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John Neumeier über das Ballett „Kleine Meerjungfrau“

Am 15. April 2005 wird Hamburgs Ballett-Chef John Neumeier das neue Opernhaus in Kopenhagen mit einer Hommage an den dänischen Dichter Hans Christian Andersen zu dessen 200. Geburtstag eröffnen. Andersens berühmtestes Märchen, "Die kleine Meerjungfrau", choreographiert Neumeier auf die Musik von Lera Auerbach, die das Opernhaus als Auftrag an die junge Russin vergeben hat. Monika Fabry sprach für das HAMBURGER ABENDBLATT (Ausgabe vom 14.4.2005) mit dem Star-Choreographen:

ABENDBLATT: Andersen selbst hat über seinen Erzählstil geschrieben: Ich greife eine Idee auf, die für Ältere gedacht ist - und erzähle sie dann den Kleinen, während ich daran denke, dass Vater und Mutter oft zuhören, und ihnen muss man etwas für den Verstand geben. - Lässt sich das auf Ihren Stil übertragen?

JOHN NEUMEIER: Andersen war, und da liegt die Schwierigkeit für mich, in dieser Hinsicht ein Genie. Er erzählt eine Geschichte außerordentlich vielschichtig, und es ist auch eine Aufgabe, diese Vielschichtigkeit erfahrbar zu machen. Vor allem greife ich den Gedanken Andersens auf, dass alle Figuren aus seinem Leben kommen. So gibt es eine Art Rahmenhandlung, in der er als Figur erscheint.

ABENDBLATT: Wie wollen Sie das begründen?

NEUMEIER: Andersen hat die "Meerjungfrau" an einem emotionalen Wendepunkt geschrieben. Sein Freund Edvard Collin hatte sich entschieden zu heiraten. Andersen ist nicht zur Hochzeit gegangen und hat das Märchen als Reaktion auf den Bruch dieser Beziehung geschrieben. Ich erfinde eine Situation, dass sich Andersen auf dem Meer, auf einem Schiff befindet und sich der Hochzeit erinnert. Der Erzähler spürt eine Träne in seinem Auge, die ins Wasser tropft. Er schaut ihr nach und taucht mit ihr ein in die Tiefe des Meeres, in der seine Sehnsucht in der Gestalt der Meerjungfrau visualisiert wird.

ABENDBLATT: Wie werden Sie den Tränenfluss sichtbar machen? Gibt es einen Film?

NEUMEIER: Ich benutze weder einen Film noch andere Tricks. Ich benutze, wie im japanischen Theater, eine strenge Gestensprache, wie sie bei traditionellen mythischen oder überirdischen Geschichten verwandt wird.

ABENDBLATT: Wie verträgt sich diese Stilisierung mit Andersens poetischer Ausdrucksweise?

NEUMEIER: Es ist immer so, wenn man eine literarische Vorlage nimmt, die sehr reich ist in ihrem Bereich. Das Meer und die Farben, wie Andersen sie beschreibt, können wir kaum darstellen. Also gibt es Dinge, die er so nicht erfunden hat, die ich aber brauche, um zu den gleichen Gedanken zu kommen.

ABENDBLATT: Setzen Sie Schwerpunkte?

NEUMEIER: Ja. Ein Schwerpunkt ist für mich, was ich in "Tod in Venedig" angefangen habe: Die Beziehung zwischen Schöpfer und Schöpfung zu verdeutlichen und wie der Schöpfer seine Unsterblichkeit in seiner Schöpfung findet. Ich glaube, dass das typisch für Andersen ist. Weil er in seinem emotionalen Leben keine Erfüllung bekam, hat er seine Unsterblichkeit in seinem Werk gefunden. Das ist ein Thema.

ABENDBLATT: Worin unterscheidet sich die "Meerjungfrau" von der "Undine", die Sie 1994 herausgebracht haben?

NEUMEIER: Ich mache zum ersten Mal ein Remake, weil ich das Gefühl bei der "Undine" hatte, daß die Musik (Hans Werner Henze) nicht wirklich zur Geschichte paßt. Deshalb wollte ich das Stück noch einmal choreographieren. Man wird Dinge wiedererkennen, dramaturgisch hat es einen ähnlichen Aufbau, choreographisch aber ist kein einziger Schritt der gleiche. Es gibt lediglich zwei Posen der Meerjungfrau, die übernommen werden.

ABENDBLATT: Sie haben sehr eng mit Lera Auerbach zusammengearbeitet. Wie aber verträgt sich der riesige Orchesterapparat, in dem die Komponistin vom Saxophon über Schlagzeugbatterien und elektronische Instrumente bis zu Harfen und Orgel alles auffährt, mit Andersens Poesie und Ihrer Bewegungssprache?

NEUMEIER: Das werden wir sehen. Ich habe bis vor wenigen Tagen nur nach dem Klavierauszug gearbeitet. Das ist auch für mich ein Abenteuer mit Überraschungen.

ABENDBLATT: Gibt es ein ähnliches Märchen wie "Die kleine Meerjungfrau" im Amerikanischen?

NEUMEIER: Nein. Es sind zwei Dinge, die hier einmalig sind. Auf der einen Seite das extreme Opfer, das von ihr verlangt wird aus Liebe, und der Schluß. Es ist kein einfacher Mord oder Selbstmord oder Vergebung. Es ist der Gedanke, die eigene Erlösung zu erarbeiten. Das heißt, ich werde nicht verdammt, ich werde auch nicht belohnt. Ich muß erst mal dreihundert Jahre arbeiten, um Erlösung zu finden. Ein unglaublicher Schluß für ein Märchen. Für uns Menschen wäre diese Entscheidung Folter. Und dennoch verstehe ich dieses Ende als positiv.