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Märchenpoem für ein Stück Kreide: Gubaidulina in der Laeiszhalle Hamburg

Die Philharmoniker Hamburg brachten in ihrem Saisonabschlusskonzert am 19./20. Juni 2011 in der Laeiszhalle Hamburg neben Gustav Mahlers „Das klagende Lied“ auch das faszinierende Orchesterwerk „Märchenpoem“ der russisch-tartarischen Komponistin Sofia Gubaidulina zur Aufführung. Die Tageszeitung DIE WELT kommentiert das Ereignis in ihrer Ausgabe vom 22. Juni:

„Die Zeitlosigkeit und Symbolkraft des Märchens haben diese literarische Gattung für Komponisten aller Epochen anziehend gemacht. Dabei ist es eigentlich ganz unerheblich, ob die Musik mit rein instrumentalen Mitteln die Atmosphäre eines Märchens einfängt, Inhalte durch musikalische Programme nacherzählt oder schlicht Märchentexte vertont. Die Natur und das Naturhafte als Urkraft aller Dinge und das durch Magie zum Leben erweckte Tote sind dabei typische Märchenmotive, die beide Werke des zehnten und letzten Philharmonischen Konzertes am Montag in der Musikhalle betrafen. Mit Gustav Mahlers Sinfoniekantate „Das klagende Lied“ beschloss die Philharmoniker-Chefin Simone Young aber auch ihre Beiträge zur großen Hamburger Mahler-Jubiläumssaison auf der Konzertbühne und stellte damit ein Frühwerk des Sinfonikers in einen indirekten Kontext zur späten 10. Sinfonie Mahlers, die John Neumeier dieser Tage für sein neues Ballett „Purgatorio“ an der Staatsoper vertanzt.
Zum Einstieg boten Young und ihre Philharmoniker ein Werk der in Appen bei Pinneberg lebenden russisch-tartarischen Komponistin Sofia Gubaidulina, das ebenfalls ein Frühwerk aus dem Jahr 1971 ist und zudem recht selten aufgeführt wird. „Märchenpoem“ taufte die erst vor einer Woche mit der Ehrendoktorwürde der University of Chicago ausgezeichnete Russin, die am 24. Oktober ihren 80. Geburtstag feiern wird, ihr einst als funktionales, für eine Kinderrundfunksendung angelegtes Stück. Recht eigentlich handelt es sich bei dem hier illustrierten Märchen „Die kleine Kreide“ auch kaum um eine klassische Volksmärchenvorlage, sondern eine fiktive Fantasienovelle. Hauptperson des „Märchenpoems“ ist ein Stück Kreide, das im Unterricht zunehmend an Körperumfang verliert, während sich das Wissen der Schüler disproportional dazu steigert. Entstanden ist dazu eine für die Schöpferin des für Anne-Sophie Mutter geschriebenen Violinkonzertes „In tempus praesens“ oder die „neue“ Johannes-Passion vergleichsweise untypische Musik voller rhythmischer Schübe und fast schon impressionistisch anmutender Klangmischungen. Munter griff das Klavier die Wirbel der drei solistisch agierenden Philharmoniker-Klarinetten auf, oder die ersten Violinen übernahmen ein charakteristisches Motiv, das der Soloflötist Walter Keller in der tiefsten Lage seines Instrumentes exponiert hatte. Sich reibende Dissonanzflächen der Bläser wurden von Klavier- und Harfenelementen durchmischt, und allmählich wurde deutlich, dass sich die weiße, krümelige Kreide hinter der Solo-Klarinette als ihrem wahren Hauptdarsteller verbirgt. (...)“

 

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