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Das Schlagzeug als revoltierende Metapher – die jüngsten Kommentare Jan Müller-Wielands zu seinem „Luftstück“

Am 30. November 2002 wird im Berliner Konzerthaus das neue Werk "Luftstück" für Schlagzeug und großes Orchester von Jan Müller-Wieland uraufgeführt. Peter Sadlo ist der Solist, es spielt das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung von Peter Hirsch.

Ergänzend zu früheren Äußerungen hat Jan Müller-Wieland sein jüngstes Werk mit folgenden Worten kommentiert:

„Meine ersten Überlegungen zum ‚Luftstück’ bezogen sich auf die Aura, Aussage und Harmonik. Ich wollte einen kompositorischen Verlauf versuchen, der in einen milden, hellen, stehenden Klang mündet und sich graduell ergibt aus tänzerischen, perkussiven und dunkleren Konflikten.

Das Wesen des Schlagzeugs eignet sich natürlich hervorragend als revoltierende Metapher bis hin zu Wutausbrüchen. Dem wollte ich ein klassisch, romantisch bzw. herkömmlich besetztes Orchester entgegensetzen. Versöhnliche Sinnbilder sollten den Schluss und die Aussage eines zuvor lebhaften Stückes grundieren.

Die Harmonik sollte sich aus drei Klangzonen ergeben: Zum einen aus Partikeln und Floskeln eines polnisch-jiddischen Bänkelliedes „Wjo, Wjo“, in dem es um einen bäuerlichen Kutscher geht, der noch ein paar Kartoffeln ernten möchte, bevor der Winter kommt und er sich mit den die Pferde aufmunternden Rufen „Wjo, wjo“ auf den Kutschbock begibt.

Dieses Liedchen habe ich aus einer Volksliedsammlung transkribiert und mir anverwandelt. Im Original taucht es nie auf. Seine rhythmischen Impulse und herben Moll-Wendungen faszinierten mich.

Zum anderen sollte sich die Harmonik ergeben aus einem Modus, dem sogenannten ‚Zigeuner-Moll’ (f, ges, a, b , c, des, e), welcher in der Kunstmusik vor allem durch Mussorgskis ‚Bilder einer Ausstellung’ bekannt geworden ist. In dem Bild ‚Samuel Goldenberg und Schmuyle’ (Der reiche und der arme Jude) wird dieser Modus verwendet, und mit ihm habe ich vollkommen frei operiert in meiner Oper ‚Nathans Tod’ nach George Tabori und in dem Violinkonzert ‚Ballad of Ariel’.

In diesem Luftstück sollte dieser Modus aber nur eine Art Seitenthema sein und mit ‚durhaften’, fast jazzigen Akkorden als dritte Klangzone konfrontiert werden.

Diese Aspekte sollten nun münden und entflammen im Instrumentarium des Schlagzeugsets. Die Marimba (afrikanisch: ‚klingendes Holz’) bildet darin das Zentrum. Acht Gongs (in der Stimmung des Modus) umranken die Marimba und allerlei weitere Instrumente ohne bestimmte Tonhöhen. Die meisten Instrumente stammen aus Indien, Afrika und Lateinamerika. Meine erwähnten Ansätze werden also instrumental recht entfremdet bzw. von ihrem Idiom und ihrem Ursprung weggerückt. Eine Art ‚Kulturenmischung’ findet statt.

Und so ergab sich schließlich auch eine Schlusskadenz, welche reagiert auf einen luftigen Streicherklang, angereichert mit einem ‚Gesang’ von Messingplättchen (Zimbeln oder Crotales). Zuvor und eingangs lauten die Vortragsanweisungen fulminante, inno (hymnisch), misterioso, scherzando (inklusive Tango-Rhythmen), feroce und estatico.