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Schnittke und Schlöndorff beim Locarno Filmfestival

Volker Schlöndorffs neuer Film „Der neunte Tag“, gehört zu den großen Gewinnern des diesjährigen Locarno Filmfestivals. Entgegen seiner ursprünglichen Absicht, ein KZ-Drama zu verfilmen, hat Volker Schlöndorff ein Sujet aufgegriffen, das sich auf die autobiographischen Aufzeichnungen des luxemburgischen Abbé Jean Bernard stützt. In "Pfarrerblock 25487" schilderte er sachlich die traumatischen Erinnerungen an ein unvorstellbares Grauen, das ihm und seinen Mitgefangenen im Konzentrationslager Dachau widerfuhr. Dabei geschah etwas Außergewöhnliches: Der Abbé wurde für neun Tage aus dem KZ entlassen. Die zurückgelassenen Priester hafteten als Geiseln mit ihrem Leben für Bernards Rückkehr.In den Hauptrollen sind Ulrich Matthes, August Diehl und Hilmar Thate zu sehen. Als Soundtrack für diesen bewegenden Film mit dem Titel "Der neunte Tag" verwendet Schlöndorff ausschließlich Musik von Alfred Schnittke, und zwar Ausschnitte aus dessen Concerto grosso Nr. 1 und dem ersten Violoncellokonzert in seiner gesamten Länge. Das schwedische, für Schnittkes Musik besonders engagierte Label BIS hat den Soundtrack in einer Sonderedition auf CD veröffentlicht.

Peter Zander schreibt zur Erstvorstellung des neuen Schlöndorff-Films in der WELT (7.8.2004):

„(...) Schlöndorff wollte eigentlich nie einen Film über ein KZ machen. Das, so glaubte er immer, sei nicht darstellbar. Jetzt hat er seine Meinung revidiert, findet er diese Haltung zu bequem. Und stellt sich noch einmal dem Thema der Verführung durch den Nationalsozialismus, von dem er auf dem Filmfestival von Locarno offen zugibt, dass er es vor acht Jahren in seinem ‚Unhold’ nicht bewältigt hat. ‚Der neunte Tag’ ist, nach dem sinistren Auftakt, weitestgehend ein Kammerspiel. Ein Schlagabtausch zwischen dem Abbé und seinem Mephisto: ein Untersturmführer, der im theologischen Diskurs mitreden kann, der selbst Priester werden wollte und sich als Bruder im Geiste geriert. Aber den Krieg allen Ernstes als Kreuzzug versteht und Hitler von Gott gesandt. Der Antichrist, ein Christ. Schlöndorff und sein Kameramann Tomas Erhart finden eindringliche Bilder, die noch lange nachwirken und zu Metaphern gerinnen: das Paar Pantoffeln, in denen der Abbé durch die Stadt schlurft, weil ihm durch die Lagertorturen keine Schuhe mehr passen. Oder das Mahl in der Familie, das er nicht mehr mit Messer und Gabel essen kann, sondern gierig mit dem Löffel verschlingt. Um die Sache selbst, den theologischen Disput und dessen politische Tragweite, geht es dem von Jesuiten erzogenen Regisseur hingegen gar nicht. Erst recht nicht, wie kürzlich in der Verfilmung von Hochhuths "Stellvertreter", um die Schuld der Kirche als Institution. Sondern um das konkrete private Dilemma: dass ein Individuum sich entscheiden muss und keiner ihm diese Verantwortung abnehmen kann.

‚Der neunte Tag’, der bereits auf dem Filmfest München gezeigt und dort mit dem Bernhard-Wicki-Friedenspreis ausgezeichnet wurde, lief in Locarno auf der Piazza Grande, in jener Programmschiene, in der Sönke Wortmanns ‚Wunder von Bern’ im Vorjahr den Publikumspreis gewann. (...)“