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Lera Auerbach: "Dreams and Whispers of Poseidon" in Los Angeles

Am 27. Mrz wird das American Youth Orchestra die neue Komposition Dreams and Whispers of Poseidon von Lera Auerbach in Los Angeles zur Urauffhrung bringen. Die Leitung hat Alexander Treger.

Lear Auerbach kommentiert ihr Werk mit den folgenden Worten:

The American Youth Symphony bat mich, anlsslich ihres vierzigjhrigen Bestehens ein Orchesterwerk fr ihre Jubilumssaison 2004/05 zu schreiben. Als Einleitungsstck fr ein Konzertprogramm sollte es im Dorothy Chandler Pavilion in Los Angeles uraufgefhrt und gleich danach auch in der New Yorker Carnegie Hall gespielt werden. Zunchst beabsichtigte ich, ein vllig anderes Werk mit dem Titel An Overture for an Unforeseeable Future (Ouvertre zu einer unvorhersehbaren Zukunft) zu schreiben, doch dann ereignete sich die Katastrophe des 26. Dezembers 2004. Dabei war Brigitte Feldtmann, eine Freundin von mir, in den Malediven wie durch ein Wunder der tdlichen Welle entkommen. Orlantha Ambrose jedoch, eine Instrumentallehrerin der American Youth Symphony, berlebte nicht. An jenem Tag forderte die See mehr als 200.000 Menschenleben. In der Tat hatte sich die Zukunft als unvorhersehbar erwiesen.

Die Macht und Rtselhaftigkeit des Ozeans waren mir in den letzten sechs Monaten stndig gegenwrtig, als ich an meinem neuen Ballett Die kleine Meerjungfrau arbeitete, welches das Kgl. Dnische Ballett zur Erffnung des neuen Kopenhagener Opernhauses und anlsslich des Hans-Christian-Andersen-Jubliums bei mir in Auftrag gegeben hatte. Meine Meeresfaszination jedoch hatte viel frher begonnen. Der Ozean mit seinen magnetischen Erschaffungs- und Zerstrungskrften, unendlichen Geheimnissen, seiner unvorstellbaren Schnheit, unergrndlichen Dunkelheit und seinen faszinierenden Farben, mit seiner Weite und seinen Kreaturen all dies hat mich seit frhester Kindheit in meinen Trumen beschftigt.

Als ich klein war, kannte ich die antiken griechischen Sagen auswendig, besonders die Argonautensage. In gewisser Weise lebte ich in einer doppelten Realitt, und ein Teil von mir fuhr an Bord der Argo ber die Meere. Poseidon war in meinem Leben tglich prsent (und zuweilen als Bedrohung). Er war real. Meerjungfrauen, halb Fisch, halb Mensch, waren als Chimren ebenfalls real. Und sie sind es immer noch. In ihnen verschwimmt die Grenze zwischen Zerstrung und Erschaffung wie die Grenze, die Tod und Leben trennt.

Vielleicht ergab sich diese Meeresfaszination bei mir dadurch, dass ich in Tscheljabinsk lebte, einer russischen Industrie- und Provinzstadt, die von allen Meeren sehr weit entfernt ist. (Tatschlich hatte ich noch nie einen Ozean gesehen, bis ich im Alter von 17 Jahren nach New York kam.) Die imaginre See dieser Erzhlungen und Mythen symbolisierte eine andere Welt: schn, geheimnisvoll und mchtig, zuweilen sehr grausam, jedoch weitaus farbenfroher als die Welt um mich herum.

In meinen ersten Klavierimprovisationen im Alter von 3-4 Jahren, versuchte ich immer wieder, eine Geschichte in Tnen zu malen, die von der See und von weien Segelschiffen handelte (eine Variation eines berhmten Gedichts von Lermontow): Es gibt einen Sturm, das Schiff sinkt, doch bald zeigt sich das Meer wieder so, als ob nichts geschehen wre. Dies waren meine ersten Kompositionen. Vielleicht bin ich in gewisser Weise noch dasselbe Kind wie damals, unfhig, aus der Traumwelt meiner Mrchen zu erwachen, die sich nur allzu oft im realen Leben widerspiegeln. Vielleicht schreibe ich im Grunde immer noch dasselbe Stck.

(Lera Auerbach im Februar 2005 /

bersetzung: Hans-Ulrich Duffek)