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Rezension: Claus-Steffen Mahnkopfs „Kammerstück“ und „Kammerminiatur“

In der aktuellen Ausgabe 2/2010 der Zeitschrift „Pianonews“ wurden Claus-Steffen Mahnkopfs Druckausgaben „Kammerstück“ (SIK 8621) und „Kammerminiatur“ (SIK 8622) genauer unter die Lupe genommen:

Kammerstück
SIK 8621


Kammerminiatur
SIK 8622

„‚Huch?!’ - Das ist ja oft der erste Impuls, der den ahnungslosen Rezensenten überfällt, wenn er ein zeitgenössisches Werk aufblättert. Dem ersten Schreck folgt alsbald die Neugier, wie denn das Neue Werk wohl klingen mag. Da meine Blattspiel-Fähigkeiten eigentlich nicht über - sagen wir - James Macmillan oder Alfred Schnittke hinausgehen, ist das innere Ohr gefragt. Befragen wir es also: Was ist denn das für ein Stück Musik, die da in Form etlicher loser Blätter im Großformat auf uns gekommen ist? Und gestatten wir uns ruhig einmal ein Gefühl der Bewunderung für die von Sikorski beschäftigten Notenstecher, die eine so komplexe Partitur in ein kalligraphisches Meisterwerk zu verwandeln wissen. Oder hat der Komponist hier mit Schablone, Zirkel und Lineal gar selbst Hand angelegt?

Claus-Steffen Mahnkopf ist 1962 in Mannheim geboren, studierte Komposition bei Brian Ferneyhough, Klaus Huber und Emanuel Nunes, Klavier bei James Avery, Musiktheorie bei Peter Förtig und darüber hinaus Musikwissenschaft, Philosophie unter anderem bei Jürgen Habermas sowie Soziologie bei Ludwig von Friedeberg. Zurzeit lehrt er Komposition an der Hochschule für Musik und Theater ‚Felix Mendelssohn Bartholdy’ in Leipzig. Ein beachtlicher Lebenslauf, der uns schon auf die richtige Spur setzt. Mahnkopf scheint ein Musiker zu sein, der es genau nimmt. Der wissen will, was die Welt im Inneren zusammenhält. Nicht ohne Grund stellen Beethoven und Schönberg wichtige Bezugspunkte in seinem musikalischen Koordinatensystem dar.

Nähern wir uns also den beiden Werken von außen nach innen. ‚Kammerstück’ und ‚Kammerminiatur’ sind beide Destillate des 1995/1996 geschriebenen ‚Kammerkonzertes für Klavier und Ensemble’. Dabei ist das ‚Kammerstück’ das umfangreichere der beiden und enthält eine überarbeitete Fassung des Soloparts - Mahnkopf schreibt von einer ‚agogisierten Fassung’, was den Sachverhalt noch präziser beschreibt. Es ist dem griechischen Komponisten und Pianisten Ermis Theodorakis gewidmet und es braucht einen Interpreten, der als Komponist die Strukturen gleichsam von innen erforschen kann.

Was beim ersten Lesen sofort auffällt, ist die Dichte, in der drängende und oftmals sich eruptiv entladende Episoden einander folgen, ja sich beinahe ins Wort zu fallen suchen. Das ist keine Musik der leisen Stellen, denkt man - das ist eine Musik, die die Extreme liebt, die innerhalb einer einzigen Zeile vom Stillstand zu äußerster Bewegung hervorbricht, um wieder zitternd zu verharren; eine Musik, die in zwei Sekunden sieben dynamische Grade durchläuft. Mahnkopf gehört zu jenen Komponisten, die gerne detailreich notieren und aus jeder Note ein Maximum an Information herauspressen wollen. Deutlichkeit - Eindeutigkeit.

Das musikalische Material ist wesentlich geprägt von der Idee der ‚Agogik’. Repetitive Strukturen, Bewegungen zu etwas hin oder von etwas weg, die wiederum in noch kleinere Bewegungen aufgelöst werden. Verhuschende Triller, die im Nichts enden. Stumm niedergedrückte Saiten, deren Bedeutung sich erst durch die folgenden Töne erschließt. Und als Gegensatz zu dieser Fülle von Bewegungen ein insistierendes, auf der Stelle tretendes Martellato, das schon die ersten Takte bestimmt und im Verlauf der etwa fünfzehnminütigen Komposition seltsam unberührt bleibt von dem hochkomplexen Geschehen um es herum und allenfalls im von langen Pausen durchsetzten ruhigeren Mittelteil in den Hintergrund tritt. ‚Kammerstück’ erweckt den Eindruck eines wilden Tieres das, bedroht oder gefangen, wild um sich schlägt und erst nach minutenlangem Kampf erschöpft zu Boden sinkt, um neue Kräfte zu sammeln. Dem Pianisten kommt in diesem faszinierenden Drama die Rolle des Dompteurs zu - oder gar die eines feindlichen Angreifers? In jedem Fall bedarf es eines Pianisten, der kluge Überlegung und kühle Konzentration mit den schnellen Instinkten eines Raubtiers zu verbinden weiß.

Ist bereits das ‚Kammerstück’ ein Destillat des ‚Kammerkonzertes’, so stellt die ‚Kammerminiatur’ eine weitere Extraktion und Verdichtung dar. Es scheint, als habe der Komponist die schwersten Stelen seines Konzertes aneinander- (übereinander?) gefügt, auf dass sie ‚so schnell und eruptiv’ wie möglich gespielt werden. Gerade einmal eine Minute dauert der Spuk - und man mag sich gar nicht ausrechnen, wie viele Pianisten auf der Welt für diese eine Minute zwei Wochen Übezeit einplanen würden. Beeindruckend - aber zum Schwersten zählend, das jemals an dieser Stelle besprochen wurde.“

 

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