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„Spektakuläre Besetzungen“ in ausgewählten Werken der Sikorski-Kataloge

Auf Gartenschläuchen oder Kämmen zu blasen, ist schwierig und wird von den meisten Komponisten auch selten verlangt. Was nicht heißen will, dass die Tonschöpfer an ungewöhnlichen Instrumenten und „spektakulären Besetzungen“, wie wir den Leitartikel dieser Ausgabe überschrieben haben, keine Freude hätten. Viele von ihnen sind fantasiereich bei der Wahl ihrer klanglichen Mittel. Allein in den Katalogen der Sikorski Musikverlage findet sich eine Vielzahl ungewöhnlich besetzter Werke. Manche von ihnen wurden und werden oft gespielt, andere kann man als „verborgene Schätze“ betrachten, die es unbedingt kennen zu lernen gilt. Einige der spannendsten Stücke haben wir für Sie zusammengestellt und kommentiert.

Die in St. Petersburg lebende Komponistin Galina Ustwolskaja (*1919) gehört zu den faszinierendsten und außergewöhnlichsten Komponistinnen der Moderne. Eine konsequente Konzentration auf Klang, Ausdruck und Rhythmik, verbunden mit einer besonderen Gottesbeschwörung, ist bezeichnend für Ustwolskajas Schaffen. Ihr Werkverzeichnis weist überwiegend Kompositionen für kleinere Besetzungen auf. Diese aber sind höchst eigenwillig. Die schlicht als Kompositionen Nr. 1 bis 3 bezeichnete Werkreihe sticht dabei besonders hervor. Im ersten Werk mit dem Untertitel „Dona nobis pacem“ verlangt die Komponistin die Triobesetzung Piccolo, Tuba und Klavier. Bei der Komposition Nr. 2 „Dies irae“ begegnen sich gar acht Kontrabässe, Schlagzeug und Klavier, und in der dritten Komposition „Benedictus qui venit“ gesellen sich vier Flöten und vier Fagotte zum Tasteninstrument. Die klangfarblichen Kontraste und Extrempositionierungen spiegeln sich auch in Ustwolskajas Behandlung dieses Instrumentariums. Hart knirschende Cluster-Repetitionen und dynamische Grenzbereiche sind ihre Mittel, um ihr Material – so drückte es ihr Schüler Boris Tischtschenko einmal aus – wie mit einem Laserstrahl zu beleuchten, der „in der Lage ist, Metall zu durchdringen.“

Weit ist das Ausdrucksspektrum dieser Komponistin. Anspannung wechselt mit beklemmender Traurigkeit, durch tiefe Trauer wühlt sich Zärtlichkeit und Bitterkeit hindurch, Protest durch Schmerz unterbrochen, und gelegentlich scheint dumpfe Verzweiflung zu herrschen.

Sofia Gubaidulina (*1931) arbeitet überwiegend mit traditionellem Instrumentarium, verlangt in ihren Partituren aber zuweilen unorthodoxe Spielweisen. In einem ihrer neueren Werke, „Am Rande des Abgrunds“, das Gubaidulina ihrem Freund, Komponistenkollegen und Improvisationspartner in der Gruppe „Astreja“, Viktor Suslin, gewidmet hat, besetzt sie sieben Violoncelli und zwei Aquaphone (Waterphones). Dieses Instrument besteht aus Messingstäben, die mit einem Schlägel angeschlagen oder mit einem Kontrabassbogen gestrichen werden, was changierende, sonderbar sphärische Klänge zur Folge hat. Der Begriff „Abgrund“ stehe, so die Komponistin, für die Zone zwischen Griffbrett und Steg eines Streichinstrumentes, die vom Klang her das höchste Register des Instrumentes sei.

Eine Instrumentierung der besonderen Art im „Großformat“ bedeutet Gubaidulinas 1976 entstandenes Konzert für Sinfonieorchester und Jazzband. Dem stark besetzten traditionellen Sinfonieorchester steht eine Art Unterhaltungsorchester mit Saxophonen, Drums und Hihat, E- und Bass-Gitarre, zwei Harfen und E-Orgel gegenüber. Außerdem wirken drei Sopranstimmen mit, die zudem elektronisch verstärkt und mit Echo-Effekten versehen sind. Saxophone wie in diesem Konzert spielen auch eine tragende Rolle in Gubaidulinas faszinierendem Ensemblestück „In Erwartung“ für Saxophonquartett und sechs Schlagzeuger.

Die aserbaidschanische Komponistin Frangis Ali-Sade (*1947) greift schon aufgrund ihrer Herkunft zu Instrumenten, die dem europäischen Kulturraum nicht gar so geläufig sind. In ihrem neuen Werk „Sabah“ kommt neben der Violine, dem Violoncello und einem präparierten Klavier allerdings kein orientalisches, sondern ein chinesisches Instrument zum Einsatz. Die Kurzhalslaute, genannt Pipa oder Biwa, hat einen runden bis birnenförmigen Korpus, der unabgesetzt in einen kurzen, mit hohen Bünden ausgestatteten Hals mit abgewinkeltem Wirbelkasten übergeht. Die Saiten der Pipa werden zumeist mit einem Plektrum angeschlagen.

Chinesisches Instrumentarium ist Xiaoyong Chen (*1955), natürlich mehr als vertraut. Dieses wird nicht zufällig oder gar nur gelegentlich eingesetzt, sondern ist ein konstitutives Element seiner Musiksprache. Bei Chen finden wir neben asiatischen Klangschalen u.a. das Zheng. „Zheng, ein historisches Saitenzupfinstrument aus China, wird auch Gu (alt oder antik)-zheng genannt.“ Auf einem länglichen Korpus werden mehrere Saiten gespannt, deren Anzahl sich anfangs von fünf über dreizehn im 6.-10. Jahrhundert und später bis sechzehn erhöhte. Der einfache Klang des Instruments erinnert an die Harfe.“ Chen verwendet das Instrument u.a. in seinem Werk „Xi-Fusion III“ für Zheng, Singstimme, Sheng und Klangschalen.

Auch in einem Konzert allein für handgespielte Instrumente hätte das Zheng zum Einsatz kommen können. Diesen ungewöhnlichen, auf das Instrumentarium bezogenen Fokus hat der österreichische Komponist Theodor Berger (1905-1992) für sein Concerto Manuale aus dem Jahr 1951 gewählt. Es handelt sich dabei um ein Orchesterstück für handgespielte Instrumente wie Pauken, Tambourin, Marimba, Metallophon, zwei Klaviere und Streicher. Die Bläser fehlen ganz. „In dieser Partitur“, erklärte der Komponist, „ist strukturell alles jenen Instrumenten sozusagen auf den Leib geschrieben, an deren Tonerzeugung allein die Hände beteiligt sind.

An ostasiatischer Kultur oder Literatur orientiert sich der ukrainische Komponist Leonid Hrabowsky (*1935) in seiner Komposition „Aus japanischen Haikus“ für Tenor, Piccolo, Fagott und Xylophon. Die lyrische Kurzform hat neben vielen anderen auch schon die aserbaidschanische Komponistin Frangis Ali-Sade zu eigenen Werken angeregt. Die Vokalkomposition von Hrabowsky entstand bereits im Jahr 1964. Die begleitenden Instrumente dieser intelligent und humorvoll vertonten dreizeiligen Poesien (Piccolo, Fagott und Xylophon) haben gleichsam kommentierende Funktion, während der Sänger zuweilen mit den Fäusten auf die Brust schlägt, was zu ungewöhnlichen Effekten und Akzenten führt. Ein anderes Vokalwerk, Epitaph in memoriam Rainer Maria Rilke für Sopran, Harfe, Celesta, Gitarre und Glocken, ist nicht weniger bizarr besetzt, wobei die in einer Komposition selten miteinander verbundenen Instrumente einen faszinierenden Klang erzeugen. Allein die Kombination Celesta und Glocken trifft man wohl schon öfter mal an, zum Beispiel in der Sonate für zwei Spieler (für drei Klaviere, Vibraphon, Glocken und Tonband) von Kara Karajew (1918-1982).

Instrumente aus bestimmten folkloristischen Traditionen spielen in Benjamin Yusupovs Werk „Dasht“ für Posaune, ethnische Instrumente und Kammerensememble (oder Orchester) aus dem Jahr 2000 ein zentrale Rolle. Gemeint sind neben außergewöhnlichen Schlaginstrumenten auch die Okarina, das Didgeridoo oder die spanische Zurna.

Ein historisches Instrument wie das Cembalo hat es in der Neuen Musik der ersten Nachkriegsjahre relativ schwer gehabt. Diese Zurückhaltung der Komponisten hat sich in der Gegenwartsmusik grundlegend geändert. Viele deutsche und russische Avantgardisten nutzen den transparenten Klang und die wandelbare Intonation dieses Tasteninstrumentes zu klangfarbenreichen und vieldeutigen Kompositionen. Nicht zuletzt des farbgebenden, zart umreißenden Charakters des Cembalo-Klanges wegen hat Tigran Manssurjan (*1939) seine Suite für Cembalo und Schlagzeug mit dem Titel „Die Silhouette des Vogels“ überschrieben.

In einem ebenso außergewöhnlichen wie instrumentalen Umfeld wie bei Manssurjan bewegt sich das Cembalo in Alfred Schnittkes Hymnus IV für Cembalo, Harfe, Pauken und Röhrenglocken. Die vier Hymnen von Schnittke für verschiedene Kammerorchesterbesetzungen sind im Laufe von sechs Jahren komponiert worden und bilden einen Werkzyklus, dem eine übergreifende Idee zugrunde liegt.

György Ligeti hat 1962 mit seinem symphonischen Poem für hundert Metronome einen wahren Hit der Neuen Musik geschaffen, der vielfach nachgespielt wurde und einen eigentümlichen Charme entfaltet. Von Alfred Schnittke (1934-1998) nun stammt die Komposition „Lebenslauf“ für vier Metronome, drei Schlagzeuger und Klavier. „Die Struktur des Stückes“, so hatte Schnittke einmal erklärt, „ist durch meinen bisherigen Lebenslauf bestimmt: Die für meine Entwicklung wichtigen Ereignisse, Eindrücke sowie fremde und eigene musikalische Themen werden durch aperiodische Einsätze und Akzente an den jeweiligen Zeitpunkten angedeutet. Darunter läuft ein sich zwar immer mehr beschleunigender, doch periodischer Zeitmechanismus ab.“

Die Zahl Drei hat eine magisch-mystische Bedeutung in vielfacher Hinsicht, vor allem aber im Christentum mit Blick auf die Dreieinigkeit. Vielleicht war dies ein Grund für den russischen Komponisten Rodion Shchedrin (*1932), in seinem „Musikalischen Opfer“ neben der Orgel jeweils drei Flöten, drei Fagott und drei Posaunen zu besetzen. Apart klingt diese Bläserbesetzung drei mal drei aber auf jeden Fall in Kombination mit der Orgel, der Königin der Instrumente.

In seinem Frühwerk, der Kammermusik aus dem Jahr 1961, verlangt Shchedrin eine Harfe und ein Akkordeon sowie 20 Violinen und zwei Kontrabässe.

Die genannten Werke sind nur ein Ausschnitt aus den Katalogen der Sikorski Musikverlage. Wenn Sie mehr wissen und erfahren wollen, bestellen Sie bitte unser Verlagsverzeichnis 2005, den Orchester-Leihkatalog und unsere CD-ROM Kammermusik, mit deren Hilfe Sie auf elektronischem Wege nach einzelnen Besetzungen oder Instrumenten individuelle Werkzusammenstellungen abfragen können.

Info-Kasten – „Spektakuläre Besetzungen“ – besprochene Werke:

Frangis Ali-Sade:

„Sabah“ für Violine, Violoncello, Pipa und präpariertes Klavier

Theodor Berger:

Concerto manuale. Orchesterstück für handgespielte Instrumente (Pauken, Tamborin, Marimba, Metallophon, zwei Klaviere und Streicher)

Xiaoyong Chen:

„Xi-Fusion III“ für Zheng, Singstimme, Sheng und Klangschalen

Sofia Gubaidulina:

„Am Rande des Abgrunds“ für sieben Violoncelli und zwei Aquaphone

„In Erwartung“ für Saxophonquartett und sechs Schlagzeuger

Konzert für Sinfonieorchester und Jazzband

Leonid Hrabovsky: „Aus japanischen Haikus“ für Tenor, Piccolo, Fagott und Xylophon

„Epitaph in memoriam Rainer Maria Rilke“ für Sopran, Harfe, Celesta, Gitarre und Glocken

Kara Karajew:

Sonate für zwei Spieler (für drei Klaviere, Vibraphon. Glocken und Tonband)

Tigran Manssurjan:

„Die Silhouette des Vogels“. Suite für Cembalo und Schlagzeug

Alfred Schnittke:

Hymnus I für Violoncello, Harfe und Pauken

Hymnus IV für Cembalo, Harfe, Pauken und Röhrenglocken

„Lebenslauf“ für vier Metronome, drei Schlagzeuger und Klavier

Rodion Shchedrin:

„Musikalisches Opfer“ für Orgel, drei Flöten, drei Fagott und drei Posaunen

Kammersuite für Harfe, Akkordeon, 20 Violinen und 2 Kontrabässen

Galina Ustwolskaja:

Komposition Nr. 1 „Dona nobis pacem“ für Piccolo, Tuba und Klavier

Komposition Nr. 2 „Dies irae“ für acht Kontrabässe, Holzwürfel und Klavier

Komposition Nr. 3 „Benedictus qui venit“ für vier Flöten, vier Fagotte und Klavier

Benjamin Yusupov:

„Dasht“ für Posaune, ethnische Instrumente und Kammerensemble (oder Orchester)