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„Eine Musik voller Zärtlichkeit und Sehnsucht“: ein Beitrag zu Henzes Oper „L’Upupa“

Die Uraufführung der Oper „L’Upupa“ von Hans Werner Henze bei den Salzburger Festspielen (12. August 2003) hat einhellig Begeisterung hervorgerufen. Eine umfangreiche, höchst lesenwerte Besprechung des gewiss bedeutendsten Opernereignisses im Jahr 2003 hat Gerhard Rohde unter dem Titel „Auf der Suche nach der verlorenene Zeit“ im Magazin „Opernwelt“ (11/2003) veröffentlicht. Er sagt u.a.:

„(...) Mit dem Alter kommt unweigerlich das Alterswerk. ... Ein Spätwerk galt es zu gebären, wie das ‚Kind’, von dem Hans Sachs im dritten ‚Meistersinger’-Akt zur Liedtaufe singt. Henzes ‚Meisterweise’ heißt ‚L’Upupa und der Triumph der Sohnesliebe“ und erblickte bei den Salzburger Festspielen 2003, vom lebhaftesten Beifall von vierzehnhundert Taufzeugen (so viele Besucher fasst das Kleine Festspielhaus) begleitet, das Licht der Opernwelt. ‚L’Upupa’, die italienische Bezeichnung für den Wiedehopf, kann auf mehrere Erzeuger verweisen: auf den Vogel, den besagten Wiedehopf, selbst, der gern im Garten des Komponisten auf seinem wunderschönen Anwesen bei Rom erscheint, sich jeder Annäherung jedoch scheu entzieht. Dann stieß der Komponist auf ein syrisches Märchen, aus dem das von ihm selbst verfasste Libretto entstand: die Geschichte eines Glücksvogels, der den Menschen entfliegt, gesucht und gefunden und am Ende in die Freiheit entlassen wird. Schließlich darf sich auch noch Salzburgs neuer Festspielintendant Peter Ruzicka ein wenig als Anreger fühlen: Sein Vorschlag an den Komponisten, das Werk bei den Festspielen mit den Wiener Philharmonikern erstmals zu präsentieren, fand freudige Zustimmung.

Unschwer ist zu erkennen, dass sich hinter der märchenhaften Einkleidung, die den Regisseur Dieter Dorn und den Bühnenbildner Jürgen Rose zu einem rauschhaften, farbtrunkenen und zu perspektivearmen Theater-Bilderbuch inspirierten, ein romantisches Künstlerdrama verbirgt. Der alte Radschi, den Alfred Muff mit wunderbarer Eindringlichkeit und klarer Diktion darstellt, ist niemand anders als der ‚alte Henze’, der scheue Wiedehopf das Symbol für die Kunst, die so schwer zu greifen ist und schnell entflieht, wenn die Annäherung zu heftig geschieht. Radschi-Henze schickt seine drei Söhne aus, den entflohenen Vogel zurückzubringen. (...)

Henzes Partitur ist in ihrem oft hinreißenden Erzählfluss ein einziger Akt der Sublimierung. Vieles verbindet sich zu einer stilistischen Einheit: strömende, weitschwingende Lyrismen, pointierte instrumentale Korrespondenzen mit szenischen Slapstick-Momenten (die Auftritte der Brüder), elektronische Naturgeräusche (Flügelschlagen, Pferdetrappeln), wuchtige, stählerne Orchesterschläge – Henze schwärmt von dem ‚Großen Ton’ der Wiener Philharmoniker.

Diese Philharmoniker, unter dem Henze-Spezialisten Markus Stenz (er kam für den angeblich erschöpften Christian Tielemann), agieren in jeder Phase souverän. Ihre hinreißende Klangkultur offenbarte sich dann im letzten Bild, das den Titel ‚Die blaue Stunde’ trägt: Der alte Mann und Badi’at sitzen oben im Turm und schauen Kasim nach, der noch schnell dem Dämon die versprochenen Äpfel vom Baum des Lebens bringen muss. Nur die Musik spricht noch, dunkel, geheimnisvoll glitzernd, melancholisch, voller Zärtlichkeit und Sehnsucht. Ein Klang, der nach der Blauen Blume der Romantik Ausschau zu halten scheint, auf der Suche nach der verlorenen Zeit.“