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„Betörend eingängig“: Jelena Firssowas Achmatowa-Vertonung in Berlin

Die Uraufführung von Jelena Firssowas „Requiem“ op. 100 nach Texten von Anna Achmatowa am 6. September durch den Berliner Rundfunkchor und das Berliner Rundfunk Sinfonieorchester in Berlin (wir berichteten) hat begeisterte Reaktionen bei Publikum und Presse ausgelöst. Der „Tagesspiegel“ schreibt (Autor: Ulrich Ameling, 08.09.2003):

„Nein, nicht unter fremden Himmeln schleichen / noch suchen unter fremdem Flügel Schlaf. / Damals blieb ich unter meinesgleichen, / dort, wo mein Volk sein Unglück traf.“ Anna Achmatowa wird vom Stalinregime gequält, ihre Männer und ihr Sohn verschleppt, die Dichterin selbst verbringt lange Monate in den Zuchthäusern von Leningrad. Dort liest sie die Trauer von blauen Lippen, sammelt das allgegenwärtige Flüstern, um den Geschundenen in der Dichtung ihr Gesicht zurückzugeben. Jahrzehnte arbeitet Achmatowa an ihrem Gedichtzyklus ‚Requiem’, der tausendfache Schreie in klare Verse taucht. Die Komponistin Jelena Firssowa, 1950 in Leningrad geboren, hat sie für Orchester, Chor und Sopran neu zusammengestellt – und das Rundfunk Sinfonieorchester Berlin besorgte unter Wassili Sinaiski im Konzerthaus die Uraufführung.

Firssowas ‚Requiem’ ist durchdrungen vom Respekt gegenüber ihrer literarischen Vorlage, die weit mehr ist als das: der Versuch, den Atem derer zu bewahren, die ausgelöscht wurden. Da verbieten sich kühne musikalische Konstruktionen fast von selbst. Die Stimme der Opfer gilt es zu hüten, und Firssowa gelingen betörend eingängige Vokalpartien, besonders für die schwerelos intonierende Claudia Barainsky. Die orchestralen Effekte sind einprägsam gesetzt, der Chor rauscht wie Herbstlaub (klangsatt: der Rundfunkchor Berlin).“

Die Berliner Zeitung kommentiert (Autor: Jan Brachmann, 06.09.2003):

"Firssowas Musik lebt in großen Zusammenhängen: Die mittelalterliche Dies-irae-Sequenz aus der katholischen Totenmesse taucht im Requiem ebenso auf wie viele Anklänge an die Sinfonien von Schostakowitsch. Die kollektive historische Erfahrung legitimiert wohl den Rückgriff auf ein historisch bereits erschlossenes Repertoire musikalischen Ausdrucks. Firssowas Requiem wirft damit die grundsätzliche Frage auf, ob das Neue in der 'Neuen Musik' nicht seine Legitimität gegenüber dem Alten in dem Moment verloren hat, wo die Geschichtsphilosophie, die dieser Idee zu Grunde liegt, in politischen Terror umgeschlagen ist. Still, zärtlich, fast elegant klang Firssowas Requiem, und wo die Wolken (im 8. Satz) in As-Dur vorüberzogen, schien Gabriel Fauré aus ihnen herabzublicken. Die Sopranistin Claudia Barainsky und der Rundfunkchor Berlin sangen mit siblrig timbrierter Schönheit, wenngleich ihr Russisch recht zahm artikuliert blieb."