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Höhepunkt des Andersen-Jahres in Kopenhagen: Lera Auerbachs Ballettmusik „Die kleine Meerjungfrau“

Im Deutschlandradio Kultur wurde am 17. April 2005 ausführlich über die Uraufführung von John Neumeiers Ballett „Die kleine Meerjungfrau“ berichtet. Marc-Christoph Wagner sagt in dieser Sendung:

„Meerjungfrauen tauchen in unzähligen Sagen und Märchen auf - von Homer bis Hans Christian Andersen. Letzterer hat mit seiner Erzählung von der kleinen Meerjungfrau Arielle, die den schiffbrüchigen Prinzen William erst rettet und sich dann in ihn verliebt, schon früh die Problematik multikultureller Integrationsschwierigkeiten thematisiert. Zu den Feierlichkeiten aus Anlass von Andersens 200. Geburtstag gehörte jetzt auch die Uraufführung einer Ballettfassung des Märchens.

Die weltberühmte Skulptur der Kleinen Meerjungfrau im Kopenhagener Hafen, nur wenige hundert Meter vom neuen Opernhaus entfernt - sie ist eine Auftragsarbeit aus dem Jahre 1909. Der Mäzen Carl Jacobsen hatte eine Ballett-Inszenierung des Stückes am Königlichen Theater gesehen und bat daraufhin den Bildhauer Edvard Eriksen die Meerjungfrau zu verewigen. Knapp einhundert Jahre später ist es das Königliche Theater selbst, welches einen Auftrag anlässlich von Hans Christian Andersens 200. Geburtstag zu vergeben hat. Und Ballettchef Frank Andersen wusste im Herbst 2001 sofort, wen er um die Inszenierung der Kleinen Meerjungfrau bitten würde:

Die Vision des Königlichen Balletts ist es, der beste Geschichtenerzähler in der Welt des Tanzes zu sein. Und in Hamburg sitzt ein Mann namens John Neumeier, der Geschichten erzählen und darstellen kann wie kein anderer.

Es ist die Geschichte einer unerfüllten Liebe. Die Kleine Meerjungfrau opfert ihrem Prinzen das Schönste und Kostbarste was sie hat, ihre Stimme, ja ihr ganzes Wesen, dennoch wird ihre Sehnsucht nicht erfüllt. Neumeiers Choreographie arbeitet die Unvereinbarkeit der Welten unter und über dem Wasser wunderbar heraus. Durch die völlig unterschiedlichen Bewegungsabläufe der Tänzer wird deutlich, dass die Meerjungfrau, egal welches Opfer sie auch bringen mag, im Reich des Prinzen stets eine Fremde bleiben wird. Im Großen und Ganzen folgt Neumeier Hans Christian Andersens Text, wobei er eigene Schwerpunkte setzt.

Jede gute Übersetzung, glaube ich ist keine wörtliche Übersetzung, das heißt, es gibt Dinge, die man in der Literatur viel besser ausdrücken kann, viel besser klar machen kann oder mit anderen Mitteln eine poetische Ebene schaffen. Und im, sagen wir, Bewegungstheater gibt es andere Dinge, wo man wirklich Schwerpunkte machen kann, um die emotionalen Beziehungen klar zu machen - Dinge, die eine Welt definieren.

Neben der eigentlichen Choreographie hat John Neumeier auch das Bühnenbild, das Licht und die Kostüme geschaffen. Dies alles ist von einer faszinierenden Schlicht- und Klarheit, die die Zeitlosigkeit von Andersens Märchen unterstreicht. Bei allem Lob aber, welches der Multikünstler Neumeier für die Inszenierung verdient, die Kleine Meerjungfrau hätte nicht diese Klasse, wäre da nicht - ja, die Kleine Meerjungfrau in Person der Ballerina Marie-Pierre Greve. Ihre Interpretation ist schlichtweg sensationell. Wer einmal gesehen hat, wie die einst an der Deutschen Oper Berlin tätige Französin die Meerjungfrau "wie auf Messern" laufen lässt, wie es bei Andersen heißt, wer einmal diese Mischung aus kindlicher Naivität, Hingabe und Zerbrechlichkeit erlebt hat, der weiß - nur so, und nicht anders, kann dieser Part getanzt werden.

Und auch eine andere junge Frau hat diesem Werk ihren Stempel aufgedrückt. Die 32-jährige Hindemith-Preisträgerin Lera Auerbach hat die Musik für die Kleine Meerjungfrau komponiert. Ihr ist es gelungen, jeder Szene ihren eigenen musikalischen Charakter zu verleihen und gleichzeitig ein stets zwischen Melancholie und Hoffnung schwankendes Gesamtwerk zu schaffen. Es ist das zweite Mal, dass Auerbach zusammen mit John Neumeier kooperiert. Vor knapp zwei Jahren hatte Neumeier in Hamburg die beiden von Auerbach geschriebene Preludes-Zyklen choreographiert.

Es sind zwei völlig unterschiedliche Ballette. Beim Preludes-Projekt war die Musik bereits vorhanden, und John Neumeier hat sich daran orientiert. Bei der Meerjungfrau fingen wir beide bei Null an - der Dialog zwischen Choreographie und Komposition war sehr viel intensiver, das Werk wurde von beiden Seiten her geformt. Das war ein ebenso faszinierender wie lehrreicher Prozess.

Das Kopenhagener Publikum, darunter Königin Margarethe II. - es feierte die Premiere der Kleinen Meerjungfrau am Freitagabend mit begeistertem Applaus. Und zu recht: Neumeier und allen Beteiligten ist ein fulminantes Werk gelungen. Wie die Skulptur auf der anderen Seite des Hafens, ist diese Meerjungfrau für die Ewigkeit geschaffen.“