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„Das Wort ‚neu’ ist alt geworden“ – Sofia Gubaidulina zu Besuch in St. Gallen

Der Verein “Kontrapunkt St. Gallen“, der zugleich die Schweizer Sektion der IGNM (Internationale Gesellschaft für Neue Musik) darstellt, veranstaltet alljährlich eine Konzertreihe mit zeitgenössischer Musik, die in diesem Jahr unter dem Titel „Begegnung mit Sofia Gubaidulina“ ausgewählte Kammermusikwerke der Komponistin vorstellte und jenen der österreichischen Komponisten Bruno Strobel, Peter Ablinger und Günter Zechberger gegenüberstellte.

Im Schweizer Tagblatt (30.03.2004) schreibt Philippe Reichen zu dem viel beachteten Ereignis:

„(...) Begegnungen gab es nach allen Seiten hin, besonders zwischen Komponisten und Interpreten. Der St. Galler Cellist Gerhard Oetiker arbeitete mit der Russin in zwei Probesessions zusammen und berichtet von einer hartnäckigen, intensiven Arbeit. Sofia Gubaidulina hat eine genaue Vorstellung davon, wie ihr Werk zu klingen hat. Was sie sagt, muss gemacht werden, womit sie vom Interpreten wiederum eine schnelle Auffassungsgabe und Unsetzungsvermögen fordert. (...) Auch Sofia Gubaidulina machte in St. Gallen ihre Entdeckungen, gewichtige, wie es scheint. So verteilte sie bereits vor dem Konzert Vorschusslorbeeren und gestand überwältigt, dass sie mit Eva Nievergelt eine Sängerin gefunden habe, die ihre Absichten als Komponistin vom ersten Ton an genau umgesetzt habe (...) Die vierzehn Galgenlieder von Sofia Gubaidulina als Schlussstück der Konzertreihe wurden denn auch zum Höhepunkt und veranlassten den mitorganisierenden Komponisten Bruno Karrer zur Vermutung, dass hinter dem dreitägigen Festival ein Schlusspunkt noch nicht gesetzt sei. (...)“

Im Gespräch mit Bettina Kugler sagte die Komponistin unter anderem:

„(...) Ich bin tatsächlich überzeugt, dass Kunst ohne Religion fast nicht lebendig sein kann. Mir scheint, nur noch Religiosität und die Kunst erheben uns zum Himmel, zu absoluter Wahrheit und höchsten Dingen. Und das ist unbedingt nötig für Menschen. Die Religiosität hat der Mensch schon fast verloren, die Kunst existiert noch, aber sie steht am Rande des Abgrunds. Sie beide zu verlieren, wäre das Ende der Menschlichkeit – ohne Übertreibung. Für mich ist die Verbindung zwischen Kunst und Religiosität ganz natürlich.“

„(...) Etwas Neues zu schaffen, ist im Moment nicht aktuell. Das 20. Jahrhundert hat solchen Reichtum hervorgebracht; so viel Reichtum braucht die Kunst nicht, ebenso wenig wie der Mensch. Viel wichtiger als noch mehr Neues ist die Suche nach dem Sinn der Form: geistige Aktivität, nicht materielle. Das Wort ‚neu’ ist alt geworden. Aktuelle Wörter in der Kunst wären: echt, edel, hoch, geistig.“