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„Und doch Lichtjahre entfernt“ - Ein Interview mit Lera Auerbach

Anlässlich der Ballett-Uraufführung von „Préludes CV“ von John Neumeier an der Hamburgischen Staatsoper (22. Juni 2003) ist in der Wochenzeitung „Welt am Sonntag“ (15.06.2003) ein Interview mit der Komponistin Lera Auerbach erschienen. Monika Nellissen bat die 29jährige zu einem Gespräch:

„Mit energischer Geste schiebt Lera Auerbach den Teller mit Schokoladenkeksen außer Reichweite. Unnötig, denn im Verlaufe des Gesprächs gewinnt man den Eindruck, dass diese junge Frau mit den ernsthaft wachen, altklugen Kinderaugen jeder Versuchung standhält, selbst wenn sie noch so nah und verlockend ist. Nichts, so scheint es, kann sie wirklich anfechten. Nicht einmal die Aufforderung, sich halb unter den Flügel zu legen, weil es der Fotograf so will. ‚Nichts geschieht, ohne dass es einen Sinn hätte’, zirpt die 29-Jährige mit heller Stimme und gibt damit ihre Lebensphilosophie preis: Dass alles, was passiert, als Herausforderung zu betrachten sei, die eine neue Erkenntnis nach sich zieht.

Lera Auerbach ist ein ‚Universal-Genie’ als Komponistin, Pianistin und Schriftstellerin, wenn man den überschwänglichen Kritiken glaubt, die ihr Leben seit frühester Kindheit begleiten. Doch im Ballettzentrum John Neumeiers ist sie zuallererst ein Mensch, der auf jede Frage aufmerksam und höflich antwortet, ohne das Mindeste von sich preiszugeben. Ganz nah sitzt sie neben einem, und scheint doch Lichtjahre entfernt. Nicht, dass sie eine Mauer der Ungeduld oder Abwehr errichtet hätte, weil sie schnellstmöglich wieder üben, oder etwas an ihren jeweils nach dem Quintenzirkel geschriebenen Préludes-Zyklen für Cello und Klavier sowie Violine und Klavier ändern möchte, die kommenden Sonntag in der Staatsoper uraufgeführt werden, mit ihr selbst am Flügel. Diese enorm tänzerische Musik hat John Neumeier zu seinem neuesten Werk ‚Préludes CV’ inspiriert, das die 29. Hamburger Ballett-Tage eröffnen wird.

Das widerspräche auch ihrer Ansicht, dass aus jedem Gespräch, wie immer es geartet sei, Nutzen zu ziehen ist. Lera Auerbach ist der lebende Beweis ihrer These, dass Künstler schwierige Situationen beinahe unbeschadet überstehen, weil sie sich in die innere Welt ihrer Musik, Malerei oder Bücher zurückziehen, die sie schützt. Sie selbst ist eine Ausnahmekünstlerin, die permanent auf dem Prüfstand öffentlich kritischer Meinung steht. Als Schutz dagegen hat sie, bis heute, den Reichtum von mindestens 70 eigenen Musikwerken unterschiedlichster Genres und fünf Gedichtbänden, dazu die Werke anderer Künstler, in ihrem Inneren eingeschlossen. Das könne ihr niemand nehmen, sagt sie. Äußerlich panzert sie sich dagegen, vielleicht unbewusst, mit freundlich nachdenklicher, aber nüchterner Sachlichkeit.

Auf die Frage, ob ihre Entscheidung, als 17-Jährige, 1991, von einer Konzerttour in Amerika nicht mehr in ihre Heimat Russland zurückzukehren, die schwerste ihres Lebens gewesen sei, antwortet sie: ‚Es war die wichtigste Entscheidung. Sie kam ganz spontan. Ich war das erste Mal von meinen Eltern getrennt, mir war bewusst, dass ich sie vielleicht nie wieder sehen würde. Ich wusste, es gibt keinen Weg zurück. Zudem konnte ich kein Englisch.’ Kein Wort über Einsamkeit, Sehnsucht, Verzweiflung.

An der berühmten Juilliard School in New York wurde sie mit offenen Armen empfangen. Seitdem lebt sie in New York. Ihre Eltern, der Vater, ehemals Professor für Ökonomie und aus einer Schriftstellerfamilie stammend, die Mutter Musikerin, die Lera unterrichtete, sind ihr vor einem Jahr nachgefolgt.

Eine vollkommen normale und glückliche Jugend habe sie verlebt, in der Haustiere und Freunde Platz gehabt hätten, behauptet Lera Auerbach. Sie scheint tatsächlich kein verkorkstes Wunderkind gewesen zu sein, selbst wenn sie mit zwölf Jahren ihre erste Oper geschrieben hat, die aufgeführt wurde."