partitur schreiben', sagte er nicht nur zu mir, sondern zu vielen seiner Schüler. Und das Seltsame ist: nie war ich sein Schüler, doch jedermann dachte ich sei es, so großzügig war Hans zu jungen Kollegen. Es war ihm egal, woher man kam, ob man als sein Student eingeschrieben war oder nicht. Und er wollte alle zu Kollegen machen, hielt stets an der Idee fest, dass jeder Mensch besser würde, wenn er zum Künstler würde – aus dieser Idee stammten zum Beispiel seine Kurse für 'Laien' bei der Münchener Biennale, die er gerne auch selber betreute, wann immer es ihm möglich war. Eigentlich wollte er die ganze Welt unterrichten oder zumindest inspirieren – Kinder, Greise, einfach alle.
Zuerst belächelte man solche Begriffe wie 'prächtig', doch dann verstand man, was er wirklich damit meinte, und dann sehnte man sich gemeinsam mit ihm nach dieser beseelten und beschenkenden Pracht, an der unser Leben oft so arm ist, weil wir Angst haben, dieser Pracht zu viel Raum zu geben. Das Überbordende und Ausufernde hat er seinen Schülern immer verziehen, denn auch er schlug gerne über die Strenge (wie zum Beispiel in der in jeder Hinsicht extremsten und gleichzeitig eindringlichsten seiner Symphonien, der 7.). Sein größter Feind war dagegen die Langeweile und vielleicht auch die Stille, der er in seinen Werken selten Raum gab. In seiner berühmten Küche in der Zweibrückenstraße (als er zu Biennalezeiten dort residierte und dort regelmäßig rauschende Feste abhielt) hingen unzählige Blumenbilder, die den Raum mit ihrer Farbenpracht fast erdrückten. Überhaupt hatte man in den Wohnungen in denen er eben mehr residierte als lebte stets das Gefühl, Teil eines Bühnenbildes für einen Proust-Film zu sein. Was sicherlich auch an der Liebe zum Detail seines Lebensgefährten (und liebevollen Innenausstatters) Fausto Moroni lag, der die vielen Reisen mit Hans stets dazu nutzte, neue Zuckerdosen oder zahllose andere Wohnaccesoires zu erwerben, die sich auf dann auf riesigen und überladenen schweren Holztischen ablagerten.
(...) Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich einmal als Gast in Marino versuchte, in der Mittagsruhe ganz leise am Flügel etwas zu komponieren. Es war letztlich unmöglich – man fühlte sich belauscht, selbst wenn der Maestro (und Hans war vielleicht der letzte Komponist, den man guten Gewissens und ohne rot zu werden noch so nennen konnte) scheinbar schlief. Natürlich hatte er alles gehört – er rümpfte nur kurz die Nase beim Mittagessen, und das war es dann mit meinen Komponierversuchen in Marino.
Hans verwandelte alles in eine Inszenierung. Und er suchte sich Orte, die er zur Bühne machen konnte: die malerischen Gassen seines geliebten (und gehassten) Montepulciano wurden beispiellos allein durch seine Anwesenheit (oder Abwesenheit) von Magie beseelt, auch München konnte sich glücklich schätzen, von ihm als Bühne verwendet zu werden (und irgendwie passte er sehr gut nach München). Nie mehr war die Biennale so international, so „prächtig” und so pompös wie zu seiner Intendanz. Das besondere seines Wesens war das Gönnende, das immer wieder auch in Verachtung umschlagen konnte, vor allem wenn seine Liebe nicht erwidert wurde. So war man sich in seiner Anwesenheit nie wirklich sicher und immer ein bisschen nervös. Dann gab es plötzlich wieder rührende versöhnende Gesten von ihm, und alles war wieder gut. Man liebte ihn, aber oft fürchtete man ihn auch. (...)
Noch viel ist zu entdecken. Und alles ist eine Hymne auf das, was Hans immer über alles geliebt hat: Das Leben.
Danke Dir, Hans. Dafür, und für vieles mehr.

Dein Moritz

 

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