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Judith Weirs Oper "Der blonde Eckbert" in Hamburg

- Konzertante Aufführung des NDR am 22. Juni 2003

Am Sonntag, 22. Juni 2003 (19.00 Uhr), findet im Rolf-Liebermann-Studio des NDR eine konzertante Auffhrung der Kammeroper "The Blond Eckbert" von Judith Weir statt. Es spielen und singen das NDR Sinfonieorchester und der NDR Chor unter der Leitung von Stefan Asbury. Die Solisten sind:

Bird: Claudia Barainsky (Sopran)

Berthe: Anne-Marie Owens (Mezzosopran)

Walther, Hugh, An Old Woman: Andrew Rees (Tenor)

Blond Eckbert: Markus Eiche (Bariton)

Die Auffhrung ist Teil eines Konzertwochenendes mit dem Titel "Mrchendunkel", das als letzter Teil des Zyklus "Labyrinth-Mythos" vom 20. bis 22. Juni 2003 im Rolf-Liebermann-Studio des NDR veranstaltet wird.

Im Programmheft findet sich folgender Einfhrungstext zu Judith Weirs Kammeroper:

"Die Mrchen der Frhromantik reprsentieren ein vieldeutiges Spiel mit Traum- und Realittsebenen, das den Lesern bewusst irrefhren soll und ihn stets unter dem Vorwand des Unerklrbaren ber weite Strecken im Ungewissen lsst. Bewusst wird ein verschobenes Raum- und Zeitempfinden inszeniert, mit dessen Hilfe der jeweilige Autor mosaikartig zusammengesetzte Teile der Geschichte aneinander fgt oder wenn er es berhaupt will einer Auflsung entgegen fhrt. Dabei erscheint die Symbolik dieser Kunst-Mrchen ungeheuer vielschichtig. Elemente der Satire und der Fabel treten hinzu, und die Skurrilitt der Protagonisten wird, dies vor allem bei Ludwig Tieck und E.T.A. Hoffmann, bis zur Fratzenhaftigkeit auf die Spitze getrieben.

Judith Weir hat das Vieldeutige, Rtselhafte und Beklemmende der Novelle vom Blonden Eckbert mit beraus vielschichtigen kompositorischen Mitteln in Szene gesetzt. Auf engem Raum wird zwischen den Polen des Schreckens und der Komik eine Welt erschaffen, die den Zuschauer und -hrer in permanente Wechselbder versetzt. Einerseits verfolgt Eckbert den Verlauf mit kriminalistischem Scharfsinn, andererseits schwankt er zwischen dem Bewusstsein zerstrter Idylle und dem immer strker werdenden Wunsch nach innerer Ruhe, die im Beziehungsdreieck der drei Protagonisten zu erreichen letztlich unmglich erscheint.

The Blond Eckbert ist eine Auftragsarbeit der English National Opera, die am 20. April 1994 in London uraufgefhrt wurde. Eine Inszenierung in Santa F schloss sich noch im gleichen Jahr an. Am 1. Juni 1996 realisierten die Bhnen Bielefeld die deutschsprachige Erstauffhrung. Weirs ursprnglicher Gedanke, eine Kinderoper aus diesem Stoff zu formen, erbrigte sich schon durch den Schluss, der enthllt, dass Eckbert und seine Frau Berthe Halbgeschwister waren. Der blonde Eckbert ist eine kurze Erzhlung und dafr verhltnismig dicht an Bildern und Ereignissen, schreibt Judith Weir, gleichwohl hat die Sequenz etwas Traumhaftes an sich: die Charaktere tauschen ihre Umrisse; man sprt verborgenen Sinn, hat aber Mhe, ihn genau zu fassen. Alles klingt, als wre es hervorragendes Material fr den Psychoanalytiker.

Judith Weirs Vater war in der Tat Psychologe, und zwar ein Anhnger der Jung-Schule. Trotzdem will die Komponistin gerade diese Geschichte nicht allein aus psychologischer Perspektive betrachtet wissen. Eckbert sei nicht paranoid, betont sie, sondern vielmehr Opfer dmonischer Mchte und ihres unheilvollen Einflusses auf sein idyllisches Leben. Das Spannende fr sie sei nachzuforschen, warum Eckbert so handeln muss, wie er schlielich handelt. Berthes Bericht ist Keimzelle und Motor des Geschehens gleichermaen. Daraus wurde eine Art zwanzigmintiger Arie fr Berthe die interessanterweise im Stck nichts anderes singt. Erst sitzt die Sngerin da und tut nichts dann singt sie diese Arie. Strukturell war das eine Herausforderung.

Auffllig ist an Tiecks Novelle der hohe Anteil musikalischer Bezugspunkte. Das rtselhafte Lied des Zaubervogels, der der alten Frau gehrt, Berthe als Kind beschtzt und schlielich von ihr geraubt wird, tritt immer wieder auf. Berthe schildert, wie das Lied stets wiederholt wurde und wie ein Waldhorn oder eine Schalmei aus der Ferne klang. In dieser Hinsicht so die Komponistin ist die ganze Erzhlung ein Geschenk. Viele Dinge darin werden durch Tne und nicht visuell geschildert. Auer diesem zentralen Lied des Vogels gibt es das Hundegebell, das Rauschen der Bume, und am Ende sagt Tieck, dass alles, was Eckbert hrt, als er fiebernd und sterbend am Boden liegt, die Worte der alten Frau, das Gebell des Hundes, der Gesang des Vogels in wirrem Durcheinander sind. Das alles trgt zum Gesamteindruck bei es ist eine sehr impressionistische Geschichte.

Erstaunlich und bemerkenswert ist vor diesem Hintergrund, dass der Stoff des Blonden Eckbert, obwohl er in der Literatur so starke Wellen ausgelst hat, von keinem romantischen Komponisten zur Vertonung herangezogen wurde. E.T.A. Hoffmann wandte sich im zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts vielmehr der Erzhlung Undine des Baron de la Motte Fouqu zu, und Weber griff in seinem Freischtz auf eine Gespenstergeschichte Friedrich Anton Kinds zurck. Auch Louis Spohr, dessen lyrisch-verhaltene Sprache durchaus zu Tiecks Zauberwelt gepasst htte, entschloss sich nicht zu einer Vertonung, vielleicht weil er den Plot der Erzhlung nicht fr tragfhig oder zumindest fr problematisch gehalten hat, wenn er sie berhaupt kannte. Erst zweihundert Jahre also nach der Entstehung dieser Erzhlung hat sich eine Komponistin an eine Oper nach diesem Sujet gewagt und damit einen Bogen zur Romantik gespannt, der fr die Neue Musik etwas ganz Besonderes darstellt."