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„Die archaischen Quellen der Kunst“ – Texte von und über Sofia Gubaidulina

In den GEMA Nachrichten 2003 (Ausgabe 167) ist folgender Artikel von Dr. Elfriede Oberhofer über die Komponistin Sofia Gubaidulina erschienen (den englischen Wortlaut finden Sie auf unserer englischsprachigen Homepage).

„Zu den unzähligen internationalen Preisen und Auszeichnungen für Sofia Gubaidulina, die eindrucksvoll die weltweite Bedeutung und Wertschätzung der russischen Komponistin dokumentieren, darunter der schwedische Polar Musik Preis, kam in diesem Jahr die Auszeichnung als Living Composer im Rahmen der Cannes Classical Awards auf der MIDEM 2003.

lfriede Oberhofer im Gespräch mit Sofia Gubaidulina.

‚Sie leben seit 1992 in der Nähe von Hamburg und bezeichneten das einmal als einen paradiesischen Zustand. Stimmt das noch?’

‚Ja, denn paradiesartiges Leben bedeutet für mich einfach die Möglichkeit zu arbeiten: In Stille zu leben, sehr konzentriert zu sein und auf einen Baum schauen zu können, das ist Paradies. Und hier in der Nähe von Hamburg habe ich das Glück, in einer besonderen Situation zu leben. In einem kleinen Dorf, ohne Geschäft und mit nur wenigen kleinen Straßen, das ist für Menschen in der heutigen Zeit etwas Besonderes. Diese Umstände sind sehr günstig und passen sehr gut zum Leben eines Komponisten. Ich habe mir immer gewünscht, dass mein Leben ruhig verläuft. Ich brauche Stille, um zu arbeiten, und die habe ich hier wie niemals zuvor.’

‚Ihr Bezug zu Deutschland, sowohl der deutschen Musik als auch der deutschen Sprache und Literatur, besteht allerdings schon sehr viel länger und spiegelt sich auch in Ihren Werken, die entstanden sind, als Sie noch in Russland lebten. Wie kam es dazu?’

‚Mir scheint, den Bezug zur deutschen Sprache und Kultur hatte ich bereits von Kindheit an. Den Zugang dazu habe ich über meine Schule bekommen, zufällig und schicksalhaft. Meine erste und wichtigste Begegnung mit der Musik hatte ich nicht mit russischen, sondern mit deutschen Komponisten: Bach, Mozart, Beethoven und Haydn. Das war wie eine erste Verliebtheit in die deutsche Musik. Danach entdeckte ich die deutsche Philosophie und Literatur - auch eine Verliebtheit! Ich habe sehr viel gelesen und das Deutsche studiert. Diese Erfahrungen setzten sich bei meinen Studien in Moskau fort. Russisch und deutsch waren schon in der Kindheit für mich wie verschmolzen. In der russischen Mentalität empfinde ich sehr viel Weibliches, Dunkles, Chaotisches im positiven Sinne, im Sinn von vielschichtig, von schwer zu fassen. Das Deutsche hingegen hat für mich männliche Eigenschaften, erscheint mir klar und geordnet. Ich fühle diese Verbindung als eine Verzahnung, als eine Verbundenheit von weiblichen und männlichen Elementen und als eine wunderbare Ergänzung.’

‚Hatten Sie in Moskau bereits Kontakt mit deutschen Komponisten?’

‚Als ich in Moskau lebte, waren junge deutsche Komponisten zu Besuch, Peter Michael Hamel, Hans-Jürgen von Bose und andere. Wir haben mit sehr viel Sympathie und sehr gut zusammengearbeitet. Sehr Glück bringend für mich war auch das Zusammentreffen mit den Leuten vom Sikorski Verlag. Das hat mir eine neue Wirkungsebene eröffnet, und der Kontakt hat dann letztendlich auch dazu geführt, dass ich heute in Deutschland lebe.’

‚Wie spiegelt sich Ihre Herkunft - aus dem Zentrum der Tatarischen Republik, an der Grenze zwischen Asien und Europa gelegen - in Ihrem Komponieren?’

‚Ich komme aus einer großen lauten Stadt, und Stille war immer mein Traum. In sporadischen Momenten konnte ich als Kind Erfahrungen mit der Stille machen: Es waren meine Fuß- Wanderungen mit dem Vater. Mein Vater war Ingenieur, Landvermesser, der zu Fuß die Landschaft erforschte. Er nahm mich mit auf seine langen Spaziergänge, über das Land und durch verschiedene Städte. Mein Vater war ein schweigsamer Mensch. Die Natur, dieses Schweigen, diese Stille - das war gerade das Erlebnis für mich. Leider nur selten. Und mein normales Leben spielte sich in dem Lärm der großen Stadt ab. Ich bin meinem Vater sehr dankbar, dass er mich gelehrt hatte, die Stille zu fühlen. Das war eine sehr intensive Erfahrung, die ich schon als Kind machen durfte. Die Stille ist ja keinesfalls leer, es ist vielmehr umgekehrt: Die Stille ist voll von verschiedenen Ereignissen, und man kann durch Konzentration versuchen, die Töne und Klänge der Stille zu hören. Damit eröffnet sich eine ganz andere, neue Welt, in der alles klingt. Schon früh war es meine Sehnsucht, die besondere Beziehung zur Natur in Musik auszudrücken. Denn diese Erfahrung kommt in Form der Musik indirekt zu den Menschen zurück. Unabhängig von diesen subjektiven äußeren Umständen, die für meine Art des Komponierens nicht besonders günstig waren, hatte ich das Glück, an einer sehr guten Schule Klavier bei Grigori Kogan studieren zu können, an der Musikschule von Kasan in der Tatarischen Republik. Kasan ist berühmt für seine Schulen, Hochschulen und die Universität. Der Mathematiker Lobatschewski studierte unter anderem hier und viele andere berühmte Persönlichkeiten.’

‚Wie beschreiben Sie den Vorgang Ihres Komponierens?’

‚Darüber habe ich viel nachgedacht. Zuerst habe ich gedacht, ich bin ein Gärtner und züchte meine Musik. Einerseits die Form, die Eigenschaften sehr präzise werden zu lassen und auf der anderen Seite das Spontane als Improvisationen einzubringen, also beide Eigenschaften zu kultivieren. Doch vor allem sollen die ursprünglichen Dinge zu Tage kommen. Ich bin ein emotionaler Mensch, ich möchte meine Spontaneität entwickeln, aber ich fühle, das alleine ist nicht die Kunst. Die Form soll einen ebenso großen Stellenwert haben. Künstliche und spontane Bemühungen zusammenzubringen, das ist das Interessante. Es sind gerade intuitive Momente, die sich schwer formulieren lassen. Wenn der Komponist in diesem Zustand ist, hinein kommt in dieses Hören und dann aus dieser Erfahrung weiterarbeitet an der Form: Was könnte man machen mit diesen klanglichen Prozessen? Diese sozusagen geschliffene Arbeit, die dann einsetzt, ist manchmal etwas ärgerlich, denn es ist ein Zurechtschneiden. Aber es ist die Meisterschaft des Komponisten, gerade das zu können und es auch zu tun.’

‚In Ihren Werken spielen neben neuen Kompositionsmitteln immer auch traditionelle Formen eine wesentliche Rolle. Wie beeinflussten Ihre Erfahrungen mit den Instrumenten und Ritualen Ihres Volkes Ihre musikalische Entwicklung? Ich würde nicht sagen, dass ich bewusst versuche, etwas zusammenzubringen. Ich möchte alles sehr natürlich lassen. Wenn rituelle Momente kommen, dann werden sie auch eingebaut. Aber das alles möchte ich eigentlich vergessen. Wenn ich etwas komponiere, versuche ich, mich in mich selbst zu vertiefen und dort etwas zu finden, was wirklich ich bin. Ich klinge. Ich selbst klinge. Ich schätze diese Eigenschaft des Menschen, zu klingen und sein eigenes Klingen zu hören, sehr hoch. Und in diesem Moment, in dem sein eigenes Klingen hörbar, erfahrbar wird, ist vielleicht auch zu hören, wie die Welt klingt. Gerade das fasziniert mich am meisten. Ich bin der Überzeugung, dass alle Gegenstände klingen, alle Tiere klingen, alle Menschen klingen, die Welt insgesamt klingt. Doch der Mensch kann diese Eigenschaft verlieren, das ist sehr schade. Vielleicht verbietet der Lärm der großen Städte uns dieses ganz spezielle Hören. Wenn man diese Eigenschaft schätzt und zulässt, kann man sich hören und die ganze Welt hören. Und das ist gerade der Moment der Musik.’

‚In Ihren Kompositionen arbeiten Sie mit Techniken und Kompositionsmethoden der Moderne. Wo sehen Sie sich in der Musik der Gegenwart? Die Technik des Komponierens ist das formale Element, das andere ist der spontane oder intuitive Zugang. Was ich versuche, ist zu den archaischen Mustern, den Grundlagen, vorzustoßen und daraus etwas Neues zu schaffen. Dem Archaischen einen Weg zu bahnen, diese Klänge hörbar zu machen und sie dann zu bearbeiten, das sehe ich als meine Aufgabe als Komponistin an. Manchmal hört der Komponist spontan mehr und andere Klänge als mit herkömmlichen Stimmen und Instrumenten umgesetzt werden können. Der Komponist muss natürlich wissen, welche Möglichkeiten der Umsetzung die Instrumente zulassen. Höre ich mehr, als sich umsetzen lässt, ist das für mich wie eine Kreuzigung. Manchmal sind die Klänge so kompliziert und zu beweglich, um sie niederzuschreiben oder um sie in welcher Besetzung auch immer zu realisieren. Doch aus dieser Diskrepanz entsteht meist etwas anderes und immer etwas sehr Wertvolles.’

‚Ist darunter auch etwas zu verstehen wie die von Ihnen so bezeichnete und geschätzte ‚ungeschriebene Musik’?’

‚Das Geschriebene, das ist der eine Teil der Arbeit des Komponisten. Der andere ist, die Töne zu finden im Archaischen. Es ist wichtig, zu den Ursprüngen zu gehen und den Urgrund zu finden. Daraus erst kann eine neue Welt der Klänge entstehen. Tief in einem archaischen Bewusstsein liegen die ursprünglichen Quellen jeder Kultur, und daraus erscheint und entsteht die Kunst.’

‚Sie arbeiten häufig mit Klangexperimenten und verwenden auch archaische und volkstümliche Muster und Instrumente. Suchen Sie für Ihre Vorstellungen die klangliche Entsprechung?’

‚Ich liebe Instrumente sehr, konventionelle und unkonventionelle. Und mit den Interpreten möchte ich nach Möglichkeit mehr zusammenarbeiten. Das ist nicht so einfach, aber manchmal gelingt es. Beispielsweise bei der Osnabrücker Aufführung meines Werkes Am Rande des Abgrundes, ein Werk für sieben Violoncelli und zwei Aquaphone, ein ganz neues Instrument. Ich bin mit dem Violoncellisten Wladimir Toncha zusammengetroffen, und wir haben darüber phantasiert, was man mit dem Violoncello noch machen könnte. Er erzählte mir von einem neuen Akkord aus natürlichen Tönen, der sehr leise klingt. Dieser Akkord gehört eigentlich seinem Lehrer Kobarski, und ich habe entschieden: Diese Akkorde gehören in mein Werk. Es sind Dur-Klänge, gespielt auf vier Saiten. Diese Applikatur hat mir Wladimir Toncha gezeigt, ohne ihn hätte ich mir diese Töne gar nicht vorstellen können. Als er dann in der Uraufführung die Akkorde spielte, war es zu leise. Aber in Osnabrück spielte Julius Berger Violoncello. Ihm ist es nicht gelungen, diese Akkorde mit derselben Fingerstellung zu spielen wie Toncha. Doch er fand eine Möglichkeit, diese drei Akkorde in einer anderen Fingerstellung zu spielen, und in dieser Spielart erklangen sie lauter, genauso, wie ich es mir vorgestellt hatte. Auf dem Gebiet der Umsetzung der Klänge gibt es immer wieder neue und unterschiedliche Erfahrungen. Die Interpreten versuchen immer Neues, und es ist eine Bereicherung, sich damit zu befassen’

‚Ihre Werke erreichten in Europa seit den achtziger Jahren große Bekanntheit. Dies ist auch eng verbunden mit den Namen Gidon Kremer und Lockenhaus. Welche Rolle spielte Gidon Kremer für Sie?’

‚Gidon Kremer ist ein wunderbarer Musiker. Was ich mir an Musik vorstelle, erweitert er noch mit seiner unglaublichen Sensibilität am Instrument. Er ist ein Künstler, und es war ein Glück, ihn zu treffen und nach Lockenhaus zu kommen. Die erste Einladung nach Lockenhaus bekam ich 1986 und es bedeutete eine Öffnung meines Lebens und meines Schaffens. In Moskau wurden meine Werke selten aufgeführt, oft kamen Konzerte nur durch das Engagement und die Hilfe einiger Interpreten zu Stande. Was mich in Lockenhaus am meisten faszinierte, war die Liebe zur Musik, die hier zu spüren ist und die alle vereint: Musiker und Zuhörer. Es war schön zu sehen, wie interessiert das Publikum dort ist. Das Publikum dort liebt und versteht die Musik, und das gehört zu meinen beglückendsten Erlebnissen.’

‚Welche Vorstellung haben Sie von Ihren Zuhörern? Spielt der Gedanke an Ihre Zuhörer eine Rolle in Ihrem Schaffen?’

‚Ich wünsche mir talentierte Zuhörer! Das bedeutet nicht eine bestimmte Bildung oder andere Voraussetzungen, sondern das Talent, zuzuhören. Bei einer Veranstaltung in Osnabrück vor kurzem gab es ein Programm aus Bach und Gubaidulina. Die Veranstalter dachten, meine Werke wären zu schwer, und deshalb wurden nur kurze Werke ausgewählt. Wir haben über eine Lösung gesprochen, denn meine Werke wurden etwas an den Rand gedrückt, und die Situation war nicht zufriedenstellend für mich. Doch die Überraschung kam am Abend der Aufführung: Das Publikum war begeistert und keineswegs überfordert von meinen Werken! Es war ein talentiertes Publikum, das zugehört hat und meine Werke verstanden hat. Vielleicht liegt dieser Vorbehalt gegen zeitgenössische neue Musik mehr auf Seiten der Veranstalter als auf Seiten des Publikums.’

‚Als die wichtigste Erfahrung Ihres Lebens bezeichnen Sie ‚Ich selbst zu sein’. Ist Musik für diesen Findungsprozess in besonderer Weise geeignet?’

‚Für mich ist die günstigste Art, diesen Zugang über die Musik zu finden, weil ich mich mit Musik von Kindheit an beschäftige. Andere Menschen mögen etwas Poetisches schaffen, Malen oder sich Architektur vorstellen. Das hängt vom Bedürfnis des Menschen und von seinen Fähigkeiten ab, welche Art er wählt. Es macht den Menschen aus, dass er das Bedürfnis hat, etwas zu schaffen.’

‚Was wünschen Sie Ihrer Autorengesellschaft GEMA zum 100. Geburtstag?’

‚Die GEMA ist eine wunderbare Gesellschaft! Es ist bemerkenswert, wie genau und wie korrekt hier gearbeitet wird. Die Arbeit der GEMA ist für die Komponisten, die Schöpfer, sehr hilfreich. Ich bin sehr froh, Mitglied dieser Gesellschaft zu sein und wünsche der GEMA alles Gute für die nächsten hundert Jahre und die schwierigen Aufgaben, die vor ihr liegen. Doch wer auf so viel Erfahrung in wechselnden Zeiten zurückblicken kann, wird auch kommende Aufgaben erfolgreich bewältigen!’