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Heute in DIE WELT: Beitrag über Johannes Harneits Oper „Der Räuber“

Zur bevorstehenden Uraufführung von Johannes Harneits Oper „Der Räuber“ nach einem nachgelassenen Roman von Robert Walser schreibt Tom R. Schulz in der Tageszeitung DIE WELT vom 20. Juni 2006:

„Zwei Wochen vor der Uraufführung konnte Johannes Harneit beim besten Willen noch nicht sagen, ob sein Stück ‚Der Räuber’ nach Robert Walser nun eine, drei oder acht Stunden dauern werde. "Zweistundenstücke hab ich schon so viele gemacht", sagt der Mann mit dem klaren Blick aus den großen, graublauen Augen. In den letzten Jahren schuf er die Musik zu "Reproduktion verboten" oder "Geschwister Tanner", ebenso sinnlichen wie abgründigen Gemeinschaftsproduktionen mit Christoph Marthalers Bühnenbildnerin Anna Viebrock, die inzwischen selbst als Musiktheater-Regisseurin arbeitet.

Der 1963 in Hamburg geborene und aufgewachsene Musiker möchte mit seiner Walser-Arbeit an der Opera stabile eine vor 22 Jahren von ihm dort geschlagene Scharte auswetzen: Für die Uraufführung seiner 1983 geschriebenen Auftragsoper ‚Der Idiot’ hingen schon die Plakate an den Litfaßsäulen, doch Harneit wurde damals nicht rechtzeitig fertig. ‚Ich konnte eben noch nicht dirigieren’, erklärt er ohne Umschweife. Das hat er später gelernt; nach Stationen in Oldenburg und im Ruhrgebiet wurde er vor vier Jahren als Musikdirektor, Komponist und Dirigent an die Oper Hannover engagiert.

Statt es sich auf den Lorbeerkränzen bequem zu machen, die man ihm dort für seine musikalische Leitung bei Peter Konwitschnys Inszenierung von Luigi Nonos ‚Unter der großen Sonne von Liebe beladen’ oder zuletzt bei ‚iOPAL’ nach Hans-Joachim Hespos gewunden hat, bettet sich Harneit an der Opera stabile jetzt lustvoll auf Dornen. Passend zur masochistisch veranlagten ‚Räuber’-Figur aus Walsers letztem Roman zieht er sublimen Genuß aus den finanziellen Nöten der Hamburgischen Staatsoper, die ihm den Kompositionsauftrag gab, ohne auch noch Geld für die Produktion erübrigen zu können. Die mit Ulrike Bartusch (Stimme) und Wobine Bosch (Tanz) entstehende Inszenierung arbeitet mit fortschreitend magerer werdenden Textausschnitten aus den 24 mikroskopisch klein beschriebenen Blättern, auf denen Walser den ‚Räuber’ schrieb, mit musikalischen und literarischen Zitaten, die falsche Fährten legen sollen, und mit auf Super-acht gedrehten Filmsequenzen als Zwischenspielen.

Die Versuchsanordnung erweist zugleich Walser und dem Stand der Dinge in der Kultur Reverenz: Kein Geld? Also kein Bühnenbild, Kostüme vom Flohmarkt, null technischer Firlefanz, und die Musik spielt Harneit selbst am Klavier. ‚Wenn die Oper so sparen muß, dann sparen wir eben erst recht!’, sagt der listige Künstler, der beide Seiten des Betriebs kennt und sich die Selbstausbeutung leisten kann. Noch - bald will er dem Staatstheaterbetrieb adieu sagen und wieder frei arbeiten. In seinem ‚Räuber’, nach Harneits Worten auch ‚eine Etüde über das Nichts’, wird sich zeigen, ob nicht auch Schmalhans ein vorzüglicher Küchenmeister sein kann."