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Eine „Wält“-Uraufführung in Lübeck

Das Theater Lübeck wartet am 30. Januar 2004 mit einer aufsehenerregenden Uraufführung auf: „Die Wält der Zwischenfälle“ von Haflidi Hallgrimsson nach Texten des russischen Schriftstellers Daniil Charms (1905-1942).

Mit dieser Uraufführung, die eine Auftragsarbeit des Theater Lübeck und NetZZeit, Wien, an den isländischen Komponisten Haflidi Hallgrimsson ist, wird die vor drei Spielzeiten in Lübeck etablierte „skandinavische Linie“ fortgeschrieben. Im deutsch-russischen Jahr bietet sich damit zugleich eine Gelegenheit, den lange Zeit völlig zu Unrecht vergessenen russischen Schriftsteller Daniil Charms einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen. Wie in Schostakowitschs „Nase“ (Spielzeit 2001/02) gehen auch hier Musik und Libretto eine außergewöhnlich wirkungsvolle Verbindung ein.

Das ins Groteske Verfremdete enthüllt auf paradoxe Weise den Ernst des scheinbar Unsinnigen. Charms schwarzer Humor wurde in den durch Stalins Terrorregime beherrschten 30er Jahren immer bitterer und düsterer. In seinen skurrilen Geschichten verbirgt sich die Klage über die Willkür politischer Gewalt, die Brutalität der gesellschaftlichen Verhältnisse, die Zerstörung menschlicher Beziehungen, die allgemeine Entfremdung sowie die eigene Hoffnungs- und Ausweglosigkeit. 1941 wurde Charms als politischer „Klassenfeind“ zum dritten Mal inhaftiert, 1942 verhungerte er während der Blockade der Deutschen in einem Leningrader Gefängnis.

Ein Ziel der Veroperung und Theatralisierung der Charms-Texte ist, „seine Worte in einer anderen künstlerischen Atmosphäre leben und atmen lassen. Wenn die Oper auch die Essenz verschiedener miteinander kontrastierender Materialien ist“, so Haflidi Hallgrimsson, der sich mit „Die Wält der Zwischenfälle“ als Komponist zum ersten Mal auf Opernterrain wagt,

„so folgt sie doch einer strukturellen Entwicklung, die ein großes Spektrum von Stimmungen und Emotionen beinhaltet, die das Komische und das Absurde ebenso einschließt wie das Ernste und Tragische.“

Beim stetig steigenden Interesse für die isländische Musikszene nimmt der Komponist Haflidi Hallgrimsson (*1941) eine entscheidende Rollen ein. Im Alter von zehn Jahren begann er Cello zu spielen. Er studierte in Reykjavik, dann in Rom an der Accademia Santa Cecilia und schließlich an der Royal Academy of Music in London. 1966 wurde er mit dem begehrten Madame Suggia Prize ausgezeichnet, ein Jahr darauf begann er seine Kompositionsstudien bei Alan Bush und Sir Peter Maxwell Davies. Trotz seiner erfolgreichen Laufbahn als Erster Solocellist des Scottish Chamber Orchestras veranlasste ihn sein immer stärker werdendes Verlangen zu komponieren, 1983 seine Stelle aufzugeben und von nun an seine gesamte Zeit dem Komponieren zu widmen. Sein Werkverzeichnis umfasst Instrumental-, Kammermusik- und Orchesterwerke, darunter auch Auftragswerke für das Scottish Chamber Orchestra, das Royal Philharmonic Orchestra (1997) oder etwa 1994 für die Eröffnung der Olympischen Winterspiele mit dem Norwegian Chamber Orchestra. Obwohl der Träger zahlreicher renommierter Preise gern verschiedene bedeutende Einflüsse zugibt, zeichnet sich Hallgrimssons Stil durch eine ungewöhnliche Originalität mit besonderem Gespür für Theatralik, Farben und Linien, Formen und Strukturen aus. Das überrascht keineswegs, wenn man weiß, dass der sich in Edinburgh lebende Komponist bisher auch durch Ausstellungen seiner Gemälde und Zeichnungen einen Namen machte.

Musikalische Leitung | Frank Maximilian Hube

Inszenierung | Michael Scheidl

Ausstattung | Nora Scheidl

Premiere | 30. Januar 2004