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„Der Weg zum Zentrum“: Rodion Shchedrin in einer neuen Biographie

von Valentina Cholopova

Um die Darstellung von Leben und Werk Rodion Shchedrins hatte sich vor knapp zwei Jahrzehnten bereits die in Berlin lebende Musikologin Hannelore Gerlach mit einem kleinen, überaus lesenswerten Band verdient gemacht, der – seinerzeit in der DDR gedruckt – heute nicht mehr oder nur sehr schwer zu bekommen ist. Dringend war es notwendig, dem Komponisten eine aktualisierte und erweiterte Biographie zu widmen, die Valentina Cholopova nun anlässlich des bevorstehenden 70. Geburtstages am 16. Dezember 2002 vorlegt. Gabriele Leupold hat den russischen Originaltext gewissenhaft ins Deutsche übertragen.

Shchedrin, der sich als originär russischer Komponist versteht und sein Werk fast ausschließlich auf ästhetischen, philosophischen und literarischen Anregungen der Kultur seiner Heimat fußen lässt, ist international vor allem mit einem Werk berühmt geworden, das in dieser Hinsicht eine Ausnahme bildet: die „Carmen-Suite“ aus dem Jahre 1967. Shchedrin selbst hat diesen „Ausnahmefall“ immer wieder humorvoll kommentiert. „Sehr wichtig für das Empfinden der Individualität Shchedrins“, so sagt Cholopova deutlich, „erweist sich ein bestimmter ‚genetischer Code’, den er von einem orthodoxen Priester an der Oka ererbt hat, seinem Großvater. In den 1990er Jahren, als er bereits im Ausland lebte, antwortete er auf die Frage eines Journalisten, ob er sich als Weltbürger fühle: ‚Ich bin ein russischer Komponist’.“ Bemerkenswert ist vor diesem Hintergrund dennoch seine Wahrnehmung avantgardistischer Kompositionsmethoden vor allem des Westens in seinem näheren Umfeld. Viel hat Shchedrin vom Jazz, dem Musical, der Rockmusik und dem Minimalismus adaptiert (zum Beispiel in den „Frechen Orchesterscherzen“), Musikrichtungen, die die Autorin etwas unglücklich unter der Bezeichnung „rechte musikalische Strömungen„ zusammenfasst.

Shchedrins Stil, sein pluralistisches Denken und seine souveräne Technik ist, so beweist Cholopova eindrucksvoll, klaren Grundsätzen verpflichtet, die der Komponist nicht selten in prägnante Worte fasst. So sagte er einmal in Bezug auf die „Versöhnung“ zwischen Vergänglichkeit und Unwandelbarkeit: „Die Ewigkeit ist verliebt in die Phänomene der Zeit.“ Er selbst hat den Zeitwandel bewusst wahrgenommen und seine Konsequenzen daraus gezogen, ohne sich von bestimmten Strömungen okkupieren zu lassen. Zum Experiment war er ebenso bereit wie zur Provokation. Mitte der 1970er Jahre entschied er sich, das Libretto zu seiner Oper „Die toten Seelen“ nach Gogol selbst zu schreiben. Cholopova zeigt auf, dass die Dramaturgie dieser Oper von einem – wie sie formuliert – „Makrothema“ aus Liedern und gesungenen Volkliedtexten oder mindestens Stimmtimbres der Volksmusik durchdrungen sei. Aufwendig und aufschlussreich sind ihre Werkanalysen auch im folgenden, ohne damit den weniger bewanderten Leser zu überfordern. Chronologisch arbeitet sie sich am Werkkatalog entlang und baut zahlreiche Bezüge zur Zeitgeschichte und Shchedrins persönlichem Lebenslauf auf.

Eine neue Idee, die durchaus nachahmenswert im Biographien-Genre erscheint, präsentiert die Autorin mit einer Sammlung von Annotationen Rodion Shchedrins zu eigenen Werken, die er in CD-Booklets und Konzertprogrammen veröffentlicht hat. Cholopovas Bibliographie der Primär- und Sekundärliteratur ist erwartungsgemäß auf dem neuesten Stand und tadellos recherchiert.

zum Buch:

Valentina Cholopova: „Der Weg zum Zentrum“ – Annäherungen an den Komponisten Rodion Shchedrin. – Schott, 2002 ISBN 3-7957-0466-9