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Keine Königin, sondern ein König der Nacht: Jan Müller-Wielands neuestes Werk

Am Freitag, d. 30. Mai 2003, wird im Montforthaus Feldkirch Jan Müller-Wielands neues Werk "König der Nacht", Epiphanie für Sprecher, Gesang und Orchester nach einer Textcollage von Jan Müller-Wieland, basierend auf Texten aus dem Buch Hiob, von Pia Tafdrup, Nelly Sachs, Georg Büchner und Jakob Böhme sowie Bibelzitaten zur Uraufführung gelangen. Die Ausführenden sind Klaus Maria Brandauer (Sprecher), Sibylle Schaible (Sopran), Heike Heilmann (Sopran), Maida Karisik (Alt) und das Balthasar-Neumann-Orchester unter Leitung von Thomas Hengelbrock.

Bereits eine Stunde vor dem Konzert, um 19 Uhr, wird der Komponist Jan Müller-Wieland im Gespräch mit der dänischen Lyrikerin Pia Tafdrup im Graf-Rudolf-Saal im Montforthaus eine Einführung in sein Werk geben.

Silvia Thurner schreibt dazu im Vorwege:

„Einen Höhepunkt des diesjährigen Feldkirch Festivals bildet die Uraufführung des szenisch inspirierten Musiktheaters ‚König der Nacht’ von Jan Müller-Wieland. Mit siebenunddreißig Jahren zählt er bereits zu den etablierten Komponistenpersönlichkeiten Deutschlands. Gemeinsam mit dem künstlerischen Leiter des Feldkirch Festivals, Thomas Hengelbrock, und dem Schauspieler Klaus Maria Brandauer begab sich der Komponist auf ‚Gottesspuren’. Jan Müller-Wieland schuf die Musik zu einem Melodram, das quasi eine Neuerzählung des Buches Hiob darstellt, unter anderem mit Gedichten der dänischen Lyrikerin Pia Tafdrup und Texten von Nelly Sachs.

Bereits sieben Musiktheaterwerke und vier Symphonien schuf Jan Müller-Wieland. Im vergangenen Jahr erhielt er den ‚Förderpreis für Komposition’ der Ernst-von-Siemens-Musikstiftung und feierte einen großen Erfolg mit der Oper ‚Nathans Tod’ nach einem Text von George Tabori. Eine enge Zusammenarbeit verbindet Jan Müller-Wieland mit dem Geiger Daniel Hope, für den Schlagzeuger Peter Sadlo komponierte er das Werk ‚Luftstück’. Als Mentor bezeichnet der Komponist, der seit zehn Jahren als freischaffender Künstler in Berlin lebt, den Intendanten der Salzburger Festspiele, Peter Ruzicka.

„Zum neuen Werk: In Joseph Roths Roman ‚Hiob’ ist der Protagonist ein streng gläubiger Jude, der so viel Leid erfährt, dass er ungläubig wird. Als ihm Gott erscheint, verspürt er Hoffnung und findet zu seinem Glauben zurück. Für das Musiktheater geeignet erschien die Geschichte des Hiob sowohl Thomas Hengelbrock als auch Klaus Maria Brandauer, der in diesem Werk sehr vielschichtige Rollen als Satan, Jahwe und Hiob verkörpert. Das Buch Hiob als Ausgangspunkt für ein musiktheatralisches Werk zu verwenden, lag auch dem Komponisten nahe, denn es enthält ‚das Gleichnis, dass Gott und Mensch gar nicht voneinander unterscheidbar sind. Im Grunde kann jeder seinen Gott erkennen, was das Göttliche ist, bleibt jedoch offen.’

„Grundlage der Textcollage bilden unter anderem Gedichte von Pia Tafdrup und Nelly Sachs. ‚Das Prinzip, dass man in seinem Bezug zu Gott vollkommen irritiert wird, wenn man sich gedemütigt fühlt, jedoch Gott auf ganz überraschende Weise wieder finden kann, diese Folie wird auch bei Joseph Roth angerissen’, erklärt Jan Müller-Wieland. ‚Die Geschichte ist hoch politisch. Deshalb bin ich fasziniert von diesem Thema. Es beschreibt durch die Blume etwas ganz Aktuelles und hat auch mit unserer weltpolitischen Situation zu tun. Das war für mich der Kernpunkt.’ Jan Müller-Wieland konzipierte die Musik zum ‚König der Nacht’ für zweiunddreißig MusikerInnen mit Streicher-, Holz- und Blechbläserbesetzung, Klavier, Celesta, Harfe sowie Schlagzeug. Herausragende Rollen spielen bei der Uraufführung in Feldkirch der Trompeter Reinhold Friedrich sowie der Schlagzeuger Hans Kristian Sorensen.

„Die Musik Jan Müller-Wielands entsteht hauptsächlich aus musikalischen Keimzellen, die wesentlich von der Sprache inspiriert sind und in plastisch ausgeformten Energieverläufen entfaltet werden. Als prägend bezeichnet der Komponist seine Erfahrungen als Orchestermusiker. ‚Ich bin als Kontrabassist sehr früh in Kontakt mit dem großen Orchesterapparat gekommen, davon profitiere ich bis heute. Ich weiß wie der Orchesterapparat auch logistisch funktioniert. Für mich ist Musik eine sehr lebendige Materie.’ Die Auseinandersetzung mit der musikalischen Tradition ist für den Künstler selbstverständlich. Kurz und bündig charakterisiert er seinen Zugang zur Musik- und Kompositionsgeschichte anhand eines Zitates von Gustav Mahler: ‚Es geht um das Weiterreichen des Feuers und nicht um die Anbetung der Asche.’ In diesem Sinn erzählt er von seinen wichtigsten Stationen auf seinem Weg des Kompositionsstudium, das er unter anderem bei Hans Werner Henze absolvierte. ‚Als ich Mitte der 80er Jahre zu studieren begann, bin ich zuerst auf die zweiten Wiener Schule und den Serialismus gestoßen. Ich habe aber immer nach jenen Komponisten Ausschau gehalten, die dieses Thema umschifften. Mich hat interessiert, wer an diesen Dingen vorbei kommt und dabei eine inspirierende Rolle spielt. Einer meiner liebsten Komponisten ist Leos Janacek. Die Art und Weise, in der Tonmotive entwickelt werden, die sich auf die tschechische Sprache beziehen, und der Umgang damit beeindrucken mich. Der Impuls und die Aura von Janacek behagen mir sehr und ich fühle mich davon unmittelbar motiviert für meine Arbeit. Janaceks Musik ist sozusagen eine Tankstelle.’

Satire, Ironie sowie persiflierende Momente in der Musik sind für den Komponisten ebenso bedeutend wie eine vitale Rhythmik, die sich vorwiegend in einer Musik mit Sprachcharakter manifestiert. ‚Deshalb bin ich auch immer sehr dafür, dass Musik sich mit anderen Künsten verbindet’, betont der Komponist und meint skeptisch. ‚Wenn Musik nur Textur ist, interessiert sie mich überhaupt nicht.’ Bewusstes und Unbewusstes vermischen sich im kompositorischen Ausdruck von Jan Müller-Wieland wie selbstverständlich. Kurz gesetzte Zitate verstehen sich als Zeichen, die mitunter in andere Sinnzusammenhänge verweisen. ‚Es gibt in meiner Musik viele Hinweise auf andere Musik, quasi Zitate. Das passiert mir oft, im Hinblick darauf muss ich mir nicht viel vornehmen, das ist von meiner Anlage einfach mit drinnen, da mischt sich Bewusstes und Unbewusstes. Genau das finde ich am Surrealismus so spannend, automatisch lassen sich Verbindungen herstellen.’ Der Titel der Epiphanie ‚König der Nacht’ verweist unmittelbar auf die berühmte Koloraturarie der Königin der Nacht aus Mozarts ‚Zauberflöte’. So wird dieser Zusammenhang auch indirekt angesprochen, wenn im Sopran als Zeichen einer Neugeburt Hiobs die berühmte Arie improvisando anklingt. Ebenso ist der Werktitel jedoch auch aus dem Sujet zu verstehen und biblisch gemeint, als ‚Figur, die in die Nacht hinein geritten wird, und man weiß nicht, wer ist der König - der Teufel, Jahwe oder Hiob’.“