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Russisch-Florett mit kluger Fee - Gastspiel des London Philharmonic Orchestra

Am Montag, 08.11.2010, gastierte das London Philharmonic Orchestra unter Leitung seines Chefdirigenten Vladimir Jurowski in der Hamburger Laeiszhalle. Auf dem Programm stand auch das 1. Violinkonzert a-Moll op. 99 von Dmitri Schostakowitsch. Die Tageszeitung DIE WELT kommentierte das Konzertereignis mit folgenden Worten:

„Mit seinen wallenden schwarzen Haaren schaut der junge russische Dirigent Vladimir Jurowski schon ein wenig aus wie der galante D'Artagnan aus den "Drei Musketieren". Und tatsächlich unterscheidet sich sein Umgang mit dem Taktstock auch nur unwesentlich. Seit 2007 ist der gebürtige Moskauer und Sohn des Dirigenten Mikhail Jurowski nun schon Chefdirigent des London Philharmonic Orchestra, mit dem er am Montag bei "Pro Arte" in der Laeiszhalle gastierte. Ein rein russisches Programm hatte er sich ausgewählt und als Geigensolistin den Weltstar Julia Fischer engagiert, die seinem zupackenden und entschlossenen Gestaltungswillen viel Ausgleichendes und Ergänzendes entgegenzusetzen hatte.
Schon in der Sinfonischen Dichtung "Eine Nacht auf dem Kahlen Berge" von Modest Mussorgsky bebte das Podium, denn Jurowski ließ seinem Orchester beim stürmischen Hexensabbat allen Raum zur Entfaltung. Nach peitschenden Schlägen der Streicher mischten sich fast stählern die große Flöte und das Piccolo ins Geschehen. Und schnell wurde deutlich, dass das London Philharmonic Orchestra in Tempo und Dynamik kompromisslos nach vorne spielen wollte. Wenn die Hörner ein Element donnernd ausschwingen ließen, nahmen die Streicher die Klangfarbe gleich auf und leiteten in den nächsten Abschnitt dieses scheinbar ungeordneten Wechsels von brachialer Gewalt und bizarrem Jahrmarktstrubel über. Manchmal prallten harte Dissonanzen auf übermütige, aber wegen der riesigen Orchesterbesetzung auch ziemlich aufgeblasene Salonmusikfetzen, aus denen ein Klarinettensolo wie aus dem Nichts und ohne jede Vibratoamplitude jungfräulich hervortrat. Zu solcher Verinnerlichung war dann auch Julia Fischer als Solistin im Violinkonzert Nr. 1 a-Moll op. 99 von Dmitri Schostakowitsch fähig. Mit tiefen Streichern hebt das Nocturne: Moderato trauermusikartig an, und Fischer übernahm die gedeckte Stimmung auch im Dialog mit dem düster begleitenden Fagott.
Sie spielte die traurige, unendlich lange Kantilene, die so gar nicht mit den Erwartungen an ein mehr oder weniger virtuoses Solo-Konzert zusammengeht, nur begrenzt emphatisch. Das Orchester begleitete resigniert stockend, mal mischte sich ein heiseres Piccolo-Solo dazu, dann steuerte die Celesta fremdartige Töne bei, die wie Regentopfen hinabtropften. Frappierend war der Kontrast zum grotesken Scherzo mit seinen Holzbläserwirbeln und der majestätischen, pseudobarocken Passacaglia im dritten Satz. Auch im Finale legte Julia Fischer nicht jene Verbissenheit an den Tag, mit der viele ihrer Kollegen der bösen Burlesque dieses erschütternden Werkes aus dem Jahr 1947 begegnen. (...)“

DIE WELT, Feuilleton, 08.11.2010

 

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