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„Verlorene Utopie“ – zur Wiesbadener Erstaufführung

von Jan Müller-Wielands Oper „Nathans Tod“

Nach der überaus erfolgreichen Uraufführung am Theater Görlitz wurde Jan Müller-Wielands Oper „Nathans Tod“ nach einem Libretto von George Tabori nun am Theater Wiesbaden aufgeführt.

Ingrid Herrmann schreibt dazu in der aktuellen Ausgabe der Neuen Zeitschrift für Musik“ (4/2002):

„Wenn der Vorhang aufgeht, fällt der Blick zuerst auf das Orchester, das hinter einer blauen Netzwand postiert ist und wie eine nächtlich beleuchtete Stadtkulisse wirkt. Die Bühne gibt Raum für alle Darsteller, die sich nie entfernen, wenngleich nicht immer aktiv sind. Man könnte George Taboris Nathan-Adaption mit den Übermalungen Arnulf Rainers vergleichen. Er deckt das Original zeitweise zu, macht es aber nicht vergessen. Lessings ‚Nathan der Weise’ musste sich bei Tabori notgedrungen wandeln. So fällt die logische Beweiskette auseinander, und die Utopie geht verloren. Der Dialog lebt aus Andeutungen, verliert sich in Wortwiederholungen, und die genial-kunstvolle Sprache Lessings entbehrt bei Tabori häufig der Klarheit. Wenn Nathan von der Ermordung seiner Familie berichtet und in Tränen ausbricht, aber zu der Erkenntnis gelangt: ‚Doch ist Gott’, so fehlt bei Tabori diese zentrale Wendung und damit die Weisheit, die aus Leid ersteht.

Diesen gewandelten Text zu vertonen ist ein schwieriges Unterfangen, dem sich Jan Müller-Wieland mit großem Einfühlungsvermögen gestellt hat. Die Handlung im eigentlichen Sinne ist zerfasert in Anspielungen und Metaphern, und so wandelt sich das Konstruktionsgefüge der Musik zu einem Klangteppich mit unzähligen farblichen Modulationen, die die einzelnen Szenen herausheben, beleuchten und charakterisieren. Da gibt es Linien, die ins Unendliche verlaufen, und Akzente, die verschwimmen. Aber die Linienführung ist nicht zufällig. Man spürt das Sperrige des Wegs. Zuweilen erscheinen die Texte wie Blöcke und verharren auch musikalisch etwa bei den Wortwiederholungen, die Tabori als Stilmittel einsetzt. (...)“