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Stehende Ovationen für Tan Duns neue Oper in Amsterdam

Zur europäischen Erstaufführung der neuen Oper „Tea“ von Tan Dun schreibt Eleonore Büning in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (Ausgabe 09.01.2003):

„(...) Die Oper ‚Tea’, als Auftragswerk der Suntory Hall im Oktober in Japan uraufgeführt, ist nun zur europäischen Erstaufführung weitergewandert an die koproduzierende Bühne des Amsterdamer Musiktheaters, dessen Chef Pierre Audi bereits in Tokio Regie geführt hatte. Das Stück dauert zweieinhalb Stunden, hat drei Akte, wie es sich im Abendland gehört und handelt in sauber überschaubarer Symmetrie von der ins Unendliche schweifenden Philosophie der japanischen Teezeremonie. Das beginnt im 9. Jahrhudnert in einem Tempel in Kyoto, der so edel und sparsam in Weiß und Schwarz, Lack und Papier möbliert ist wie nur je eine Futon-Ausstellung bei Ikea. Das Nederlands Kamerorkest unter Leitung des Komponisten liefert mit einem Pianissimogrummeln der Kontrabässe das erste archaische Grund-Raunen, oberhalb dessen sich alsbald zartes Quaken fremdartiger Perkussionsgeräusche etabliert aus den ‚Waterphones’, die von japanischen Schlagzeugerinnen in ritualhafter Prozession auf die Bühne getragen werden. Eine Geisha rührt, hinter weißem Papierparavent verborgen, in ihrer Teetasse. Sie singt eine aus chinesischen Skalen abgeleitete Melodie in Obertontechnik, die sich gleichwohl dem Gesetz der Sequenz unterordnet als dem klassischen Ordnungsprinzip abgestufter Wiederholung. So erdet Tan Dun musikalisch das Fremde im Vertrauten. (...) Prinzessin Lan (Nancy Allen Lundy mit feinem Soubrettensopran), Tochter des chinesischen Kaisers, ist eine wahre ‚Venus des Ostens’, wie der auch in westlichen Antikenmythen offenbar wohlbewanderte Seikyo elegant zu dichten weiß, colla parte begleitet von einer herzziependen Klarinettenmelodie, die sofort klarstellt: Er liebte sie, sie liebte ihn. (...)

Vorher freilich, und zwar im zweiten Akt nach der Sektpause, sinkt, wie es sich gehört in einer Oper, die Nacht der Liebe nieder. Sie wird lüstern begleitet vom zischenden Geflüster der voyeuristischen Mönche und von der zärtlich erregten Wasser- und Papiermusik. (...) Der dritte Akt bringt dann Steinmusiken, Transzendenz sowie den finalen Showdown. Wie die Prinzessin am Ende, nur noch von Wassertrommelwispern und Harfenzwitschern begleitet, mit brechender Stimme den im Wasser davonschwimmenden Teeblättern nachtrauert, das verschlägt vollends den Atem: So schön starb bislang nur die Butterfly. Dass dies den Menschen beim Verlassen des Theaters nicht mehr aus dem Kopf geht, dafür hat der Komponist mit einer diatonisch aus Quarten und Terzen gebauten Leitmotivmelodie gesorgt, die die Teezeremonie vom ersten Augenblick bis zum letzten durchwirkt wie ein Neonfaden. (...)

So wandelt Tan Dun auch in ‚Tea’ wiederum sicher und ruhig auf jenem schmalen Grat zwischen Raffinesse und Banalität, der schon oft verwechselt wurde mit jenem anderen, breit ausgelatschten Kommerztrampelpfad des multikulturellen Cross-over. Zu Unrecht: Tan Duns Ost-West-Wanderung folgt eigenen Gesetzen. Seine Musik ist nicht nur professionell gemacht (...), sie ist von einer eigentümlichen, unbescheidenen Schönheit, strahlt Stärke aus, konzentriert auf das Wesentliche und vermittelt sich mit einer Aufrichtigkeit des Ausdrucks, die auch noch die giftigsten Kritiker besänftigt und einlullt."