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Uraufführung von Arneckes „Kryos“ am Theater Bremen: Begeisterte Rezension im Hamburger Abendblatt

Jörn Arneckes „Kryos” erlebte am 14. Mai 2011 unter der Leitung vom Markus Poschner am Theater Bremen seine Uraufführung. Weitere Aufführungen folgten am 17. und 19. Mai.

Im Hamburger Abendblatt vom 20. Mai 2011 beschreibt Joachim Mischke Jörn Arneckes neue Oper mit folgenden Worten:

„’Kryos’-Uraufführung: Wie eiskalt ist dies Ländchen - Keine Spur von Happy-End: Jörn Arneckes neue Oper ‚Kryos’, die in Bremen uraufgeführt wurde, spielt in einem Land des gefrorenen Lächelns.
Bremen. Von Herzenswärme ist auf dieser rätselhaften Insel, an deren Ufer ein unerklärter, namenloser Fremder als Zeitreisender strandet, nichts zu hören, nichts zu sehen. Das Mysterium beginnt mit unheilvoll rumpelnden Kontrabass-Klängen, und man ahnt schon jetzt: Mit Happy End wird das hier garantiert nichts werden. Die Kurzgeschichte von ‚Kryos’, das ist eine Mischung aus ‚Robinson Crusoe’, einer Dosis Michel Houellebecqs „Möglichkeit einer Insel“ und dem Soundtrack-Geraune des TV-Bilderrätsels ‚Lost’. In einer Zukunft weit nach der uns angedrohten Klimakatastrophe und verpackt in die eiskalte Utopie eines Kollektivs aus harmoniesüchtigen Dauergrinsern, das perfekte Paare berechnet und Menschen über eine Klippe in den Tod schickt, wenn deren Frischhaltedatum im selig machenden Eis überschritten ist.
Erleuchtende Stabilität und Zusammenhalt liefert in diesem Eiswürfel auf der Bühne das Singen eines Spektralklangs, in dem die Individuen im blendenden Scheinwerferlicht zu einem Chor-Klumpen verschmelzen.
Die Auseinandersetzung mit Kälte jenseits des berechenbar Physikalischen hat es dem Komponisten Jörn Arnecke, dessen Karriere vor einigen Jahren an der Hamburgischen Staatsoper begann, angetan, denn jedes seiner Bühnenwerke beschäftigt sich mit dem Abkühlen von Gesellschaftsmodellen und den erschreckenden Auswirkungen auf Einzelne, ob es nun Aids-Kranke sind (‚Das Fest im Meer’), verzweifelte Flüchtlinge aus Afrika (‚Butterfly Blues’) oder coole Unternehmensberater (‚Unter Eis’), die geldgierig in ihr Verderben rennen.
Mit ‚Kryos’ hat die Bremer Oper ein Kammerspiel als Uraufführung und Auftragsarbeit auf ihre Bühne gebracht, das mit 80 pausen- und schwächenlosen Minuten so kurz wie gut ist. Das liegt einerseits an der Prägnanz des Librettos von Hannah Dübgen und der Regie von Philipp Himmelmann und ebenso an dem bestechend effektiven Bühnenbild von Raimund Bauer. Er hat eine leere Kühlbox entworfen, eingerahmt mit Vorhängen aus kalt funkelnden Eiskugeln, zwischen denen der Bremer Theaterchor als Bewohner von Kryos liegend wie abgepackte Tiefkühlkost auf seine Einsätze vor einer Wand aus Scheinwerferlicht wartet.
Einer der Insel-Oberen heißt Nono, vielleicht eine dezente Anspielung und Hommage für den Avantgarde-Komponisten, der so gern mit Klängen und dem Einsatz von Stille verblüffte. Die Idee des heilbringenden Spektralklangs erinnert dafür umso deutlicher an die Ideen von Arneckes Pariser Lehrer Gérard Grisey, der Klangfarben wie in einem Prisma auffächerte und so ihrem Geist nachzuspüren versuchte. Hierbei ist Arnecke beeindruckend findig fündig geworden, seine Tonsprache ist anspruchsvoll, aber nicht abschreckend, raffiniert, aber nicht verschroben.
Diese Musik, die den Bremer Philharmonikern unter Leitung von GMD Markus Poschner sicher gelingt, zieht an; sie nimmt mit, ist packend und kommt - keineswegs eine Selbstverständlichkeit für Zeitgenossen - unmissverständlich auf den Punkt.
Dem Fremden (Uwe Kramer) versagt Arnecke mit seiner Sprechrolle konsequent die Integration ins Unerforschte, seine Inselbekanntschaft Maja (ausdrucksfein: Tamara Klivadenko) ringt in ihrer klar gearbeiteten Partie mit der Angst, auftauen zu können und so womöglich menschlich zu werden. Doch der Annäherungsversuch scheitert, es knirscht in den Fugen von Kryos. Der Rest ist Schweigen, und dann wohl Schmelzen.“

Weitere Aufführungen am Theater Bremen: 21. Mai / 1., 3., 11. Juni.2011

 

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