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„Historische Erinnerung mit ästhetischer Wahrnehmung“: Peter Ruzickas „CELAN“ in Bukarest

Anlässlich der szenischen Erstaufführung von Peter Ruzickas Oper „CELAN“ in Bukarest am 28. November 2010 veröffentlichte Markus Fischer in der Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien (ADZ) folgenden Beitrag:

„Der deutschsprachige Dichter und polyglotte Übersetzer Paul Celan, der 1920 im damals rumänischen Czernowitz geboren wurde und 1970 in Paris durch Freitod aus dem Leben schied, ist keine Gestalt der Vergangenheit. Sein poetisches Werk ist auch heute noch lebendig, und zwar nicht nur in den engen Kreisen der Wissenschaft, sondern auch auf dem Gebiet der Künste, wie etwa dem der Musik. So gibt es beispielsweise heute weltweit mehr als hundert Vertonungen von Gedichten Paul Celans. Doch nicht nur Paul Celans Lyrik, auch seine persönliche Biografie ist Gegenstand musikalischer Rezeption.
Der deutsche Komponist Peter Ruzicka hat vor einem Jahrzehnt eine Oper mit dem Titel „Celan“ geschaffen, die 2001 in Dresden uraufgeführt wurde und danach in Mainz, Darmstadt, Köln und Bremen weitere Inszenierungen erlebte. Im Rahmen des letztjährigen Internationalen Musikfestivals „George Enescu“ wurde Ruzickas Celan-Oper bereits einmal in Bukarest aufgeführt, allerdings nur konzertant.
Nun wurde dieses „Musiktheater in sieben Entwürfen“, dessen deutsches Libretto (Peter Mussbach) von Sorin Georgescu hervorragend ins Rumänische übertragen worden war, in der Bukarester Nationaloper in Zusammenarbeit mit dem Theater Bremen unter der Regie von Vera Nemirova erstmals für die rumänische Bühne inszeniert. Die musikalische Leitung hatte Vlad Conta inne, die Einstudierung des Chores lag in den Händen von Stelian Olariu. Der Komponist selbst war bei der rumänischen Premiere dieser seiner Celan-Oper zugegen und nahm auch an einem Rundtischgespräch teil, das unmittelbar vor der Opernpremiere stattfand und in dem die Bedeutung moderner Gegenwartsmusik für das Opernrepertoire einer Hauptstadtbühne mit Nachdruck hervorgehoben wurde.
(...)
Einerseits wurden biografische Ereignisse und Begegnungen in Celans Leben auf der Bühne Gestalt: die Freundschaft mit dem Schriftsteller Petre Solomon und der Dichterin Nina Cassian, der Schmerz über die im Konzentrationslager zu Tode gekommenen Eltern, seine verschiedenen Liebeserlebnisse, die Heirat mit einer Französin, die sogenannte Goll-Affäre, bei der Celan mit Plagiatsvorwürfen konfrontiert wurde, und schließlich der verzweifelte Sprung in die Seine.
Andererseits wurde auch die zeitgeschichtliche Dimension in das Bühnengeschehen hereingeholt: die Verfolgung und Vernichtung der Juden, die Shoa, der Holocaust, ja darüber hinaus der Antisemitismus der Nachkriegszeit, verkörpert durch die aggressiv-dämonische Gestalt des Kellners. Zu den beeindruckendsten Szenen der Oper gehört sicher der Jerusalem-Chor der vierten Szene, bei der die himmlische, sich nach Erlösung sehnende Musik in grellem Kontrast zur Bühnenhandlung steht: Während des sphärisch-ätherischen Gesangs entkleiden sich die Sängerinnen und Sänger des Opernchors, wie sich die deportierten Juden in den Vernichtungslagern entkleiden mussten, bevor sie in die Gaskammern geführt wurden. (...)
Die Musik selbst arbeitet mit vielfältigen Mitteln: symphonisch angelegte Klangfelder wechseln mit differenziert dargebotenen Tonkulissen, harmonische Chorgesänge mit deklamatorischen Passagen, atonale Kantilenen mit reinen Sprechgesängen, zarte Geräuschgewebe mit rhythmischer Dramatik. Die Musik trägt das Wort und gibt ihm Raum, sie bleibt während der ganzen Oper subtil, auch in den Fortissimo-Passagen. (...)
Die Engführung von Biografie und Zeitgeschichte lässt sich noch an einer Vielzahl von Details dieser gelungenen Inszenierung studieren: Bibliothekstische werden zu Gedenktafeln, die an die Namen ermordeter Juden erinnern, Bibliothekslampen zu ewigen Lichtern, die auf den Gräbern der Getöteten angezündet werden. Ein Musiktheater also, das historische Erinnerung mit ästhetischer Wahrnehmung kombiniert, eine Oper, die zu einem Schauplatz geschichtlicher wie künstlerischer Erkenntnis wird. Die nächste Aufführung dieses sehens-, hörens- und erlebenswerten Werkes findet am 29. Januar 2011 in der Bukarester Nationaloper statt."

 

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