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Die FAZ über Günter Krämers Neuninszenierung von Peter Ruzickas „Celan“ in Köln

Nach der Mainzer Neuinszenierung von Peter Ruzickas in Dresden uraufgeführten Oper „Celan“ im Frühjahr vergangenen Jahres erlebte das Werk am 3. April 2004 nun auch in Köln eine Neuinszenierung durch Günter Krämer. Gerhard R. Koch schreibt dazu in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (08.04.2004):

„(...) Ruzickas Musiktheater in sieben Entwürfen (Text Peter Mussbach) verweist schon im Titel auf das Moment des Unabgeschlossenen, ins Offene Weisenden. Weder um Kunstfeier noch um Genie-Heroisierungskult sollte es gehen, eher um fragmentarische Zusammensuchen zerborstener Persönlichkeits-Partikel, kaleidoskopisch hin und her geschüttelt in wirren Zeitläuften zwischen Vorkriegs-Bukarest und heute. Ruzicka, Leiter der Münchner Biennale für Neues Musiktheater, misstraut aus gutem Grund planem Erzähltheater: Schon narrative Linearität und Kausalität würden ‚Sinn’ suggerieren, gegenüber einer vielfach zerrissenen Wirklichkeit fast frivol. Auch insofern bleibt Ruzickas ‚Celan’ vielfache Herausforderung. Nach der Dresdner Uraufführung im März 2001 riskierten Mainz und Darmstadt vor einem Jahr die Zweitversion. Als dritte folgte nun die Kölner Oper, die einen besonderen Authentizitätsfaktor bereithielt: Ruzicka, auch als Dirigent eigener Werke tätig, aber auch von Mahler, Henze und Allan Pettersson, übernahm die musikalische Leitung; schon in Dresden hat er einige Aufführungen von Marc Albrecht übernommen. Souverän führte er das Kölner Orchester durch die schwierige Partitur, aktivierte die perkussiven Brutalismen, ohne zu übertreiben, und verlieh den quasi Mahlerschen Abgesangs-Streicher-Linien beredt elegischen Glanz. In diesem weiten Fächer musikalischer Charakteristik hat ‚Celan’ seine dringliche Qualität noch in den Extremen der akustischen Überwältigung des einsamen Subjekts durch den schier martialischen Apparat wie in der zerbrechlich-resignativen Einstimmigkeit nach dem Vorbild des Beginns von Mahlers Zehnter oder des Schlusses von Schönbergs ‚Moses und Aron’: ‚O Wort, Du Wort, das mir fehlt.’ Dies jedenfalls ist eine alles andere als plakative Umsetzung einer paradigmatisch scheiternden Dichterexistenz. Dass selbst in solch lyrisch-desparater Entrückung, vollends im mehrfach wiederholten ‚Jerusalem’ des chorisch erratischen vierten ‚Entwurfs’, ein affirmativer Ton nicht ganz verschwinden will, gehört zur anscheinend unabweisbaren Grundschwierigkeit eines solchen Werkes.

Nach Claus Guth und Gottfried Pilz hat nun Günter Krämer die Regie übernommen, der auf die Video-Komponente verzichtet, auf andere Weise Kontrast erzeugt. Auch seine Bühne (Ulrich Schulz) ist schwarz, doch auf drei Leuchtstelen erscheinen Adornos Diktum, später Teile der ‚Todesfuge’: eine Art Licht-Text-Installation. Zusätzlich setzt Krämer auf drastische Subjekt-Kollektiv-Polarität: der einsame Celan wird von einer Ensemblephalanx von Celan-Masken drangsaliert, und wie eine surreal-grelle James-Ensor-Menge, nur in Schwarz, dringt der Chor der ihn des Plagiats Bezichtigenden auf ihn ein: kinetischer Masse-Mensch-Horor, Treibkraft zum Selbstmord. Noch einen anderen Gegensatz reizt Krämer aus: den zwischen dem mehrfachen Außenseiter und den Gruppierungen offiziell vital-heiterer Volkstümlichkeit, blond-blauäugiger, straff-lieblicher Zöpfchen- und Badehosen-Fröhlichkeit, ‚Kraft-durch-Freude’-Glamours, von Nazis wie Kommunisten propagiert – vielleicht für den Desperado nicht einmal verlockend. Am Schluss kommt doch zaghaft Realität ins Spiel: Von einer Brücke sucht einer mit Celan-Maske und Taschenlampe die Seine ab. (...)“