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Die Wält der Zwischenfälle. Oper von Haflidi Hallgrimsson in Lübeck

Mit knapp vierzehntätiger Verspätung kam die Uraufführung, bedingt durch eine Erkrankung im Solistenensemble, am 11. Februar 2004 auf die Bühne der Lübecker Oper. Mit dieser Uraufführung, die eine Auftragsarbeit des Theater Lübeck und der Wiener NetZZeit an den isländischen Komponisten Haflidi Hallgrimsson ist, wird die skandinavische Linie des Hauses fortgeschrieben.

Charms (1905-1942) gilt bis heute als Meister der russischen absurden Literatur, der in der direkten Tradition von Gogol, Dostojewski und Tschechow steht. Seine literarischen Miniaturen befinden sich im Spannungsfeld zwischen dem scheinbar Historischen, Gesetzmäßigen und dem Privaten, Zufälligen, doch sein schwarzer Humor wird in den durch Stalins Terrorregime beherrschten 30er Jahren immer bitterer und düsterer. In seinen skurrilen Geschichten verbirgt sich immer auch die Klage um die Willkür politischer Gewalt, die Brutalität der gesellschaftlichen Verhältnisse, die Zerstörung menschlicher Beziehungen, sowie die eigene Hoffnungs- und Ausweglosigkeit.

Der Komponist Haflidi Hallgrimsson, der sich mit „Die Wält der Zwischenfälle“ zum ersten Mal auf Opernterrain wagt, nimmt in der aufblühenden isländischen Musiklandschaft eine entscheidende Rolle ein. Sein Stil zeichnet sich durch eine ungewöhnliche Originalität mit besonderem Gespür für Theatralik, Farben und Linien, Formen und Strukturen aus. 1967 begann er seine Kompositionsstudien bei Alan Bush und Sir Peter Maxwell Davies. Trotz seiner erfolgreichen Laufbahn als Erster Solocellist des Scottish Chamber Orchestras gab er 1983 seine Stelle auf, um sich ganz dem Komponieren zu widmen. Sein Werkverzeichnis umfasst Instrumental-, Kammermusik- und Orchesterwerke, darunter auch Auftragswerke für das Royal Philharmonic Orchestra (1997) oder etwa für die Eröffnung der Olympischen Winterspiele (1994).

Georg Friedrich Kühne rezensierte die Aufführung im Deutschlandfunk:

“Der im schottischen Edinburgh lebende isländische Komponist Haflidi Hallgrimsson hat einige dieser Texte aufgespießt und zu einem Opernlibretto montiert.

’Die Wält der Zwischenfälle’ nennt er sein etwa anderthalbstündiges Werk. "Wält" mit ä. Dessen roter Faden: staunen zu machen über das scheinbar Selbstverständliche, das Unselbstverständliche im Selbstverständlichen heraus zu kitzeln, die Abstände zu markieren zwischen Schein und Sein. Ursprünglich entstand die Oper im Auftrag des Studios der English National Opera. Als dies geschlossen wurde, sprang das Theater Lübeck ein. Dort präsentiert man regelmäßig neue Werke von Komponisten nordischer Länder.

Die Musik Hallgrimssons steht mit der Tradition nicht auf Kriegsfuß. Sie spannt ein stützendes Netz, in dem Charms' absurde Miniaturen gleichsam Trampolin springen können. Oder sie entwirft in ausgedehnten Zwischenspielen auf den Spuren Schosta-kowitschs eine Atmosphäre des Grotesken, die auch von der Vita des Dichters Charms einiges einfängt. Charms verhungerte 1942 bei der Belagerung Leningrads durch die deutschen Truppen in einer Psychiatrie, 37jährig. Stalins Schergen hatten ihn dorthin verbracht.

Die Inszenierung des Regisseurs Michael Scheidl, Leiter eines Opernstudios in Wien, spielt ebenfalls an auf einige biografische Details im Leben des Daniil Charms. Einen schüchternen jungen Mann mit roten Haaren und seinen Doppelgänger sieht man da wie einen naiven Sonderling durch diese ‚Wält’ der Sonderbarkeiten wandern.

Gleich zu Beginn, wie er gleichsam jeden Schritt misst beim Durchlaufen einer unterirdischen Passage, während andere Passanten achtlos an ihm vorbei rauschen. Oder wie eine junge Frau mit falschen Beinen ihrem Liebhaber sich nähert und dann von einem Rollkommando, das mit Spitzhacke in die Wohnung eindringt, kassiert wird. Am Ende ist der junge Mann und "Erzähler" selbst ein Gejagter. Engagiert spielte das Philharmonische Orchester der Hansestadt unter Frank Maximilian Hube die zwischen vielerlei Stilebenen changierende Partitur.“